In eigener Sache

«Es hat sich viel zu wenig verändert»

Auch auf der Redaktion des «Landboten» in Winterthur legen die Frauen die Arbeit nieder. Kantonsredaktorin Katrin Oller (35), Elisabetta Antonelli (42), Redaktorin für Regionalkultur, und Nicole Döbeli (30), Co-Leiterin des Regionalteams, erklären, warum sie am Frauenstreik teilnehmen und welche Forderungen sie stellen.

Die Landbote-Frauen erklären, warum sie streiken. Video: Lisa Aeschlimann / Gregory von Ballmoos


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Warum nehmt Ihr am Frauenstreik teil?
Elisabetta Antonelli: Mir geht es darum auf die verschiedenen Themen der Gleichstellung aufmerksam zu machen: die Lohngleichheit, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, den Frauenanteil in den Chefetagen.
Nicole Döbeli: Die Gleichstellung ist seit über einer Generation in der Verfassung verankert, aber noch längst nicht umgesetzt. Das kann man statistisch belegen, zum Beispiel mit Zahlen zu den Löhnen oder zum Frauenanteil in Führungspositionen. Letztes Wochenende haben wir unter dem Schlagwort #MediaToo über Belästigungsfälle im Journalismus berichtet, eine Folgegeschichte der #MeToo-Debatte. Fast jede Frau erlebt solche Situationen. Das muss sich nun endlich ändern.

«Frauen in Führungspositionen müssen besser gefördert werden.»Elisabetta Antonelli, Redaktorin für Regionalkultur

Katrin Oller: Je älter ich geworden bin, desto mehr wurde mir bewusst, wie die Berufschancen von Frauen und Männern auseinanderklaffen. Am stärksten merkte ich dies, als ich Mutter wurde. Da wurde ich mit Denkmustern konfrontiert, wie ich sie nicht mehr für möglich gehalten hätte. Das hat mich schockiert. Höchste Zeit, dass diese Denkmuster aufgebrochen werden.

Der erste Frauenstreik ist fast 30 Jahre her. Warum braucht es genau jetzt eine Neuauflage?
Antonelli: Es hat sich zu wenig verändert in dieser Zeit, eigentlich unglaublich wenig. Darum braucht es diesen Frauenstreik.
Oller: Eine ältere Frau, hat mir kürzlich erzählt, ihre Töchter hätten heute schlechtere Chancen als sie selbst vor 25 Jahren. Es gibt eine Gegenbewegung, die dringend gestoppt werden muss.
Döbeli: Es herrscht das Gefühl vor, man habe in Sachen Gleichstellung nun ja schon etwas gemacht und es reiche jetzt. Dabei reicht es noch bei weitem nicht. Wir dürfen nicht in die Routine zurückfallen. Man muss etwas ändern, auch wenn es um unbequeme Themen geht.

«Wir brauchen einen Elternurlaub für Mütter und Väter.»Katrin Oller, Kantonsredaktorin

Was sind Eure konkreten Forderungen für die Arbeit im Journalismus und speziell für die Redaktion hier in Winterthur?
Döbeli: Zum Beispiel eine Frauenquote auf Redaktionen - vor allem für die Führungsetagen. Wenn es mehr Chefinnen gibt, eine ausgeglichene, diversifizierte Führung, dann hat das eine Vorbildwirkung und zieht viele junge Redaktorinnen nach.
Antonelli: Frauen in Führungspositionen müssen besser gefördert werden. Hier in Winterthur haben wir eine Co-Leitung von zwei Frauen für ein Team. Das sollte es häufiger geben, denn so sind Familie und Beruf besser vereinbar. Teilzeitarbeit bedeutet nicht, dass die Arbeit weniger gut gemacht wird.

Katrin Oller mit ihren konkreten Forderungen.

«Es geht nicht um Frauen gegen Männer.»Nicole Döbeli, Co-Leiterin Regionalteam

Die Gleichstellung ist in der Schweiz gesetzlich verankert. Man könnte die Frauenanliegen also juristisch einfordern, statt auf die Strasse zu gehen.
Döbeli: Es ist schwierig gegen strukturelle Ungleichheit juristisch vorzugehen. Es stimmt: Einzelfälle kann man einklagen, das wird sicher auch viel zu wenig gemacht. Gegen die Kultur in den Köpfen, gegen das Gesamtsystem kann man aber vor Gericht nichts erreichen. Da braucht es eine Veränderung der Grundeinstellung.
Oller: Es geht ja vor allem um die Meinung in der breiten Bevölkerung: Viele Menschen denken, es bestehe gar kein Problem mehr, dabei gibt es noch so viel zu tun.

Nicole Döbeli sagt, warum sie streikt.

Wie habt ihr die Reaktionen der Männer auf Eure Streikpläne erlebt?
Antonelli: Sehr gut. Viele Männer sind sehr kooperativ. Es geht ja um Veränderungen, die beiden Geschlechtern etwas bringen, wie zum Beispiel der Vaterschaftsurlaub.
Döbeli: Das ist sehr wichtig: Es geht nicht um «Frauen gegen Männer». Sondern es geht darum, dass sich unsere Gesellschaft von veralteten Systemen und veralteten patriarchalen Strukturen befreit. Diese bringen auch den Männern viele Nachteile, weil auch sie darin wie in einem engen Korsett gefangen sind.

Elisabetta Antonelli über ihre Streikgründe.

Viele Männer nicken und klatschen am Frauenstreiktag. Aber sind sie auch wirklich zu nachhaltigen Veränderungen bereit?
Oller: Ich habe auch Erstaunen bei Männern erlebt. Sie waren in den Gesprächen im Vorfeld des Streiks oft verwundert darüber, was alles noch nicht gut funktioniert. Nur schon diese Gespräche haben viel bewirkt. Auch wenn es vielleicht langsam geht: Es verändert sich wieder etwas.
Antonelli: Genau. Dass die festgefahrenen Abläufe wieder hinterfragt werden, ist schon ein grosser Schritt. Das hat der Frauenstreik schon jetzt bewirkt.
Oller: Aber natürlich ist es mit einem Streiktag nicht getan. Wir sind auch selbst gefordert, zum Beispiel bei uns in der Zeitung in dem wir stärker auf die Gleichberechtigung in der Berichterstattung achten.
Döbeli: Ich hoffe schon, dass es bald auch weitere konkrete Veränderung gibt. Zum Beispiel beim Vaterschaftsurlaub. Da hiess es zwar kürzlich wieder, wie teuer dessen Finanzierung wäre. Ich bin der Meinung: Doch, das wollen wir, auch wenn es teuer ist.
Antonelli: Dinge, die so wichtig sind für die Gleichstellung, dürfen definitiv auch etwas kosten.

Wann gibt es den nächsten Frauenstreik? Wieder erst in 30 Jahren?
Oller: Es ist zu hoffen, dass sich in den nächsten 30 Jahren so viel verändert, dass es dann keinen Streik mehr braucht.

Erstellt: 13.06.2019, 17:15 Uhr

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