Interview

«Es ist ja wichtig,wie man das Hobby betreibt»

Ist das Hobby am Verschwinden? Sind passive Beschäftigungen wie Fernsehen auch ein Hobby? Im Rahmen der Ausstellung «The Hobbyist» im Fotomuseum unterhält sich Erec Gellautz am Sonntag mit dem Basler Soziologen Ueli Mäder.

Hobbys wie Fassadenklettern liefern spektakuläre Bilder. Die Ausstellung «The Hobbyist» im Fotomuseum Winterthur: Benedikt Bock, Alexander Hall, 2017. Alexander Remnev: Need Adrenaline!, 2014.

Hobbys wie Fassadenklettern liefern spektakuläre Bilder. Die Ausstellung «The Hobbyist» im Fotomuseum Winterthur: Benedikt Bock, Alexander Hall, 2017. Alexander Remnev: Need Adrenaline!, 2014. Bild: Fotomuseum

Herr Mäder, was ist ein Hobby?
Ueli Mäder: Ein Hobby ist eine Freizeitbeschäftigung, für die man eine besondere Vorliebe hat.

Anscheinend ist der Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit für viele heute nicht mehr so wichtig wie früher. Der Titel der Veranstaltung im Fotomuseum, an der Sie teilnehmen, lautet: «Was wurde aus dem Hobby?» Ist es denn wirklich so, dass klassische Hobbys wie Briefmarkensammeln und Modellbau am Verschwinden sind?
Wenn ich mich in der sogenannt einfachen Bevölkerungsschicht bewege, aus der ich selbst stamme, berührt es mich immer wieder zu erleben, wie dort herkömmliche Vorlieben weiter kultiviert werden. Nach meinem Eindruck ist es polarisiert. Es gibt wirklich alte Hobbys, vom Briefmarkensammeln bis zur Modelleisenbahn, die weiter gepflegt und in die sehr viel Zeit und Geld gesteckt werden. Und es kommen neuere Erscheinungen dazu, die offenbar ebenfalls boomen. Sie bringen aber das Alte nicht einfach zum Verschwinden.

Ein traditionelles Hobby, das sich nach wie vor grosser Beliebtheit erfreut ist z.B. auch Fischen.

Welche neuen Hobbys treten denn an die Stelle der alten?
Die Fotografie hat sich gewandelt. Man verbindet dieses Hobby mit dem Reisen, legt vielleicht selber ganze Bücher dazu an. Der Fernsehkonsum, der nach wie vor sehr hoch ist, verschiebt sich langsam hin zum Konsum von anderen elektronischen Medien wie Facebook. Der Fernsehkonsum ist zwar zwischen 2010 und 2015 ein wenig zurückgegangen, bleibt aber ganz klar wichtig, das zeigen die Studien zu den Zeitbudgets der Leute.

Würden Sie denn das Kommunizieren im Internet und das Fernsehen auch als Hobby bezeichnen?
Ja, wenn man schaut, wie die Leute ihre Freizeit verbringen – und wenn sie soviel Zeit dafür aufwenden, dann scheinen sie das auch einigermassen gern zu machen –, dann würde ich das als Freizeitbeschäftigung ansehen, die man auch als Hobby bezeichnen könnte.

Ein Hobby ist also etwas, das einem einen Sinn gibt, es muss nichts Produktives dabei herausschauen.
Da würde ich schon Unterschiede machen. Es gibt die mehr passiven Arten, seine Freizeit zu verbringen, und es gibt die aktiven. Doch wenn man sich mit den Leuten unterhält und sie nach ihren Hobbys fragt, dann erhält man zum Beispiel zur Antwort: Vor dem Fernseher sitzen mit Nüssli und Bier und was weiss ich. Die Leute beschreiben das genauso als Hobby wie Wandern und Vögelbeobachten.

«Es hat mich immer wieder berührt, mit welcher Ernsthaftigkeit sogenannt einfache Leute ein Hobby betreiben.»Ueli Mäder, Soziologe

Nehmen wir Hobby-Künstler und professionelle Künstler: Wodurch unterscheiden sie sich? Könnte als Unterschied der Drang dienen, oder allenfalls auch die Berechtigung, sichdamit in der Öffentlichkeit zu präsentieren?
Mein Eindruck ist, es kann bei beiden der Fall sein, dass sie eine Öffentlichkeit herstellen wollen. Der Hobbykünstler hat mehr Freiheiten und muss sich weniger über ein bestimmtes Ergebnis legitimieren. Aber der grösste Druck, den man oft erlebt, ist ja doch der, den man sich selber macht. Es kann auch bei Hobbys der Fall sein, dass sich Leute getrieben fühlen, sich ein kleines Denkmal zu setzen, aber das muss überhaupt nicht sein. Es ist ja das Schöne am Hobby, dass man es wirklich für sich machen kann und dabei merkt, dass es so einen besonders hohen Wert hat. Aber manche reproduzieren sogenannt freiwillig im Hobby das Getriebensein der Arbeit, die Orientierung am Produkt, das Glänzenwollen, das Streben nach Anerkennung. Bei vielen stelle ich jedoch fest: Das sind Leute, die sich selber in die Arme nehmen können und merken, dass etwas eine besondere Qualität bekommt, wenn ich es für mich mache, und sei es auch nur, dass ich ein Buch genau und sorgfältig lese – nicht um es nachher noch irgendwo zu verbraten, sondern einfach für mich.

