Berufswahl

Fazit: Der erste Beruf war nicht der Letzte

Sechs Personen erzählen kurz vor oder nach der Pensionierung, welchen Berufsweg sie einst eingeschlagen haben und ob sie ihre Wahl bereuen.

Der Mensch soll lernen, was seinen Wünschen und Präferenzen entspricht – dann stimmt auch der berufliche Weg. (Symbolbild)

Der Mensch soll lernen, was seinen Wünschen und Präferenzen entspricht – dann stimmt auch der berufliche Weg. (Symbolbild) Bild: Keystone

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Den Beruf fürs Leben gibt es längst nicht mehr. Wie oft der Beruf während eines Arbeitslebens gewechselt wird, ist statistisch für die Schweiz nicht erhoben. Reinhard Schmid vom S&B Institut in Bülach, einer privaten Laufbahnberatung, schätzt aber, dass Schweizerinnen und Schweizer durchschnittlich vier Mal in ihrer Laufbahn den Beruf wechseln, Tendenz steigend. «Die einen tun es freiwillig, weil sie ihre Tätigkeit ihren sich ändernden Fähigkeiten und Neigungen anpassen, andere werden wegen Umstrukturierungsmassnahmen oder aus anderen Gründen dazu gezwungen.»

Heute tragen insbesondere die Digitalisierung und die Globalisierung zur Berufsveränderung bei. «Ähnlich war es, als im 19. Jahrhundert die Industrialisierung einsetzte und die Landwirtschaft als eine der wichtigsten Berufsgattungen ersetzte», sagt Schmid. Danach habe der Dienstleistungssektor Einzug gehalten und die Berufswahl der nächsten Generationen geprägt.

Basis stärkt für Neues

Von einem unerwünschten Berufswechsel seien oft diejenigen betroffen, die in ihrem Beruf die Anforderungen nur schwer erfüllen könnten und die Ausbildung dafür nur knapp geschafft hätten, sagt Laufbahnberater Schmid. Dies führe zu Verunsicherung und letztlich einem unfreiwilligen statt vorausschauenden Berufswechsel. «Darum ist es immens wichtig, dass man am Anfang seiner Berufskarriere auch wirklich das lernt, was seinen Wünschen und Präferenzen entspricht.»

André Monhart vom Amt für Jugend- und Berufsberatung bei sagt ganz analog: «Der erfolgreiche Abschluss fördert das Selbstvertrauen und ist damit die beste Voraussetzung für eine weitere gute Entwicklung.» Die allermeisten Menschen seien nach einer ersten Berufsausbildung motiviert, sich umzuschauen und neu zu orientieren. «Nicht in erster Linie, weil sie den falschen Beruf gewählt haben, sondern weil eine persönliche Entwicklung stattfindet.»

Was aus der ersten Berufswahl werden kann, erzählen auf dieser Seite sechs Personen, die auf ein ganzes Arbeitsleben zurückblicken können.

Werner Maag (72) Hätte es den Beruf Recyclist damals gegeben, hätte er ihn vielleicht erlernt. Aber Werner Maag musste zuerst den Bund davon überzeugen, diesen Beruf und die entsprechende Ausbildung offiziell einzuführen.Eigentlich wollte Klein Werner Zoodirektor oder Kriminalkommissar werden. Als einer der ersten Schüler aus einer Nicht-Akademiker-Familie in Töss durfte er ans Gymnasium und studierte schliesslich Rechtswissenschaften. Obwohl Recyclist oder Baumaschinenmechaniker für das, was er später tat, der ideale Boden gewesen wäre.

Er übernahm von seinen Eltern die Schrottwirtschaft und machte aus dem «Lumpensammler»-Bude ein erfolgreiches Recycling-Unternehmen. Auch dort konnte er sein Wissen über Recht und Gesetz, gerade wenn es um Umweltvorschriften und Bauwesen ging, stets gut nutzen. Rückblickend ist er froh, den Familienbetrieb übernommen zu haben und nicht den Weg des Kriminalkommissars eingegangen zu sein. «Ich bin ein Macher. Mit dem starren Hierarchiedenken im Polizeiwesen hätte ich meine liebe Mühe gehabt», schmunzelt er.

Therese Van Laere (68) Ihr Beruf hätte Musikerin sein können. Doch der Bruder war talentierter, und so konzentrierte sie sich auf ihre anderen Fähigkeiten. «Hätte es zu meiner Zeit als Schulabgängerin die Ausbildung der Kulturmanagerin schon gegeben, hätte ich wohl diesen Beruf gewählt», sagt die ehemalige Leiterin des Zentrums Obertor, das Erwachsenenbildung und Kulturveranstaltungen anbietet. Sie wählte zunächst das Studium an der Uni und schloss als klinische Psychologin ab. Bald jobbte sie bei der Migros, landete in der Kulturabteilung und organisierte fortan Theatertourneen und Konzerte für Rock-, Jazz-, Ethno-Künstlerinnen und -Künstler.

21 Jahre lebte sie bei Migros Kulturprozent ihre Leidenschaft für die Musik aus, zeitweise als Bereichsleiterin, bevor sie dem Zentrum am Obertor in Winterthur mit neuartigen Kulturangeboten ein neues Gesicht gab. Ein Psychologiestudium hätte es für ihre Laufbahn nicht gebraucht, sagt sie. Dennoch sei sie oft froh um ihr Knowhow gewesen, insbesondere im den Umgang mit eigenwilligen Künstlerinnen und Showmastern, wie sie lachend erzählt.

Giella Rossi (63) Sie wollte Kindergärtnerin werden, doch der Lehrer beschied ihr, sie sei zu dumm für eine solche Ausbildung. Der unglaubliche Satz sollte ihr Selbstvertrauen nicht schmälern. Giella Rossi erlernte den Beruf der Apothekerhelferin (heute Pharmaassistentin). Da sie viel Büroarbeit verrichten musste, entdeckte sie ihr Talent in der Administration, in der Buchhaltung, im Personalwesen. Als Jahre später ihr Schwager starb, übernahm sie die Verantwortung für dessen Importgeschäft und wurde über Nacht Geschäftsführerin.

Später wechselte sie zum Kulturzentrum Alte Kaserne, bildete sich zur Kulturmanagerin aus und übernahm die Leitung, nachdem ihr Vorgänger gekündigt hatte. Bis zu ihrer eigenen Pensionierung wird sie «den schönsten Job, den ich mir wünschen konnte» ausüben. Sie ging ihren Weg, trotz einer Berufsausbildung, die landläufig als Karrieren-Sackgasse gilt. «Unser Berufsbildungssystem ist so grossartig, dass mit etwas Anstrengung alle Möglichkeiten offen stehen», sagt Rossi. Obwohl sie den erlernten Beruf nie ausgeübt hat, bereut sie die damalige Wahl nicht. «Ich habe in der Ausbildung entscheidende Fähigkeiten entdeckt, die ich während meines ganzen Berufslebens einsetzen konnte.»

Stefan Frei (65) Sein Kindheitstraum war Pilot. Doch er folgte der Überzeugung der Eltern, dass Maschinenmechaniker bei der Firma Rieter für ihn die richtige Ausbildung sei. So sollte es dann auch geschehen. Er habe in der Lehrzeit gelitten, sagt er. Und doch sei das, was er gelernt habe, heute für ihn «Gold wert». Neben den handwerklichen Fähigkeiten, die er sich angeeignet hat, «habe ich auch einen gesellschaftskritischen Blick entwickelt, die Ausbeutung der Arbeiterklasse hat mich sehr beschäftigt», sagt er.

