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Es gibt bessere Träume

Träume kommen in den verschiedensten Arten und Formen vor. Schöne oder böse. Grosse oder kleine. Solche, von denen nur ein nebulöser Eindruck hängen bleibt oder andere, an die man sich noch bis ins Detail erinnert. Tagträume oder Nachtträume. Konkrete, die schnell zu Plänen werden, oder wolkige Luftschlösser.Die Idee von Winterthur als Olympiastadt ist zugegebenermassen ein schöner Traum, einer, der begeistern kann. Er gehört aber in die Kategorie der unrealistischen Träumereien.

Der Realitätscheck ist schnell gemacht: An den letzten olympischen Winterspielen 2014 im russischen Sotschi waren sechs Stadien im Einsatz. Vom Olympiastadion mit 40 000 Sitzplätzen und dem Bolschoi-Eispalast für 12 000 Zuschauer bis zum Ice Cube Curling Center mit einer Kapazität von 3000 Plätzen. Sie waren alle grösser als die Eishalle Deutweg, gegenwärtig Zielbau Arena genannt, die 2500 Personen fasst. Wobei es zur Zielbau Arena noch zu sagen gilt: Wenn die nur schon für ein olympisches Curling-Turnier geforderten Presse- und VIP-Plätze eingebaut würden, blieben wohl höchstens noch die Hälfte der jetzigen Zuschauerplätze übrig. Der Vergleich zeigt auf, welche Investitionen nötig wären, um Olympia in die Region zu holen: Es müssten unrealistisch hohe Summen in die Infrastruktur gesteckt werden.

Zu einem realistischen Olympiatraum würde – wenn schon – die Stadt Zürich dazugehören. Das Hallenstadion (12 000 Sitzplätze), das Letzigrund-Stadion für die Eröffnungs- und die Schlussfeier wären nötig. Und auch Kloten mit dem Schluefweg (7600 Plätze) müsste mitmachen. Allerdings gilt schon bei diesem Projekt: Durch die grosse Distanz zwischen «Host City» und den Bündner Bergen hätte eine Kandidatur nur wenig Chancen. Ohnehin ist in Zürich von Olympia­euphorie überhaupt nichts zu spüren. Das Stadtparlament erteilte den Olympiaplänen kürzlich eine klare Absage. Und auch Sportstadtrat Gerold Lauber (CVP) zeigt höchstens widerwilliges Interesse.

Ein Alleingang von kleineren Städten würde zwingend den Neubau von grossen Eishallen bedeuten. Auch wenn man diese rückbaubar konzipiert, wäre das nicht nur finanziell, sondern auch ökologisch ein Unsinn.

Für einmal vertreten die Stadtzürcher eine kleinkrämerische Haltung. Allerdings hat Olympia in den letzten Jahren auch genug Kritikpunkte geliefert: hohe Kosten, ewige Querelen um Korruption, immer wieder Doping-Vorwürfe. An vielen Stellen ist der Lack der olympischen Idee arg angekratzt. Doch gerade darum ist ein Aspekt einer Schweizer Olympiakandidatur besonders interessant: Die Schweiz könnte beweisen, dass es auch in einer europäischen Demokratie noch möglich ist, einen solchen Grossanlass auf die Beine zu stellen. Es wäre ein Gegenentwurf zu den protzigen Spielen in Sotschi. Und nach den Austragungen in Fernost, im nächsten Jahr im südkoreanischen Pyeongchang und dann 2022 in Peking, wären die Winterspiele zwanzig Jahre nach Turin wieder in den Alpen.

Diese Art von Spielen müssten sicherlich unter dem Zeichen der Nachhaltigkeit stehen. Und gerade darum führt an den bestehenden grossen Arenen in der Stadt Zürich kein Weg vorbei. Ein Alleingang von kleineren Städten würde zwingend den Neubau von grossen Eishallen bedeuten. Auch wenn man diese rückbaubar konzipiert, wäre das nicht nur finanziell, sondern auch ökologisch ein Unsinn.

Man dürfe doch noch ein bisschen weiterträumen, antwortete Sportstadtrat Stefan Fritschi (FDP) auf kritische Fragen zum olympischen Winterthur. Das stimmt. Es ist schön, wenn auch in der Politik ab und zu geträumt wird. Man könnte allerdings die Regel aufstellen: Je unrealistischer der Traum, desto kürzer sollte die Traumphase sein. Denn in der Politik sollte man sich dann doch bald wieder an die Realitäten halten. Und die sind eindeutig: Winterthur müsste richtig tief in die Tasche greifen, um auch nur schon für einen Nebenschauplatz der olympischen Winterspiele die nötige Infrastruktur bieten zu können. Und die Taschen sind bekanntlich nicht übervoll.

Je unrealistischer der Traum, desto kürzer sollte die Traumphase sein. Denn in der Politik sollte man sich dann doch bald wieder an die Realitäten halten.

Sportlich zu träumen, könnte sich aber dennoch auch für Winterthur lohnen. Denn die Idee, vermehrt internationale Sportanlässe hier zu organisieren, hat viel Potenzial. Sobald das Sportzentrum WinCity neben der Eishalle steht, hat Winterthur ein Platzangebot, das sich durchaus sehen lässt. Es muss ja nicht gleich Olympia sein. Vielleicht könnte man es dafür einmal mit einer Unihockey-WM versuchen. (Auch wenn man für Schweizer Spiele und Finale wohl wieder ins Hallenstadion ausweichen müsste). Oder mit einem Volleyball- oder Badminton-Turnier. Ein realistischer Traum wäre auch, sich um die Austragung weiterer Eishockey-Länderspiele zu bemühen. Ein ganz konkreter Plan besteht zudem bereits: 2019 ist Winterthur Austragungsort der Weltmeisterschaften im Faustball.

Zum Schluss ein winterliches Beispiel, das auch ein bisschen olympisch ist: In zehn Tagen findet in Arosa das Olympia-Qualifikationsturnier der Eishockey-Frauen statt, in einer Eishalle mit 2200 Plätzen. Das ist weniger glamourös als eine richtige Olympiastadt zu sein. Arosa hatte einen kleineren Traum, dafür einen, der in Erfüllung ging.

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