Die Verwertung dessen, was man in der Freizeit macht, gehört als Phänomen wohl auch zur Auflösung der Grenze zwischen Arbeit und Freizeit, die man bei gewissen Berufen beobachten kann, zum Beispiel auch im Journalismus.
Es gibt Leute, die haben als Hobby das Schreiben von Leserbriefen. Sie lesen Zeitung, nehmen Anteil am Geschehen und reagieren mit einem Leserbrief. Eine fast journalistische Tätigkeit, aber eine frei gewählte.

Das entscheidende Kriterium wäre also, dass die Tätigkeit frei gewählt ist.
Ja, es sagt niemand, dass ich das machen muss, es ist mein eigener Anspruch.

In Bezug auf die Berufe, in denen die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit sich auflöst, könnte man vielleicht sagen, dass hier die Arbeit weniger als fremdbestimmt erlebt wird. In dem Mass, in dem das der Fall ist, braucht man dann vielleicht kein sogenanntes Hobby zur Ergänzung.
Ja, ich denke, das Selbstgewählte ist ein entscheidendes Kriterium. Wobei einem auch dieses Selbstgewählte wie ein Zwang begegnen kann. Es gibt Dinge, die man einfach gern macht, und wenn es auch noch nach Draussen geht und andere berührt, tant mieux. Ich bekomme gerade von einem weit über neunzigjährigen Mann fast jeden Tag die Kopie eines Leserbriefs. Ich finde es schön, dass er freudig Anteil nimmt. Andererseits frage ich mich, ob das nicht ein neuer Zwang ist. Ich bekomme auch fast jeden Tag von einem ehemaligen Bankdirektor, der in der ganze Welt herumreist und Leute interviewt, Kopien seiner Mails. Gestern habe ich ihm mit zwei Zeilen geantwortet. Heute moniert er, der Zweizeiler vom Herr Mäder sei die einzige Rückmeldung auf sein an sehr viele adressiertes Mail. Da fragte ich mich: Was ist das? Macht er das gar nicht für sich selber, wie ich annahm, sondern in der Erwartung, zusätzliche Streicheleinheiten zu bekommen? Das fände ich schade, weil es dann, als Freizeitaktivität, doch mehr von dem Getriebenen hat und reproduziert, was man in der Arbeitswelt kennt. Die Chance des Hobbys wäre gerade, sich davon ein Stück weit zu emanzipieren.

«Früher sagte man, man mache es für die anderen, heute sind die Leute offener und ehrlicher.»Ueli Mäder, Soziologe

Das Hobby hat also einen Selbstzweck, und es sollte auch mit einer gewissen Gelassenheit verbunden sein.
Die Chance des Hobbys ist, dass man es macht, weil man es einfach gerne macht. Dass man es kultiviert, vielleicht sogar perfektioniert. Aber nicht, um eine Anerkennung von aussen zu bekommen. Man nennt das intrinsische Motivation. Es gibt eine Hobbykultur, die ich als sehr reichhaltig, stimmig und schön erlebe, und eine andere, die sich selber wieder in äussere Zwänge verstrickt.

