Interview

«Es lag eine seltsame Anspannung in der Luft, aber auch viel Liebe»

In den letzten Tagen stand Chemnitz wegen rechtsextremer Proteste in den Schlagzeilen. Am Montag aber besuchten 65 000 Menschen ein Konzert gegen Ausländerfeindlichkeit. Mit dabei war auch eine Gruppe Winterthurer.

«Wir denken nicht alle so»: Das bewiesen die Chemnitzer der Welt am Montag eindrücklich.

«Wir denken nicht alle so»: Das bewiesen die Chemnitzer der Welt am Montag eindrücklich. Bild: Jonas Reolon

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LinkWie hat euch dazu bewogen, am Montag an die Gegendemonstration nach Chemnitz zu reisen?
Jonas Reolon*: Es war ein sehr spontaner Entscheid, der erst am Sonntagabend fiel. Wir konnten einfach nicht fassen, was wir in den letzten Tagen über den Rechtsextremismus in Chemnitz gelesen hatten.

Mit welchem Gefühl seid ihr in Chemnitz eingetroffen?
Wir waren angespannt. Wir wussten zu Beginn ja nicht, was passieren würde. Die Bilder in den Medien waren heftig, es wurden ja auch Journalisten angegriffen. Daher waren wir unsicher, wie die Leute auf unsere Foto- und Videokameras, mit denen wir das Geschehen dokumentieren wollten, reagieren werden. Viele Freunde schickten uns zudem Nachrichten, «Viel Glück», «Passt auf euch auf» oder «Ich mache mir Sorgen», als würden wir in ein Krisengebiet fahren . . .

Wie war die Stimmung vor Ort?
Es lag eine seltsame Anspannung in der Luft. Vor den Konzerten war es sehr ruhig, irgendwie beklemmend. Man hatte das Gefühl, bald passiert etwas. Im Vorfeld hatten sich ja auch rechte Gruppierungen angekündigt. Als die Konzerte dann aber begannen, fühlten wir uns sicher.

Woran lag das?
Sicher auch an der grossen Polizeipräsenz. Ganz ehrlich, ich habe noch nie so viele Polizisten an einem Ort gesehen. Darunter auch viele Beamte in Zivil, die sich unter die Besucher mischten. Man merkte, die Polizei war vorbereitet und nicht mehr überrumpelt wie in den Demonstrationen der letzten Tagen. Dass es zu keinen Gegendemonstrationen kam, lag sicher auch an der grossen Menschenmasse. Erwartet wurden 20 000 Besucher, gekommen sind 65 000 . . .

Wie haben Sie die Atmosphäre unter den Zuschauern erlebt?
Es war ein schöner Zusammenhalt zu spüren und viel Liebe. Beeindruckend war vor allem die Schweigeminute im Gedenken an den 35-jährigen Deutschen, dessen gewaltsamer Tod Auslöser der Vorfälle war. Eine solche Masse und man hört keinen einzigen Ton, das war unglaublich. Und es gab einem das Gefühl von Sicherheit, denn die Anspannung war nach wie vor zu spüren. Immer wieder waren Sirenen zu hören und Polizisten bahnten sich einen Weg durch die Menge.

Was sagen die Einwohner der Stadt zu den Vorfällen?
Viele waren einfach nur enttäuscht, welches Bild ihre Stadt im Moment nach aussen abgibt. Es war ihnen wichtig, zu zeigen «Wir denken nicht alle so» und Zusammenhalt zu demonstrieren. Nicht gegen rechts, aber den gegen Rechtsextremismus, der ihrer Meinung nach keinen Platz in Chemnitz hat. Dahin ist es wohl noch ein langer Weg, aber viele sind entschlossen, weiter dafür zu kämpfen. So kommen die Einnahmen des Konzerts auch dem Bündnis Chemnitz Nazifrei zugute, dem Mitorganisator der Veranstaltung. Viele Besucher kamen aber auch aus anderen deutschen Städten. Ich glaube, es geht hier auch nicht um ein Problem dieser Stadt, sondern um ein Problem eines Landes oder wohl ganz Europa.

*Jonas Reolon ist Kameramann, Cutter und Fotograf aus Winterthur. Mit dabei waren vier weitere Winterthurerinnen und Winterthurer. Mehr zu ihren Erfahrungen in Chemnitz lesen Sie auf dem Blog: lovewinti.ch/chronik-einer-reise (Landbote)

Erstellt: 05.09.2018, 09:30 Uhr

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