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«Es braucht die richtigen Leute, die das Richtige sagen»

Die Depressionen ihrer Mutter bestimmten die Kindheit von Sina. Heute hilft die 20-Jährige über einen anonymen Beratungs-Chat Jugendlichen, die mit psychisch kranken Eltern aufwachsen.

Tausende Kinder und Jugendliche in der Schweiz wachsen mit mindestens einem Elternteil auf, der psychisch erkrankt ist.

Tausende Kinder und Jugendliche in der Schweiz wachsen mit mindestens einem Elternteil auf, der psychisch erkrankt ist. Bild: Keystone/Symbolbild

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Als Sina* elf Jahre alt war, zog ihre Familie von Deutschland nach Asien. «Damals hat das alles begonnen.» Sinas Mutter wurde psychisch krank. Die Depressionen bestimmten ihren Alltag und beeinflussten den ihrer Tochter. «Pass auf Mama auf», sagte Sinas Vater zu ihr, bevor er sich in die Arbeit stürzte und die Tochter und deren drei Jahre jüngeren Bruder mit der Mutter alleine liess.

«In Asien sind psychische Probleme ein Tabuthema», sagt Sina heute. Also schwieg sie, als es ihr zunehmend schlechter ging. Sinas Mutter liess ihre Launen an ihrer Tochter aus – verbal. An anderen Tagen verbrachte sie Stunden auf dem Sofa und war nicht ansprechbar. Am schlimmsten aber war es, wenn sie von Zuhause weglief und wochenlang verschwunden blieb.

«Wir wussten nie, wohin sie ging und wann sie wiederkommen würde.» Sina wollte nicht mehr schlafen, da sie Angst hatte, dass ihre Mutter am Morgen nicht mehr da sein würde.

«Ich begann, mich selbst zu verletzten»

«Als ich 14 Jahre alt war, war es besonders schlimm», sagt Sina. Ihre Mitschüler kannten sie als «das Mädchen, das immer lächelt». In Wirklichkeit fühlte sie sich ungeliebt, einsam und schuldig. Sie übernahm die Verantwortung für die Krankheit ihrer Mutter. «Ich begann, mich selbst zu verletzten und hatte Selbstmordgedanken.»

Am Wochenende stürzte sie sich in den Alkohol, war in stetiger Gefahr, sich umzubringen. «Einmal wachte ich morgens mit dem Gesicht im Sand am Strand auf, ohne Erinnerungen an die Nacht zuvor.» Ein andermal wurde sie durch eine Überdosis Lachgas bewusstlos. «Hätte ich zu dieser Zeit in der Schweiz gelebt, wäre ich wohl im Drogenloch gelandet.»

Was ist eine Depression? Ein Erklärvideo für Jugendliche. Video: IKS via Youtube

Irgendwann fielen Schulkollegen die tiefen Schnitte auf Sinas Unterarmen auf. Sie schickten sie in die Notfallaufnahme. Ihre Mutter redete daraufhin einen Monat lang nicht mehr mit der Tochter. Der Vater realisierte zum ersten Mal, was mit seiner Tochter los war, doch die Mutter hatte bei ihm immer erste Priorität.

Als die Familie wegen eines neuen Jobs des Vaters nach Winterthur zog, änderte sich erstmals etwas. «Anfangs ging es mir durch das neue Umfeld plötzlich besser», sagt Sina. Doch die Mutter fuhr in ihrem alten Muster vor. Regelmässig verschwand sie von Zuhause, drohte der Familie gar mit Selbstmord. Sina, zu dieser Zeit 16 Jahre alt, hatte mit der Kanti begonnen, fiel aber durch, da sie ihre Leistung nicht mehr halten konnte.

Sie begann eine Lehre, suchte dort stets nach einem Mutterersatz. Nach einem halben Jahr dann der Rückfall: Sina schnitt sich selbst so tief, dass sie im Spital landete. Dort wurde sie zur Therapie geschickt. «Ab dort begann wohl die Verarbeitung von allem, das ich erlebt habe.» Sie entschloss sich selbst dazu, sechs Wochen in eine Klinik zu gehen. «Das war das erste Mal, das ich auf mich selbst geschaut habe.» Diesen Sommer kam sie aus der Klinik.