Wenn ich Ihre Position zusammenfasse, dann denke ich, das Hobby, das gibt es immer noch, es nimmt aber zum Teil neue Formen an. Könnte die im Titel der Veranstaltung im Fotomuseum, «Was wurde aus dem Hobby?», enthaltene These, klassische Hobbys würden verschwinden, damit zusammenhängen, dass das Wort altmodisch klingt?
Es kann schon sein, dass der Begriff etwas Antiquiertes hat. Er ist in einer Zeit entstanden, in der die Sozialstrukturen homogener waren als heute. In der die Freizeit klarer definiert war, in der man eine klarere Vorstellung vom Hobby hatte. Heute, in einer pluralisierten Gesellschaft, hat man den Eindruck, das Hobby sei veraltet und am Verschwinden. Aber ich stelle fest, dass es auch die Suche nach einer neuen sozialen Verbindlichkeit gibt. Dort können herkömmliche Formen wieder einen neuen Wert erhalten. Ich glaube also, dass die alten vor allem durch neue Formen überlagert werden. Als ich sozialisiert wurde, herrschte eine gewisse Vorstellung vom Hobby, das war einerseits etwas Stimmiges, andererseits hat man es schon damals leicht belächelt. Trotzdem war die Vorstellung davon, was ein Hobby ist, klarer als heute. In der damaligen, zwangsgeborgenen Zeit war auch die soziale Kontrolle gross, man wusste immer, wer was machte. Und es war klar, wenn du dich so verhältst, dann bist du einer von uns; es wurden aber auch Leute auf diese Weise ausgegrenzt. Die Hobbykultur lebte damals mehr von der «Kuhstall-Wärme» der Gemeinschaft, wie es der Soziologe Theodor Geiger ausdrückte. Das Ausbrechen aus dieser Zeit in Richtung einer Individualisierung, in der man auch eine Freizeitbeschäftigung in einer gewissen Anonymität sucht und neue, eher unverbindlichere Formen entstehen – ich kann mich auf Facebook bewegen oder auch nicht, es ist alles scheinbar frei gewählt, mobil und flexibel: Es ist für mich sehr plausibel, dass man das als neue Freiheit erlebt hat. Man hat dem nicht mehr Hobby gesagt, trotzdem ist es eine neue Art von Freizeitbeschäftigung. Ich meine auch bei jüngeren Leuten festzustellen, dass sich das teilweise wieder sättigt, dass man merkt, es ist etwas allzu cool geworden. Daraus entsteht wieder ein Antrieb, neue Formen einer sozialen Verbindlichkeit zu suchen, wo das Einfache, Bescheidene, Herkömmliche wieder höher bewertet wird. Ich engagiere mich im Fussball und Handball. Vereine, die sich Sorgen machen um das Engagement ihrer Mitglieder, denken sich manchmal Gratifikationen aus, sie wollen zum Beispiel mehr in Richtung Wellness gehen und überhaupt den Jungen etwas bieten, damit sie das Hobby wieder ernster nehmen. Da sage ich dann, hört auf mit dem Mist. Sagt direkt, dass ihr engagierte Leute wollt. Ich glaube, dass die Nachfrage danach wieder steigen kann.

Wie ist es bei Ihnen als Wissenschaftler, pflegen Sie auch Hobbys?
Ich lese und spaziere gerne. Jahrzehntelang habe ich selber Fussball und Handball gespielt und spiele es noch. Und ich engagiere mich für den Sport und berate Vereine; ich habe das immer als ein Hobby betrachtet und es mit sehr viel Herzblut betrieben. Dazu kommt ein soziales Engagement etwa für Dritt-Welt-Organisationen. Man sagt, das gehe heute zurück, mein Eindruck ist es nicht. Es gibt enorm viele Leute, die sich in der Freizeit sozial engagieren und das als ein Hobby kultivieren, auch wenn sie es vielleicht nicht so deklarieren. Früher gab man als Motivation an, man mache es für die anderen. Heute, glaube ich, sagen die Leute pragmatischer, offener und ehrlicher: Ich mache es, weil ich es gerne mache, ich mache es für mich. Ich verwende also den Begriff Hobby relativ umfassend. Er hat etwas an sich, das einen vielleicht stören kann, aber man muss aufpassen, dass man nicht etwas Despektierliches hineinbringt. Vielleicht sollte man eine neue Terminologie dafür finden. Es hat mich immer wieder berührt, mit welcher Ernsthaftigkeit sogenannt einfache Leute ein Hobby betreiben. Es ist ja wichtig, wie man es betreibt. Das Wertvolle ist, dass man etwas macht, das man gern macht und bei dem man immer wieder Neues entdeckt. Hobbys bieten darüber hinaus die Chance, etwas darüber herauszufinden, was in einer Gesellschaft läuft. Fotoaufnahmen dokumentieren zum Beispiel, was sich sozial verändert. So hat das Hobby eine zusätzliche gesellschaftliche Bedeutung.

Was wurde aus dem Hobby? Der Soziologe Ueli Mäder im Gespräch mit Erec Gellautz. Sonntag, 15.10., 13.30 Uhr, Fotomuseum, Grüzenstrasse 44.

Erstellt: 13.10.2017, 14:59 Uhr

Zur Person



Der Soziologe Ueli Mäder hat zahlreiche Studien über soziale Unterschiede und über die sozial benachteiligte Bevölkerung veröffentlicht. Sein anderes grosses Thema ist der Zusammenhang von Reichtum und Macht. 1990 erschien im Zürcher Rotpunktverlag sein Buch «Frei-Zeit: Fantasie und Realität». Mäder war in den 1970er-Jahren Mitgründer der linken Partei Poch und bis 2016 ordentlicher Professor an der Universität Basel.

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