Kreativität

Er verbringt seine Freizeit in der Stadtbibliothek

Joachim Müller wollte schon als Sechsjähriger eine eigene Marke haben. Im Makerspace der Stadtbibliothek produziert er heute eigene T-Shirts. Mit der Kunst will er es weit bringen, doch erst nachdem er sich finanziell abgesichert hat.

Hoch konzentriert: Joachim Müller arbeitet mit Transferfolie.

Hoch konzentriert: Joachim Müller arbeitet mit Transferfolie. Bild: Madeleine Schoder

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Joachim Müller weiss, was er tut. Er hat den gleichen Ablauf schon Hunderte Male gemacht. Anfangs passierten noch einige Fehldrucke, mittlerweile kennt er sämtliche Macken des Schneideplotters im Makerspace der Stadtbibliothek, des Geräts, das die vorgezeichneten Motive auf dem PC aus Transferfolie ausschneidet.

Die langen dünnen Finger des 21-jährigen Winterthurers bewegen sich zielsicher zwischen den Papierschnipseln und Motiventwürfen auf der Arbeitsfläche. Innerhalb kurzer Zeit hat er die Motive bereit, um sie später mithilfe einer Transferpresse auf ein T-Shirt zu drucken. Zentral ist der Schriftzug «Wesalo», der Name seines Labels, darauf abgebildet. «Dieses Produkt wurde während eines Interviews mit dem ‹Landboten› hergestellt», steht als Detail auf der Innenseite des Kleidungstückes.

Inspiriert von der Skater-Szene

Dieses Demonstrationsexemplar landet ausnahmsweise nicht wie alle anderen seiner Produkte zum Verkauf an einem Kleiderbügel von Secondo an der Obergasse 1. Müller kennt die Gründerin des Secondhand-Shops, und da er unter anderem dessen Werbevideos produziert und die Schaufensterscheiben gestaltet, kann er seine Kleider dort verkaufen. Bisher seien noch immer alle seiner Produkte im Laden weggekommen, sagt er. Mehrere Hundert seien das, seit er begonnen hat, Kleider zu bedrucken, er habe mittlerweile aufgehört zu zählen.

«Meine Mutter hat mir schon früh eine Schere in die Hand gedrückt», sagt Müller. Als Sechsjähriger designte er Surfbretter für seine Plüschtiere: Mit Stoffresten beklebte er Karton und erfand eigene Markennamen, inspiriert von der Skater-Szene, die er damals bewunderte. «Es war immer schon mein Traum, eine eigene Marke zu haben.» Mit 14 lernte er die Technik des Siebdrucks und begann, eigene Shirts zu bedrucken. Heute, sieben Jahre später, trägt er ein Stück seines eigenen Labels.

«Ich war schon immer ein Nerd»

Neben T-Shirts sind seine Designs auch schon auf Handytaschen, Pullis, Hosen und Mützen gelandet. «Was mir zum jeweiligen Zeitpunkt eben gerade gefällt.» In einer Session produziert Müller meist gleich mehrere Stücke und trotzdem sind es alles Unikate. Einzig der charakteristische Schriftzug «Wesalo» ist immer auf den Produkten zu finden, oft in Kombination mit einem roten Teufelchen. Der Name seines Labels kommt von einem Kollegen Müllers, der als Kind eine Geheimsprache erfand, in der «Wesalo» den Zustand von Freundschaft beschrieb.

Joachim Müller weiss, wovon er redet. Er spricht gerne und selbstsicher von seinen Leidenschaften. An Ideen und Zeit mangelt es ihm nicht. Derzeit arbeitet er an einem eigenen Game, seit 2015 produziert er Musik, die er als Fusion von Emo und Trap beschreibt. Mit einem Kollegen erfindet er Geschichten und produziert «Impro-Hörbücher». «Ich war schon immer ein Nerd.» Seine Leidenschaft für das kreative Arbeiten gehe in Richtung Sucht, sagt er. «Wenn es mir schlecht geht, sitze ich zwei Stunden in den Makerspace und vertiefe mich in die Arbeit.»

Ideen für grosse Projekte

Mit der Kunst will es Müller noch weiter bringen. Er habe einige Ideen für aufwendigere Projekte und Produkte. «Was momentan fehlt, ist das Geld.» Der Makerspace stellt ihm die notwendigen Maschinen wie den Schneideplotter zur Verfügung, so kann er auch ohne viel Gewinn immer weiter produzieren. Doch längerfristig wolle er sich mit einem anderen Studium erst beruflich finanziell absichern, bevor dann eventuell einmal die Kunst an die erste Stelle rücke.

Erstellt: 11.08.2019, 15:56 Uhr

Artikel zum Thema

Die Bibliothek als Raum für Macher

Makerday Weniger Bücher zum Ausleihen, mehr Maschinen zum Mitbenutzen. So könnte die Bibliothek der Zukunft aussehen. Am Makerday zeigten die Winterthurer ­Bibliotheken, wie und warum die Nutzer von dieser Entwicklung profitieren können. Mehr...

Tummelplatz für Tüftlerinnen und Macher

Winterthur Nicht nur Lesen, sondern auch Basteln, Nähen, Programmieren und Drucken: Die Stadtbibliothek hat am Samstag erstmals einen «Makerday» durchgeführt. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles