Winterthur

Experte zum PK-Vorschlag des Gemeinderats: «Nicht durchdacht»

Die kantonale BVK öffnet schon ihre Arme, doch das Urteil einer Beratungsfirma fällt eindeutig aus: Eine Auslagerung der Winterthurer Pensionskasse mache zum jetzigen Zeitpunkt keinen Sinn.

Erhalten pensionierte Stadtangestellte künftig weniger Geld?

Erhalten pensionierte Stadtangestellte künftig weniger Geld? Bild: Marc Dahinden

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Seit Monaten berät der Stadtrat über die Sanierung der Pensionskasse. Es gilt, eine mehrheitsfähige Lösung zu finden, welche weder die Portemonnaies der Stadtangestellten noch jene der Steuerzahler über die Massen strapaziert. Nun preschen die Grünliberalen, die FDP und die SVP mit einem unorthodoxen Vorschlag auf ein Nebengleis vor: die PK ganz aufgeben und in die kantonale BVK integrieren.

Hinter der Idee steht die grünliberale Gemeinderätin Annetta Steiner, die derzeit für den Stadtrat und das Stadtpräsidium kandidiert. Sie glaubt, eine Eingliederung könnte einen Effizienz­gewinn bringen. «Die BVK ist grundsätzlich ein viel grösserer Laden als die städtische PK, dadurch sinken die Verwaltungskosten schon mal deutlich», sagt Steiner. «Aber es gibt auch ganz konkrete Synergiegewinne, zum Beispiel bei Lehrpersonen, die gleichzeitig beim Kanton und bei der Stadt angestellt sind.»

«Leistungen thematisieren»

Klar sei aber vor allem, dass die BVK bereits heute tiefere Leistungen für die Angestellten anbiete. «Und genau das müsste eigentlich momentan in Winterthur mehr thematisiert werden. Es geht nicht nur um die aktuelle Sanierung, sondern darum, dass ganz grundsätzlich die Leistungsversprechen der städtischen Pensionskasse für in Pension gehende Personen noch immer höher sind, als sie sich die Pensionskasse langfristig leisten kann.» Dieses Thema gehe in der Sanierungsdiskussion des Stadtrates leider unter, sagt Steiner.

«Die Versprechen der Pensionskasse sind noch immer zu hoch.»Annetta Steiner,
GLP-Gemeinderätin

Auf Anfrage zeigt sich die kantonale Pensionskasse BVK, die grösste Vorsorgeeinrichtung der Schweiz, «erfreut, dass die Mehrheit des Winterthurer Gemeinderats wesentliche Stärken der BVK erkannt hat». Die BVK hat bereits heute zahlreiche angeschlossene Arbeitgeber mit mehreren Tausend Versicherten, insgesamt versichert sie 115 000 Personen. Eine Übernahme der Winterthurer PK sei «juristisch kein Problem» und innert eines halben Jahres umsetzbar, teilt die Kasse mit. Die Mitarbeitenden der Stadt Winterthur würden gut fünf Prozent des BVK-Bestands entsprechen.

Entpolitisierte Kasse

Weitere Angaben, insbesondere zu den Kosten einer allfälligen Übernahme, beantwortet die BVK nicht. Auch der Winterthurer Stadtrat gibt derzeit keine Antworten.

Klartext redet hingegen Stephan Wyss, unabhängiger Experte für die berufliche Vorsorge bei der Zürcher Beratungsfirma Prevanto. Der Vorschlag sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht durchdacht, sagt Wyss. Einen Vorteil sieht er bei einer Eingliederung der Winterthurer PK nicht: «Die prognostizierte Senkung der Verwaltungskosten ist beispielsweise vernachlässigbar.» ^

Auch einen sogenannten «Grössenvorteil» werde es für die Winterthurer PK kaum geben: «Die Kasse ist auch als eigenständige PK bereits genug gross, eine Eingliederung wird rein wegen der Grösse der BVK keinen finanziellen Vorteil bringen.»

Die Kasse werde zudem auf einen Schlag entpolitisiert: «Das kann man natürlich gut finden, aber im Grunde heisst es, die Stadt hat danach keinen Einfluss mehr auf die Führung der Pensionskasse und auf Beiträge und Leistungen.» Man sei allen Entscheiden der BVK ausgeliefert.

Wyss sieht ein anderes Vorgehen als praktikabler an: «Bevor die Sanierung der PK nicht beendet ist, machen Eingliederungspläne wenig Sinn. Erst nach der Sanierung sollte sich die Winterthurer Politik Gedanken über die Organisation der PK machen, dann gibt es aber auch andere Varianten als eine Eingliederung in die BVK, beispielsweise ein Anschluss an eine Sammelstiftung.»

Klarheit im Dezember

Ähnlich wie beim Experten tönt es auch im Umfeld der Winterthurer Pensionskasse: So wie sie jetzt dastehe, mache eine Aufgabe der Kasse keinen Sinn. An der geplanten Vollsanierung führe ohnehin kein Weg vorbei. Und die vorgeschlagene Eingliederung in die BVK könnte teurer werden als das, was der Stadtrat im Dezember vorschlagen wird, heisst es hinter vorgehaltener Hand.

(Der Landbote)

Erstellt: 15.11.2017, 10:54 Uhr

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