Pädagogik

Freuen sich auch Ahmed und Gülsha auf Weihnachten?

Kindergärtnerin Rebecca Reiser (42) erzählt von ihrem Umgang mit muslimischen Kindern in der Vorweihnachtszeit.

Wie feiert man im multikulturellen Kindergarten die Advenstzeit?

Wie feiert man im multikulturellen Kindergarten die Advenstzeit? Bild: David Baer

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Am Sonntag ist der 2. Advent. Wie wichtig ist es für Sie, dass die Ihnen anvertrauten Kinder im Kindergarten Schützenwiese in Winterthur den christlichen Hintergrund der Adventszeit verstehen?
Es ist mir persönlich sehr wichtig, dass die Kinder möglichst viel von dieser Vorfreude auf Weihnachten verspüren. Andererseits bin ich keine Religionslehrerin. Ich erzähle den Kindern nicht sehr viel Konkretes vom Christentum, vermittle ihnen aber auf altersgerechte und spielerische Art und Weise einiges von unseren christlichen Ritualen und Bräuchen. Es ist also vorerst nur eine Idee vom Christentum, die wir den Kindern mitgeben. Das zeigt sich beispielsweise beim Adventskranz und dem täglichen Adventsritual im Kindergarten. Wenn das erste Kerzlein brennt, dann symbolisiert dieses Licht für die Kinder den Beginn der Adventszeit.

Wie viele Ihrer Kindergärtler gehören nicht dem Christentum an?
Es sind circa ein Fünftel aller Kinder, die einer anderen Religionsgemeinschaft angehören.

Spüren Sie auch etwa bei Ahmed und Gülsha eine Vorfreude auf Weihnachten?
Ganz deutlich, ja. Auch muslimische Kinder leben das sehr sinnlich und singen beispielsweise voller Inbrunst die christlichen Advents- und Weihnachtslieder mit. Kinder haben da keine Hemmungen. Für sie ist es wichtig, Teil der Gemeinschaft zu sein.

Basteln Kinder mit einem muslimischen oder jüdischen Hintergrund ebenfalls Weihnachtsgeschenke?
Ja. Alle Kinder basteln Weihnachtsgeschenke und überraschen ihre Eltern später damit. Und das ungeachtet ihres religiösen oder kulturellen Hintergrundes. Unser Jahresthema heisst «Häuser und Kunst». Die Vorgabe in diesem Advent ist, aus Ton ein Teelichthaus zu modellieren. Das machen die Kinder sehr individuell und mit voller Hingabe.

Was sagen jene Eltern, die aus anderen Kulturen stammen, zu den christlichen Aktivitäten ihrer Kinder?
Wir erhalten eigentlich fast nur positive Reaktionen. Die Eltern bedanken sich immer wieder und freuen sich, dass ihre Kinder bei uns so gut und herzlich aufgehoben sind.

«In diesem Jahr
singen wir auch afrikanische, englische und spanische Weihnachtslieder.»
Rebecca Reiser

In dieser Woche ist bekannt geworden, dass in Wil (SG) an der diesjährigen Adventsfeier aus Rücksicht gegenüber anderen Kulturen und Religionen auf das Singen gewisser Weihnachtslieder verzichtet wird. Handhaben Sie das in Ihrem Kindergarten auch so?
Nein, das tun wir nicht. Wir sind aber ohnehin ziemlich multikulti unterwegs. Das heisst, dass wir beispielsweise auch keine Berührungsängste zu Weihnachtsliedern aus anderen Ländern haben. In diesem Jahr singen wir nebst Schweizer Weihnachtsliedern auch afrikanische, englische und spanische.

Haben Sie auch schon Feste anderer Religionen gefeiert?
Nein. Aber ich bin grundsätzlich sehr offen für Bräuche und Traditionen aus anderen Ländern. Ich habe mich persönlich auch schon oft mit anderen Glaubensrichtungen und Kulturen auseinandergesetzt.

Wenn muslimische Kinder strenggläubige Eltern haben, so kann das an Schulen und in Kindergärten manchmal zu Problemen führen. Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich gemacht?
Ich hatte einmal eine Begegnung mit einem Vater, der mir aus religiösen Gründen zur Begrüssung die Hand nicht reichen wollte. Auch sein Kind wollte mir nicht die Hand geben. Ich habe dem Vater dann gesagt, dass ich seine Verweigerung des Handschlages akzeptiere, aber nicht diejenige seines Kindes. Denn es sei bei uns Tradition, dass Kinder der Kindergärtnerin die Hand geben. Von da an hatte mir das Kind immer die Hand gegeben. Die meisten muslimischen Eltern schätzen unsere Arbeit sehr und respektieren uns.

Erstellt: 06.12.2019, 17:31 Uhr

Kindergärtnerin Rebecca Reiser: «Auch muslimische Kinder singen Weihnachtslieder.» (Bild: PD)

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