Winterthur

Experte stellt infrage, ob Datenschutz am richtigen Ort stattfindet

Eltern und Politik zeigen Verständnis für das Whatsapp-Verbot, das neu an den Winterthurer Schulen gilt. Ein Experte für Rechtsfragen im digitalen Raum aber zweifelt, ob so die Richtigen geschützt werden.

«Nimmt die Schule ihre Verantwortung zur Datensicherheit in Bezug auf den Kinderschutz ernst, dann ist ein Verbot zwingend», sagt Markus Steiner (SP), Präsident der Bildungskommission des Winterthurer Gemeinderats.

«Nimmt die Schule ihre Verantwortung zur Datensicherheit in Bezug auf den Kinderschutz ernst, dann ist ein Verbot zwingend», sagt Markus Steiner (SP), Präsident der Bildungskommission des Winterthurer Gemeinderats. Bild: Getty

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Die Zentralschulpflege der Stadt Winterthur verbietet per sofort die Nutzung von Whatsapp (siehe Landbote von gestern). Damit setzt sie auf eine radikale Umsetzung des Leitfadens des kantonalen Datenschutzbeauftragten. Dieser argumentiert, Whatsapp habe an öffentlichen Schulen nichts zu suchen, weil der Nachrichtendienst alle Informationen an Facebook weiterleitet. Eigentlich müssten dafür alle Beteiligten, also alle Kontakte in allen verbundenen Handys, ihre Einwilligung geben, was unmöglich ist.

Eltern-Lehrer-Chat besteht noch

In Winterthur wird das Verbot mehrheitlich positiv aufgenommen. Gleichzeitig ist nicht klar, wie es genau durchgesetzt oder kontrolliert werden soll. Handys sind mehrheitlich private Geräte, die ein Arbeitgeber nicht überprüfen darf. Die IG Elternräte der Stadt Winterthur äussert sich nur insofern zum Thema, als es sich um eine Weisung handle und sich die Schulbeteiligten daran zu halten hätten. Das sei ja auch bei anderen Arbeitgebern so, dass man bei der Arbeit gewisse Internetseiten nicht aufrufen dürfe, sagt die IG-Präsidentin Cristina Bozzi-Brunel. Als Mutter eines Jungen, der in die zweite Sek geht, ist sie sich der Herausforderung, die Whatsapp mit sich bringt, bewusst. «Aber ob ich ihm Whatsapp erlaube, ist mein privater Entscheid als Erziehungsberechtigte.» Aktuell besteht ein Klassenchat, der die Eltern mit dem Klassenlehrer ihres Sohnes verbindet. «Ich bin da natürlich dabei», sagt Bozzi-Brunel. Diesen Chat zu löschen, das wäre Aufgabe des Lehrers. Sie kann sich vorstellen, auf eine Alternative wie Threema umzusteigen. Diese ermöglicht einen Austausch mit einer ID aus Zahlen und Nummern, ohne dass man eine Telefonnummer angeben muss.

Zu Hause bereits auf Wire umgestiegen ist Markus Steiner (SP), Präsident der Bildungskommission des Gemeinderats. Für ihn ist klar: «Nimmt die Schule ihre Verantwortung zur Datensicherheit in Bezug auf den Kinderschutz ernst, dann ist ein Verbot zwingend.» Der vermeintlich kostenlose Dienst von Whatsapp werde mit Daten bezahlt, einhergehend mit einem Kontrollverlust über diese. Wenn man seine Daten und damit seine Privatsphäre nicht preisgeben wolle, führe kein Weg daran vorbei, dass Lehrer und Eltern künftig über eine andere Software kommunizierten.

Fast alle Software stammt aus den USA

Dass die Schulen mit einem Verbot reagieren, findet auch Martin Steiger nachvollziehbar, Anwalt für Recht im digitalen Raum. Die Schulen hätten keinen Spielraum mehr, seit der kantonale Datenschutzbeauftragte Whatsapp als nicht datenschutzkonform qualifiziert hat. Gleichzeitig ist Winterthur mit dem expliziten Verbot im Kanton eine Ausnahme. «Die meisten anderen Schulen setzen auf andere Software, ohne Whatsapp ausdrücklich zu verbieten», sagt Steiger. Zum Beispiel auf Microsoft Teams oder Threema. Wire, wie es in Winterthur empfohlen wird, sei eine «sehr exotische» Variante. Wenn man allerdings glaube, die eigenen Daten seien in der Schweiz am sichersten, müsse man eine schweizerische Lösung wie Threema oder Wire verwenden, so Steiger. «Ein Grundproblem ist, dass fast alle Software aus den USA stammt und fast alle Hardware aus Asien.»

Jedoch könne die Schule beispielsweise nicht verbieten, dass die Schüler untereinander einen Whatsapp-Chat haben. Wenn Eltern sich gegen eine alternative Plattform entscheiden, dann sei der Nachteil, dass sie nicht mehr informiert sind. Und schreibe beispielsweise eine Mutter dem Lehrer per Whatsapp, dann könne dieser die Nachricht ja nicht ignorieren. Er könnte einfach darauf hinweisen, dass er einen anderen Kanal nutzen müsse.

Grundsätzlich stellt Steiger infrage, ob der Datenschutz so am richtigen Ort stattfindet. «Statt die Rechte von Personen zu stärken, deren Datenschutz tatsächlich verletzt wird, etwa durch Mobbing und Stalking im Internet, wird IT-feindlich und symbolisch reguliert.»

Erstellt: 30.01.2019, 18:48 Uhr

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