Winterthur

Es ist ein enges Rennen zu erwarten

Wer künftig der Stadt Winterthur vorsteht, hängt davon ab, wer die Wählenden besser mobilisieren kann. Gelingt es Michael Künzle, die SVP-Anhänger zum Urnengang zu motivieren? Und wählen die Frauen wirklich Yvonne Beutler?

Plakate erinnern daran, dass der Wahlkampf noch nicht ganz zu Ende ist. Am 15. April gilt es noch das Stadtpräsidium zu bestimmen.

Plakate erinnern daran, dass der Wahlkampf noch nicht ganz zu Ende ist. Am 15. April gilt es noch das Stadtpräsidium zu bestimmen. Bild: Enzo Lopardo

Der Wahlkampf ums Stadtpräsidium vor dem 4. März war lau. Allen schien klar, die beiden Herausforderinnen keine echte Konkurrenz für den Bisherigen Michael Künzle (CVP).

Im zweiten Wahlgang ist jetzt alles anders, sogar die Konkurrentin. Es tritt Yvonne Beutler (SP) an, die bei den Stadtratswahlen das beste Resultat erzielt hat.

Im zweiten Wahlgang agieren nun Künzle und seine Partei deutlich aktiver. Der bisherige Stadtpräsident betont seine Erfahrung und inszeniert sich als Stadtpi für alle. Er zeigt, dass er breit unterstützt wird. Neben der CVP sprechen sich auch SVP, FDP, EVP, EDU und BDP für ihn aus, ebenso verschiedene Verbände.

Vertreter dieser Gruppen sind an seinen Standaktionen präsent und erklären in Inseraten oder kurzen Viedos, weshalb sie Künzle weiter als Stadtpräsident wollen. In einem Wahlwerbe-Video spielt Künzle zudem Saxophon und zeigt das urbane Winterthur. Die beabsichtigte Botschaft ist klar: das Volk ist zufrieden und will das Bewährte beibehalten.

Mike Künzle macht mit dem Saxophon Werbung für sich selbst.

Virale SMS unterwegs

Beutler tritt im Vergleich dazu sachlicher auf. Zwar zeigt auch sie sich an Standaktionen mit ihren Unterstützern, etwa den Grünen. Die Logos anderer Parteien findet man auf ihren Wahlplakaten jedoch nicht, ebenso wenig wie Wahlvideos in den sozialen Medien. Punkten kann sie mit gut vorbereiteten Auftritten bei den wenigen Podien und Streitgesprächen.

Sie kann angreifen, während Künzle sich verteidigen muss. Beutler setzt zudem darauf, dass sie die erste Frau an der Spitze der Stadt werden könnte. Sie hat ein Frauen-Komitee gebildet und verschiedene Frauen sagen in grossen Zeitungs-Inseraten: «Wir wählen Yvonne Beutler als unsere erste Stadtpräsidentin». Auf Facebook meint sie dazu fast entschuldigend: «Natürlich sind auch Männer im Komitee willkommen.»

Auch Männer dürfen ins Frauenkomitee von Beutler.

Beutler und ihre Unterstützer setzen auch auf Kanäle, die nach aussen weniger sichtbar sind. So ist derzeit ein virales SMS unterwegs: «Mach Yvonne zur ersten Stadtpräsidentin. Und schick mich weiter. Pro urban!» Darüber hinaus versucht die SP wie im ersten Wahlgang parteinahe Personen mit Anrufen zum Wählen zu motivieren.

Wahlbeteiligung beachtlich

Schon jetzt ist klar, dass bei der Frage, wer die Stadt regieren soll, mehr Leute mitreden wollen als bei anderen zweiten Wahlgängen. Bis jetzt haben rund 20 000 Personen brieflich abgestimmt, was laut Thomas Bolleter von der Stadtkanzlei bereits einer Wahlbeteilung von rund 29 Prozent entspricht.

Es zeige sich, dass viele ihre Unterlagen schon früh eingereicht hätten. Wenn man davon ausgehe, dass sich die Wahlbeteilung ähnlich entwickle wie bei der Ersatzwahl 2017, als Jürg Altwegg (Grüne) das Rennen machte, rechnet Bolleter mit einer Beteiligung von gegen 40 Prozent, was für eine Ersatzwahl viel ist.

Zu erwarten ist ein knappes Rennen. Betrachtet man die Wähleranteile der Parteien im Parlament, die entweder Beutler oder Künzle unterstützen, zeigt sich praktisch ein Patt. Dies auch, weil die GLP gespalten ist. Von den noch amtierenden Gemeinderäten setzt sich Rahel Comfort offiziell für Künzle ein, Katrin Commetta, Urs Glättli und Martin Zehnder sind im Komitee von Yvonne Beutler.

Eine Prognose zu treffen ist schwierig. Michael Künzle kann auf eine breitere Rückendeckung von Vereinen und Verbänden zählen. Zudem hat er den Bonus des Bisherigen. Auch Personen, die politisch nicht ganz auf seiner Linie liegen, dürften ihn wählen, weil sie keine Veranlassung sehen, dem bisherigen Stadtpi das Vertrauen zu entziehen.

Künzle hat keine makellose Bilanz, aber auch keinen Skandal zu verzeichnen. Zudem verüblen es manche Wähler Yvonne Beutler immer noch, dass sie erst im zweiten Wahlgang antrat, als sie eine realistische Chance sah.