In ihm sei bald die Überzeugung gereift, sich nach der Lehre weniger mit Maschinen als vielmehr mit Menschen zu beschäftigen. Er liess sich zum Heimerzieher ausbilden und arbeitete über 20 Jahre bei der Brühlgutstiftung, als Werkstattleiter, später als pädagogischer Leiter. Vor 15 Jahren wechselte Frei zum Lindenbaum in Pfäffikon, einer Ausbildungsstätte für junge Menschen mit Lernschwierigkeiten, und wurde bald zum Geschäftsleiter. Diesen Monat geht Stefan Frei in Pension. «Die Berufslehre war für mich die Basis fürs Leben, er hat mir insbesondere was meine Lebenshaltung betrifft viele Türen geöffnet», sagt er. Nun könne er seine Mechanikerfähigkeiten wieder vermehrt einsetzen – für seine Hobbies.

Daniel Stöhr (64) «Ein Studium kann nicht schaden», sagt Daniel Stöhr, «aber mein Weg war ein anderer.» Weil er unbedingt die weite Welt entdecken wollte, lernte er Maschinenschlosser. Mit dieser Ausbildung konnte auf Montage ins Ausland gehen. Und das, obwohl er «keinerlei handwerkliche Fähigkeiten» hatte, so sein eigenes Urteil. Heute würde mich mein damaliger Lehrbetrieb Rieter wohl nicht mehr einstellen, schmunzelt er.

Nach ein paar Wander- und Reisejahren absolvierte er die Handelsschule und gründete ein Immobilienutnernehmen mit zwei Partnern. Dank seiner grossen Leidenschaft, der Musik, wurde er bald zum Musikchef beim frisch gegründeten Radio Eulach berufen. Auch als Moderator und Programmleiter sollte er dem späteren Radio Top noch viele Jahre erhalten bleiben. Vor sechs Jahren entschloss sich Stöhr, eine eigene Immobilienagentur aufzubauen. Obwohl ihm davon abgeraten wurde, darf er sich heute über den Erfolg freuen, und auch darüber, dass sein Sohn und seine Tochter als Teilhabende ins Geschäft eingestiegen sind. Nichtsdestrotz war seine erste Ausbildung «eine wichtige Lebensschule.»

Hanni Wipf Stengele (64) Als sich Hanni Wipf für einen Beruf entscheiden musste, stand neben der Pflege auch der Buchhandel zur Diskussion. Schliesslich schlug sie den Weg im Gesundheitswesen ein und lernte Krankenschwester, heute Pflegefachfrau HF genannt. Nach ein paar Jahren als Gemeindeschwester in der Spitex hatte sie Lust auf einen Berufswechsel. «Auch die Tatsache, dass die Leute mich nannten, störte mich», sagt sie. So liess sie sich zur Berufsschullehrerin ausbilden und unterrichtete an den Krankenpflegeschulen Baden und Rotkreuzspital.

Später absolvierte sie eine Managementausbildung und übernahm die Leitung der Krankenpflegeschule Winterthur. Sie war dabei, als das kantonale Zentrum für Gesundheitsberufe ZAG realisiert wurde und bewarb sich anschliessend als Rektorin. Eine riesige Aufgabe erwartete sie. «Ich übernahm die einmalige Chance sehr gern, zusammen mit den Mitarbeitenden ein Zentrum aufzubauen», sagt sie. Die Schritte in ihrer Berufslaufbahn sind nachträglich gesehen logisch aufeinander abgestimmt, obwohl sie sie nicht geplant hatte. «Die Ausbildung zur Krankenschwester war rückblickend absolut richtig», so Wipf.

Erstellt: 06.09.2019, 14:54 Uhr

Serie Berufswahl (Teil 6)

Diese Woche hat sich der Landbote mit vielen Fragen rund um die Berufswahl beschäftigt und hoffentlich einen spannenden Einblick vermitteln können. Wir wünschen den Lehrstellensuchenden und allen, die beruflich nochmals neu starten, viel Glück und Erfolg. (kal)

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