Winterthur

Finanzielle Zückerchen für Stadtangestellte

Sind die Leistungen der Stadt als Arbeitgeberin wirklich zu schlecht, um Spitzenleute zu halten? Der Stadtrat lässt bei seiner Klage etwas aussen vor.

Da geht man gerne arbeiten: Den Stadtangestellten winkt eine Sonderprämie von bis zu 10'000 Franken.

Da geht man gerne arbeiten: Den Stadtangestellten winkt eine Sonderprämie von bis zu 10'000 Franken. Bild: Marc Dahinden

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Da war sie wieder, die Warnung, wenn der Gemeinderat so weiter spare, finde die Stadt kein qualifiziertes Personal mehr. Der Stadtpräsident trug sie in der Budgetdebatte im Dezember mit Herzblut, aber vergeblich vor. Der Gemeinderat fand 0,7 Prozent für Lohnerhöhungen und Teuerungsausgleich ausreichend, in derselben Höhe solle schliesslich auch das Zürcher Kantonspersonal 2020 mehr Lohn erhalten.

Was nur am Rande zur Sprache kam: Der Stadtrat und seine Führungscrew haben durchaus Mittel, um Winterthur für qualifizierte Fachkräfte attraktiv zu halten. Denn erstens gibt es bei Neueinstellungen Spielräume bei der Einreihung, also der Bewertung der Erfahrung, die sich innerhalb einer Lohnklasse erheblich auf den tatsächlichen Lohn auswirkt. Und dann gibt es zweitens ein Mittel, über das vom Stadtrat eher nicht geredet wird: üppige Einmalzulagen.

Bis zu 10'000 Franken

Wer sich besonders verdient macht, dem kann die Stadt eine Prämie auszahlen, und zwar bis zu 10'000 Franken pro Person und Jahr. 480 Personen bei der Stadt, kamen im letzten Berichtsjahr, das war 2018, in den Genuss einer solchen Zulage, 278 davon im steuerfinanzierten 202 im gebührenfinanzierten Bereich. Gesamthaft gab die Stadt etwas über eine halbe Million Franken für diese Zulagen aus, das entspricht 0,16 Prozent der Gesamtlohnsumme und durchschnittlich 1061 Franken pro berücksichtigtem Mitarbeiter.

Die Entwicklung der Einmalzulagen im Vergleich zu den Lohnkosten.

Mit ihrer Praxis steht die Stadt Winterthur nicht alleine da. Auch andere Gemeinwesen kennen eine solche Prämie, wobei die maximale Höhe der Beträge in der Regel tiefer ist als in Winterthur. So zahlt die Stadt Luzern «ausserordentliche Zulagen» von maximal 500 Franken pro Person und Jahr, der Kanton Basel Stadt «Anerkennungsprämien» von höchstens 3000 Franken, und die Stadt St. Gallen und der Kanton Bern kennen «Leistungsprämien» von bis zu 5000 Franken.

«Ich finde es fragwürdig, wenn der Stadtrat bei der ganzen Lohndebatte jeweils die Einmalzulagen nicht ausweist.»Tobias Brütsch, Gemeinderat (SVP)

Auch der Kanton Zürich zahlt Einmalzulagen aus, in den letzten Jahren im Umfang von jeweils 0,2 Prozent der Lohnsumme. Die grosszügigste Regelung hat der Bund. Weil fast die Hälfte seiner Angestellten das Maximum ihrer Lohnklasse erreicht haben, schüttet er ­­- zum Motivationserhalt - Prämien von bis zu 15 Prozent des Höchstbetrags einer Lohnklasse aus. Das können bei Kaderangestellten schnell mehrere Zehntausend Franken sein. 20 bis 40 Prozent der Belegschaft profitieren in normalen Jahren von einer solchen Prämie - eine Praxis, die der Bund der Steuerzahler erst kürzlich mit dem Argument kritisierte, die Prämien seien für Mitarbeitende zu reservieren, die Besonderes geleistet haben.

Vorwurf: Intransparenz

Kritik an den Einmalzulagen gab es in der Budgetdebatte auch in Winterthur. So monierte SVP-Gemeinderat Tobias Brütsch, der Umgang mit den Zulagen sei intransparent. Der Grund: Während der Kantonsrat den finanziellen Rahmen mit dem Budget vorgibt, erfährt das Winterthurer Parlament erst hinterher wie viel für die Zulagen ausgegeben wurde, über den Bericht des Personalcontrollings. Und das erst seit letztem Jahr.

Finanziert werden müssen die Prämien indes aus dem bewilligten Budget einer Produktgruppe oder ihrer Reserve. Das anerkennt auch Brütsch. «Trotzdem finde ich es fragwürdig, wenn der Stadtrat bei der ganzen Lohndebatte jeweils die Einmalzulagen, welche selbstredend auch Lohnbestandteil sind, nicht ausweist.»

«Die Zulagen sind vorgesehen, um ausserordentliche Leistungen oder ein besonderes Engagement zu honorieren»Michael Künzle, Stadtpräsident (CVP)

Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) sagt, der Stadtrat habe aus den Einmalzulagen nie ein Geheimnis gemacht. Zudem hätten sich diese in den letzten Jahren gesamtstädtisch immer unter den 0.2 % bewegt, die der Kanton Zürich dafür vorsehe. Er bestreitet, dass die Zulagen auch ein Instrument sind, um Löhne zu frisieren und besonders wertvolle Mitarbeitende bei Laune zu halten. Dafür seien sie nicht gedacht, sondern dafür «ausserordentliche Leistungen oder ein besonderes Engagement zu honorieren». Oft werde damit die Übernahme von zusätzlichen Funktionen während einer Vakanz abgegolten, sagt Künzle. In diesem Fall stünden auch die Mittel zur Verfügung.

Das Maximum von 10'000 Franken sei zwar hoch, räumt er ein. Aber erstens entscheide ab 4000 Franken nicht mehr die Anstellungsinstanz über die Zulage, sondern der jeweils zuständige Stadtrat. Und zweitens werde das Maximum äusserst selten ausgeschöpft. «In den letzten Jahren höchstens für eine Person pro Jahr.»

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Erstellt: 14.01.2020, 10:30 Uhr

Infobox

Flexiblere Privatwirtschaft

Auch die Privatwirtschaft kennt Spontanprämien, die unter dem Jahr ausgeschüttet werden. Die Versicherungsgesellschaft Axa zum Beispiel legt die Obergrenze bei 1000 Franken pro Person und Jahr fest, der Sensorenhersteller Kistler nennt keine Zahlen, spricht aber von tieferen Prämien, als sie bei der Stadt üblich seien. Private Firmen haben daneben viele weitere Instrumente, um Leistungen zu honorieren, wie Kistler-CEO Rolf Sonderegger betont. Nebst Einmalzulagen gebe es bei Kistler einen erfolgsabhängigen jährlichen Bonus fürs Kader oder freiwillige Erfolgsbeteiligung für Mitarbeitende, die nicht an diesem Bonusprogramm teilnehmen. (mcl)

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