Yvonne Beutler kann dafür auf eine deutlich grössere Partei im Rücken zählen. Die SP-Wählerschaft möchte das gute Resultat der Wahlen krönen und wird wohl fleissig an die Urne gehen, um Beutler zu wählen. Künzles Hauspartei, die CVP, ist schwächer. Parteien wie SVP, FDP und EVP unterstützen ihn zwar, aber ob auch deren Wählerschaft zu mobilisieren sein wird, ist fraglich.

Dies gilt vor allem für die SVP-Anhänger. Sie hatten nach den Wahlen den Eindruck, die anderen bürgerlichen Parteien hätten sie im Stich gelassen und dürften entsprechend wenig motiviert sein, überhaupt zu wählen.

Beutler hat weiter den Vorteil, dass sie der Stadtrats-Mehrheit angehört. Es wirkt glaubwürdiger, wenn eine Präsidentin die Entscheide der Exekutive vertritt, die auch dahinter stehen kann.

Ein Blick nach Zürich

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Blick in die Vergangenheit. 1990 wurde der Zürcher FDP-Stadtpräsident Thomas Wagner bei den Wahlen zwar als Stadtrat, im ersten Wahlgang aber nicht als Präsident bestätigt. Er beschloss darauf, gar nicht mehr anzutreten, nicht zuletzt, weil die linken Parteien die Mehrheit errungen hatten.

Dies wurde von allen bürgerlichen Parteien begrüsst. Der damalige SVP-Fraktionschef Gody Müller fand: «Wir sind erleichtert, dass Wagner mit seinem Verzicht nicht die Verantwortung übernehmen muss, die rot-grüne Mehrheit zu präsidieren.» Im zweiten Wahlgang wurde Wagner nicht gewählt.

Es wurde allerdings äusserst knapp, obwohl er nicht offiziell antratt. Nur 3300 Stimmen machten den Unterschied aus gegenüber SP-Herausforderer Josef Estermann.

Bei welchen Positionen ticken die Kandidaten unterschiedlich?

Michael Künzle (CVP) will das Parkplatzangebot für das Gewerbe ausbauen, Yvonne Beutler (SP) nicht. Auch in anderen Fragen sind die Kandidierenden nicht gleicher Ansicht.

(Der Landbote)

Erstellt: 06.04.2018, 16:48 Uhr

Artikel zum Thema

Die Wahl zwischen dem Stadtvater und der Strategin

Streitgespräch Am 15. April bestimmen die Wählerinnen und Wähler, wer künftig Winterthur regiert. Yvonne Beutler (SP) und der bisherige Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) im Steitgespräch. Mehr...

Wie volksnah soll ein Stadtpräsident sein?

Winterthur Der bisherige Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) tritt bei der Wahl ums Präsidium gegen Finanzvorsteherin Yvonne Beutler (SP) an. Im Streitgespräch zeigt sich, dass die beiden die Präsidiums-Rolle nicht ganz gleich interpretieren. Mehr...

Beutler fordert Künzle heraus

Winterthur Die SP wechselt die Kandidatin und nominiert im zweiten Wahlgang der Präsidiumswahl die glanzvoll in den Stadtrat gewählte Yvonne Beutler. Damit sagt sie Michael Künzle den Kampf an. Mehr...

Wahlbeobachter

Neues von Schoch, Beutler und Co.

Das soll noch einer verstehen: Da hat der Unternehmer Jan Schoch nach dem Wahlsieg der linksgrünen Parteien doch ziemlich enttäuscht gepoltert und gepostet. Er ziehe sein Geschäft aus Winterthur ab, weil ja doch nur Steuererhöhungen zu erwarten seien, liess er tout Winterthur wissen. Selbst Leute aus seinem engen Umfeld konnten nicht ganz nachvollziehen, was ihn da gestochen hatte.

Nun scheint Schoch doch gewillt, der (gemässigten) SP eine Chance zu geben. Auf Facebook teilte er einen Post von Ständerat Daniel Jositsch, der sich an vorderster Front für Yvonne Beutler als Stadtratskandidatin engagiert. Sie sei «eine aussergewöhnlich führungsstarke Persönlichkeit» und noch einige positive Attribute mehr attestiert Jositsch seiner Parteikollegin: «Eine solche Stadtpräsidentin wünsche ich den Winterthurerinnen und Winterthurern.» Und Schoch teilt das — samt dem Föteli vom Beutler-Wahlwerbestand im Regen.

Yvonne Beutler selber steht derzeit noch anderswo im Regen, im Gegenwind der Facebook-Gemeinschaft. SVP-Gemeinderat Daniel Oswald hatte gepostet, Beutler habe nicht nur die Internet-Adresse www.die-stadträtin.ch für sich reserviert, sondern auch noch ähnliche Domains wie die-bundesrätin.ch. Und das sei doch schon reichlich karrieresüchtig, fand Oswald.

Worauf Beutler gleich die ganze Liste der von ihr reservierten Domains offenlegte, wozu (als Zwischenschritte?) auch www.die-regierungsrätin.ch, die-nationalrätin.ch oder die-ständerätin.ch gehören. Das sei eine alte Geschichte, die Oswald da ausgegraben habe, schrieb sie und: Sie wolle sich die Idee ihres Wahlwerbemagazins, das sie aktuell unter die-stadträtin.ch publiziert hat, einfach nicht klauen lassen. Das sei «in der Kommunikationsbranche ein übliches Vorgehen».

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!