Winterthur

«Es braucht auch eine Frau für diesen Job»

Im Interview erklärt der neue «Brückenbauer» Jan Kurt, wie er in verschiedenen Kulturkreisen das Vertrauen in die Stadtpolizei verbessern will, warum er ver- statt ermittelt und wieso er dafür künftig eine Partnerin braucht.

Der Brückenbauer: Jan Kurt will vermitteln statt ermitteln.

Der Brückenbauer: Jan Kurt will vermitteln statt ermitteln. Bild: Madeleine Schoder

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Wieso braucht die Stadtpolizei einen Brückenbauer? Was ­machen Sie eigentlich?
Jan Kurt: Winterthur ist eine Grossstadt mit einer vielfältigen und heterogenen Bevölkerung, kulturell wie religiös. Die Stadtpolizei ist für die Sicherheit und Gewaltprävention zuständig. Die nicht westlichen Kulturkreise, bei denen das Vertrauen in die Polizei noch nicht so gross ist, haben wir bisher noch nicht so gut erreicht. Das soll sich ändern.

Sprechen Sie von anderen ­Kulturkreisen und meinen die mulimische Gemeinschaft?
Nicht nur, aber auch. Fünf von sechs Moscheevereinen habe ich mittlerweile schon besucht.

Worüber wurde da diskutiert?
Primär ging es beim ersten Kontakt darum, mich und meine Funktion vorzustellen, mein Gesicht zu zeigen und relativ ungezwungen über dies und das zu reden. Nichts Hartes, wenn Sie so wollen. Das kam gut an, ich wurde offen empfangen. Wie gesagt: Das Ziel ist es, Vertrauen aufzubauen und Hemmschwellen zu senken, damit die Leute sich bei uns melden, wenn es Probleme irgendwelcher Art gibt. Mittelfristig ist es das Ziel, dass die Probleme gar nicht erst entstehen.

«Nicht westlichen Kulturkreise, bei denen das Vertrauen in die Polizei nicht gross ist, haben wir bisher noch nicht so gut erreicht. Das soll sich ändern.» Jan Kurt

Im Zentrum steht die umstrittene An’Nur-Moschee.
Ja, aber nicht nur. Ich habe mich mit Vorstandsmitgliedern der An’Nur-Moschee getroffen. Dort einen festen Kontakt herzustellen, ist aber aufgrund der letzten Vorfälle nicht ganz einfach. Im Februar wurden ja zehn Personen aus dem Umfeld der Moschee verhaftet, die im Verdacht standen, zwei Moscheebesucher angegriffen zu haben.

Rapportieren Sie nach einem Treffen jeweils direkt an die
Kollegen im Obertor, wie ein ­Ermittler?
Nein, aber ich möchte in Workshops und Vorträgen meine Erfahrungen weitergeben, wie man mit den verschiedenen Kulturen einen guten und respektvollen Umgang pflegt, und wie man unnötige Affronts vermeidet.

«Mittelfristig ist es das Ziel, dass Probleme gar nicht erst entstehen.»

Zum Beispiel?
Zum Beispiel darf bei einer Hausdurchsuchung der Koran nicht achtlos auf den Boden gelegt werden. Für solche Dinge werde ich die Kollegen sensibilisieren und mich im städtischen Netzwerk einbringen, um die Aufgaben­teilung zu koordinieren, zum Beispiel mit dem Leiter der Fachstelle Extremismus.

Wo, abseits der Moscheen, ­waren sie noch unterwegs?
Zum Beispiel in den Asylunterkünften habe ich mich und die neue Fachstelle vorgestellt.

In Uniform und mit Dienst­waffe?
Ja, das ist authentisch. Wenn es sich anbietet oder darum gebeten wird, gehe ich auch in Zivil.

Welche Sprachen sprechen Sie?
Deutsch, Französisch und Englisch.

«Zum Beispiel darf bei einer Hausdurchsuchung der Koran nicht achtlos auf den Boden gelegt werden.»

Aber kein Arabisch.
Die Sprachbarriere war bisher nie so gross, dass man sich nicht verstanden hätte. Notfalls käme ein Dolmetscher mit. Aber ich bilde mich ohnehin laufend weiter, lese privat viel über andere Kulturen und absolviere derzeit berufsbegleitend einen ZHAW-Lehrgang zum Thema Kommunizieren und Handeln im interkulturellen Kontext.

Zuvor waren Sie elf Jahre lang Quartierpolizist in Töss. Wie viel fliesst davon in den ­«Brückenbauer» ein?
Ich kann gut auf die Leute zugehen, bin offen und interessiert. Ich denke, das sind zentrale Voraussetzungen, um erfolgreich Brücken zu bauen. Töss ist multi-kulturell, aber aus meiner Sicht im positiven Sinn. Ich jedenfalls sehe nicht, dass sich Parallel­gesellschaften auf eine Art entwickeln, die problematisch wäre. Die Probleme, bei denen ich damals vermitteln musste, waren oft die gleichen wie in andern Quartieren und relativ harmlos: Grenzstreitigkeiten, Littering oder Auseinandersetzungen in der Waschküche zum Beispiel.

Wenn Sie in einem Jahr ­nochmals Bilanz ziehen: Welche Brücken stehen dann?
Ich hoffe, dass sich die Prozesse bis dann eingespielt haben, ich intern und extern schon regelmässig Vorträge halte und mich die Leute als Vermittler wahrnehmen und nicht als Aufseher oder Kontrollinstanz. Ich hoffe zudem, dass wir in einem Jahr bereits zu zweit sind und eine Brückenbauerin dazukommt. Die zusätzliche Stelle wurde bereits ausgeschrieben. Es braucht sie, da sind wir sicher. Frauen reden gegenüber Frauen viel offener.

(Der Landbote)

Erstellt: 12.04.2017, 14:55 Uhr

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