Migration

«Es gibt in Winterthur keine Ausrede, nicht Deutsch zu lernen»

Birgül Gedik (46), Präsidentin des Ausländer/innen-Beirats, sieht im Verhältnis zwischen Schweizern und Eingewanderten in Winterthur vieles, das funktioniert – aber auch Rückschritte.

Für Birgül Gedik (46) ist klar, dass alle Migranten in Winterthur sich anstrengen müssen, Deutsch zu lernen.

Für Birgül Gedik (46) ist klar, dass alle Migranten in Winterthur sich anstrengen müssen, Deutsch zu lernen. Bild: zvg

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Frau Gedik, die Juso wollte neulich mit einer Fake-Kandidatur darauf hinweisen, dass ein Viertel der Bevölkerung nicht abstimmen kann, weil sie nicht Schweizer sind. Zeit für ein Ausländerstimmrecht?
Birgül Gedik: Diese Aktion haben wir im Ausländerbeirat diskutiert. Wir sind allerdings der Meinung, dass man sich einbürgern lassen sollte, wenn man politisch mitbestimmen möchte.

Für Einbürgerungen ist in Winterthur neu die Verwaltung zuständig, nicht mehr der Gemeinderat. Ein Fortschritt?
Wir haben das begrüsst und uns auch dafür stark gemacht, weil wir der Meinung sind, dass es ein veraltetes System war, das die Leute unter Druck setzte. Stellen Sie sich vor, Sie gehen zu einem Bewerbungsgespräch und Ihnen sitzen acht Personen gegenüber, die über Ihre Zukunft entscheiden!

Sie kennen die Arbeit der Stadt im Integrationsbereich aus der Nähe – was stellen sie Winterthur für ein Zeugnis aus?
Ein gutes. Im Ausländerbeirat arbeiten wir eng mit den städtischen Stellen zusammen. Wir sind fast immer gleicher Meinung.

In den letzten Jahren hat sich im Bereich Migration und Integration der Ton verschärft. Stichwort Flüchtlingswelle, Jihadismus und Terrorismus.
Ich sehe die Entwicklung mit Sorge. Es scheint, als verlaufe die Integrationsdebatte in Wellen. Und momentan erleben wir an manchen Stellen Rückschritte. Die Vorurteile nehmen wieder zu. Insbesondere die Jugendlichen reagieren sensibel darauf, wenn sie merken, dass sie bei der der Lehrstellensuche benachteiligt sind oder dass Personen mit ausländisch klingenden Nachnamen keine Wohnungen finden.

Teilen Sie den Eindruck, dass insbesondere junge Menschen ihre Identität wieder verstärkt in der Religion suchen, etwa im Islam?
Das erlebe ich so, ja. In meiner Jugend in Winterthur schickten mich meine Eltern zwar auch in einen Kurs, damit ich ein Grundwissen über den Koran bekomme. So wie die Schweizer Mitschüler in den Religionsunterricht gingen. Doch ein Thema war das für uns Jugendliche nie, Religion interessierte uns kaum. Heute suchen manche Jugendliche aufgrund der Ablehnung, die sie erfahren, wieder stärker nach ihren Wurzeln. Und sind oft religiöser als ihre Eltern, die das teils gar nicht verstehen oder gutheissen.

Was kann man tun?
Die Bevölkerung sensibilisieren und die Diskriminierung stoppen.

Nur die Einheimischen sollen etwas tun – ist das nicht zu einfach?
Doch. Natürlich müssen beide Seiten etwas tun. Bei Jugendlichen etwa muss klar sein, dass sie in der Schule die gleichen Leistungen erbringen müssen. Das wird auch später im Leben so sein, wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Wo wir uns im Ausländerbeirat einig sind ist auch, dass alle Migranten sich anstrengen müssen, Deutsch zu lernen.

Ist das denn für alle möglich?
Eindeutig ja. Es gibt viele Schulen. Und wo das Budget knapp ist, helfen Freiwillige. Es gibt in Winterthur Angebote für jede Lebenssituation, teils mit Kinderbetreuung. Kurz: Es gibt keine Ausrede, nicht Deutsch zu lernen.

Im Asylbereich kamen in den letzten Jahren Menschen aus Ländern wie Eritrea, Somalia, Afghanistan und Syrien in die Schweiz. Hat der Ausländerbeirat auch Vertreter dieser Länder?
Bisher nicht, leider. Bei uns sind vor allem Vertreter der Herkunftsländer, welche die grössten Gruppen stellen, etwa Italien, die Türkei, Ex-Jugoslawien aber auch Deutschland. Wir suchen aber für die nächsten vier Jahre neue Mitglieder und würden uns sehr freuen, wenn wir Vertreter aus diesen Ländern finden könnten.

Der Ausländerbeirat berät die Stadt, wenn Fragen auftauchen. Meldet er sich auch ungefragt zu Wort?
Ja, zum Beispiel machen wir uns für eine Öffnung der Jungbürgerfeier für ausländische Jugendliche stark. Bei der heutigen Version wird zwischen zwei Gruppen der Jugendlichen ein klarer Strich gezogen: Schweizer und Nichtschweizer. Warum nicht eine Volljährigkeitsfeier für alle? Dort könnte man über die neuen Rechte und Pflichten informieren und auch gleich über die Möglichkeiten zur Einbürgerung.

Im Grossen und Ganzen: Funktioniert die Integration und das Zusammenleben in Winterthur?
Davon bin ich überzeugt. Winterthur hat als Industriestadt eine jahrzehntealte Immigrationsgeschichte. Vieles ist eingespielt, man muss nicht bei Null anfangen. (Der Landbote)

Erstellt: 25.02.2018, 15:00 Uhr

Ausländer/innen-Beirat

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Seit 2002 berät der 15-köpfige Ausländer/innen-Beirat den Stadtrat zu Fragen der Integration. 2018 wird er im Rahmen von Neuwahlen neu besetzt, Interessenten sind eingeladen, sich bei der Stadt zu bewerben. Beim Stadtrat ist ein Gesuch hängig, das Gremium in «Migrationsbeirat» umzutaufen, da das Wort «Ausländer» negativ besetzt und zu eng gefasst sei. mig

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