Leitartikel zum Jahreswechsel

Freiheiten, die selbstverständlich bleiben müssen

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Ist das Weihnachtsfest für Sie schon vorbei? Ja, selbstverständlich? Auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung in der Schweiz Heiligabend und Weihnachten am 24. und 25. Dezember feiert: So selbstverständlich ist dieses Datum für die Festtage nicht. Die orthodoxen Christen feiern Weihnachten erst nächste Woche, am 6. und 7. Januar.

Also genau dann, wenn für die meisten nach den Festtagswochen der Alltag wieder beginnt. Verschiedene Daten, unterschiedliche Bräuche: Ein gesellschaftlicher Zwang, der vorgeben würde, wie man die Festtage «richtig» zu feiern hat, ist längst verschwunden. Das ist gut so, gerade wenn es um religiöse Themen geht.

Die grossen Freiheiten in unserer heutigen Gesellschaft sind eine jener Errungenschaften, die man eher zu gering schätzt, weil sie zu Selbstverständlichkeiten geworden sind. Grundlage für diese Freiheit ist ein hohes Mass an Toleranz. Diese auch wirklich zu leben, fällt nicht immer einfach, gerade wenn man vom eigenen Standpunkt überzeugt ist. Doch wo die Toleranz aufhört, beginnt der Fundamentalismus, sowohl in der Religion als auch in der Politik.

Grundlage für unsere Freiheit ist ein hohes Mass an Toleranz.

Dass Religion und Politik in Winterthur stärker verknüpft sein könnten, als man es auf den ersten Blick denken würde, zeigt die Umfrage, die der «Landbote» gestern publiziert hat. Immerhin ein Drittel der Parlamentarier gibt an, dass er die Verquickung zwischen Freikirchen, Politik und Verwaltung für zu stark hält. Und während nach wie vor keine Person muslimischen Glaubens im Parlament sitzt (und voraussichtlich auch im März keine gewählt wird), ist fast jeder siebte Gemeinderat Mitglied in einer Freikirche.

Diese gehören in Winterthur und Umgebung schon lange zur Gesellschaft. Die Szene ist vielfältig, nicht jede der Gemeinschaften hat einen problematischen Wahrheitsanspruch. Einige aber schon. Darum löst das Ergebnis Unbehagen aus: Wie stark ist die Freikirchen-Lobby im Gemeinderat tatsächlich? Wie macht sie ihren Einfluss beim Stadtrat geltend? Geniessen Freikirchen sogar irgendeine Vorzugsbehandlung?

Diese Fragen müssen offen diskutiert werden. Sicher ist: Eine Bevorzugung der Freikirchen darf es in keiner Weise geben, auch wenn ihre Lobby im Parlament gross ist. Ansonsten gilt es genau hinzuschauen und stets zu überprüfen, dass der Grundsatz der Toleranz nicht angetastet wird, weder von den Politikern mit freikirchlichem Hintergrund selbst, aber auch nicht ihnen gegenüber.

Bemerkenswert ist, dass eine grosse Mehrheit der Ratsmitglieder in der Umfrage eine liberale Grundhaltung zeigt, auch in umstrittenen Themen wie der Homo-Ehe oder beim Kopftuchverbot. So lange die Gemeinderäte wirklich so liberal politisieren, wie sie es selbst angeben, bleiben die für eine offene Gesellschaft wichtigen Freiheiten also eine Selbstverständlichkeit.

(Der Landbote)

Erstellt: 29.12.2017, 18:18 Uhr

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