Individuelle Beratung von Betroffenen

Sina ist jetzt 20 Jahre alt und seit viereinhalb Jahren in der Schweiz. Sie ist vor einem Jahr zuhause ausgezogen, wohnt in Winterthur in einer WG mit ihrer Freundin und einem Kollegen. Zur Familie hat sie wenig Kontakt. «Ich bin auf dem Weg zur Genesung», sagt sie. «Die Probleme sind noch da, doch ich kann mich nun davon abschirmen und gehe zur Therapie, wenn ich es brauche.» Vor allem aber kann Sina heute mit ihrem Umfeld und guten Freunden darüber reden. «Es braucht die richtigen Leute, die das Richtige sagen.»

Diese Erkenntnis habe bei ihr bewirkt, dass sie sich dazu entschieden hat, anderen mit ihrer Geschichte zu helfen. Denn auch wenn die Geschichte von Sina in dieser Intensität wohl nicht oft vorkommt – so ähnlich wie der 20-Jährigen geht es Tausenden von Kindern. Sie leiden still unter der Krankheit ihrer Eltern. Unter dem Namen «Vergessene Kinder» schätzt eine Studie der ZHAW die Zahl der betroffenen Kinder allein für den Kanton Zürich auf mehr als 4000. Hilfe erhalten die wenigsten, hält die 2006 erschienene und bisher aktuellste Studie fest.

Daran will das Institut Kinderseele Schweiz IKS mit Sitz in Winterthur etwas ändern. Seit dessen Gründung 2014 widmet sich das Institut dem Thema «Kinder psychisch kranker Eltern». Seine Arbeit beruht auf Sensibilisierungsarbeit, individueller Beratung von Betroffenen durch Fachpersonen und Peer-to-Peer Beratungsangeboten. «Jugendlichen fällt es oft leichter, sich mit gleichaltrigen Betroffenen auszutauschen», sagt Alessandra Weber, Geschäftsleiterin des IKS. Seit August besteht das neue Angebot nach dem Peer-to-Peer-Ansatz. Drei Jugendliche, die selbst betroffen waren oder immer noch sind, geben ihr Wissen und ihre Ratschläge über ein E-Beratungstool oder einen Live-Chat weiter. Eine davon ist Sina.

Diesen Sommer wurde Sina vom IKS kontaktiert und für ihre Hilfe angefragt, nachdem sie seit einem Jahr bei Pro Juventute bei einem ähnlichen Beratungstool mitwirkt. Seit August hilft sie nun Jugendlichen mit psychisch kranken Eltern unter dem Pseudonym «Alice» im anonymen Beratungschat des IKS.

«Wir sind zum Schluss gekommen, dass wir zusätzlich zu den Informationen auf unserer Website auch noch etwas Niederschwelliges für Jugendliche brauchen», sagt Alessandra Weber. «Über unser Beratungsangebot können sie sich ganz anonym austauschen, auch mitten in der Nacht.» Denn oft sei die Hürde noch zu gross, um sich direkt an eine Beratungsstelle zu wenden. «Viele Jugendliche wollen ihre Eltern nicht verraten, in dem sie erzählen, wie es zuhause abläuft.»

Jugendliche übernehmen die Aufgabe ihrer Eltern

«Die betroffenen Jugendlichen sind oft verzweifelt», sagt Weber. «Häufig kommt es vor, dass sie zuhause die Aufgaben ihrer Eltern übernehmen, keine Zeit für soziale Kontakte haben und generell überfordert sind.» Viele würden sich auch um ihre Eltern sorgen und Angst davor haben, dass diese sich etwas antun könnten.

Sina hat in einer Schulung gelernt, wie sie in solchen Fällen helfen kann. «Wir sagen den Jugendlichen nie, was sie machen sollen, sondern bringen sie selbst darauf, etwas zu tun.» Das könne sein, mit einem Lehrer zu sprechen, sich an Verwandte oder Bekannte zu wenden und sich in Extremfällen auch professionelle Hilfe zu holen. «Oft geht es aber einfach darum, zuzuhören und den Jugendlichen Mut zu machen», sagt Weber. «Die Beraterinnen und Berater bringen viel Verständnis und Empathie mit.»

Sinas eigene Geschichte hilft ihr beim Austausch mit den Jugendlichen. «Ich sage ihnen: Hey, ich habe Ähnliches erlebt und habe es überstanden.» Sie selbst sei «auf dem Weg zur Genesung». Anderen mit ihrer Geschichte zu helfen, tue ihr gut. «Mir hätte es damals auch geholfen, wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich nicht alleine bin.»

Weitere Informationen zum Beratungsangebot des IKS unter www.kinderseele.ch

Erstellt: 07.12.2019, 16:10 Uhr

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