Winterthur

Früh aufstehen und hoffen, dass die Arbeit reicht

Mit dem «Taglohn» bietet der Verein Läbesruum Arbeitswilligen die Möglichkeit, kurzfristig selber Geld zu verdienen. Eine Garantie auf Arbeit gibt es nicht, dafür mehr Verständnis für Lebenssituationen und Bonus-Punkte fürs Erscheinen.

Stephan Graf hat als Informatiker im Taglohn für den Verein Läbesruum gearbeitet. Geschäftsführer Oliver Seitz sagt, es wäre schade, wenn Grafs Begabung brachliegen würde.

Stephan Graf hat als Informatiker im Taglohn für den Verein Läbesruum gearbeitet. Geschäftsführer Oliver Seitz sagt, es wäre schade, wenn Grafs Begabung brachliegen würde. Bild: Marc Dahinden

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Diese Zeilen hätten eine Story fürs Herz werden sollen – über den 5000. Taglöhner beim Läbesruum. Doch noch bevor der Journalist vorbeikommen konnte, hatte die Nummer 5000 eine Festanstellung.

Und dann fand man in der Administration des Läbesruums auch noch heraus, dass dieser «5000. Taglöhner» keineswegs eine gesicherte Grösse war: «Es gab im Lauf der Jahre verschiedene Zählmethoden», sagt Geschäftsführer Oliver Seitz. «Sicher aber sind es deutlich über viertausend Taglöhner.»

Alles ok, dann kam das Loch.

Dass es keine runde Zahl zu feiern gibt, ist halb so schlimm: Bereits 28 Jahre bietet der Verein Läbesruum eine Erwerbsmöglichkeit im Taglohn an. Tausende Menschen haben hier rasch und unkompliziert Geld fürs Leben aus eigener Kraft verdient und eine Struktur fürs Leben in schwierigen Phasen finden können.

«Ich schätze die Toleranz, die mir entgegengebracht wird, denn Pünktlichkeit und Organisation sind nicht meine Stärken.»Stephan Graf,
Tagelöhner

Einer von ihnen ist Stephan Graf (26). Er hat in Oberwinterthur die Schulen besucht, eine vierjährige Lehre als Informatiker abgeschlossen, seinen Militärdienst als Durchdiener geleistet. Dann begann er ein Studium. Doch als er nach zwei Jahren die Prüfungen auch im zweiten Anlauf nicht bestand und es «Geldprobleme sowie private Troubles» gab, fiel er in ein Loch. Dort blieb er, bis er den Tipp erhielt, sich beim Taglohn im Läbesruum zu melden.

«Ich ging einfach mal hin und war erstaunt, wie unkompliziert alles war», erzählt er. Er habe nur ein Formular ausfüllen müssen. Auch ein Gespräch gab es. Laut Geschäftsführer Seitz ist es dazu da, abzuklären, was jemand kann. «Wir wollen den Menschen von seinen Stärken her anschauen. Seine Vorgeschichte interessiert uns nicht.» Und wenn der Einstieg mal nicht auf Anhieb reibungslos klappe, gebe man den Betroffenen weitere Chancen.

Stephan Graf konnte gleich am nächsten Tag beim Zügelteam mitmachen. Die Taglöhner treffen sich um 7.45 Uhr im Läbesruum an der Pflanzschulstrasse 17. Dann werden sie den verschiedenen Bereichen zugeteilt. Anders als früher werden die Jobs nicht mehr ausgelost: «Da wurde manchmal ein Schmächtiger zum Zementplattenschleppen vermittelt. Das ist ja nicht gerade optimal», sagt Seitz.

Präsenzpunkte sammeln

2017 haben beim Läbesruum 451 Menschen im Taglohn mehr als 188 000 Arbeitsstunden geleistet. Etwa zweihundert Leute befinden sich aktuell im Taglohn-Pool, rund zwanzig von ihnen schauen täglich vorbei, um einen Job zu ergattern. Es reicht nicht immer für alle: «Tendenziell haben wir mehr Bewerber als Arbeit», räumt Seitz ein. «Und wer dabei leer ausgeht, jauchzt nicht vor Freude über den freien Tag: Viele sind dringend auf das Geld angewiesen.»

Entsprechend frustriert seien sie, wenn sie keine Arbeit erhalten. Da gelte nur eins: dranbleiben. «Wer nicht in die Kränze kommt, ist nicht umsonst aufgestanden», sagt Seitz, «Die Präsenz wird als Beleg für die Arbeitsmotivation wahrgenommen und als Bonus für einen künftigen Einsatz gutgeschrieben.»

«Wer  leer ausgeht, jauchzt nicht vor Freude über den freien Tag: Viele sind dringend auf Geld angewiesen.»
Oliver Seitz, 
Geschäftsführer

Bewährt sich jemand als Hilfsarbeiter in einem der Bereiche (etwa als Maler oder Gartenbauer), wird er zwar der entsprechenden Gruppe zugeteilt, aber weiterhin im Taglohn bezahlt. «Der Taglohn soll zur Überbrückung dienen», erklärt Seitz. Ziel sei eine Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt. Für ihre Einsätze erhalten die Taglöhner darum Zeugniesse und der Verein unterstützt sie bei der Stellensuche.

Auch Stephan Graf ist inzwischen einem Arbeitsbereich zugeteilt, der seinen Fähigkeiten entspricht: Er arbeitet in der Läbesruum-Informatik, allerdings nur etwa 20 Prozent. Mit den rund 700 Franken, die er dabei verdient, kann er «knapp leben».

Das nimmt er in Kauf, um daneben noch «an einem coolen Projekt» zu arbeiten, wie er sagt. Für ein Startup programmiert er unentgeltlich Software. Bei der Arbeit gehe es ihm eben nicht nur um «Geldbeschaffung», sondern auch um Anerkennung.

Beides erhält Stephan Graf auch im Läbesruum: «Ich kann meine Arbeitsmenge selber steuern, bin hier eingebunden, erhalte Rückmeldungen. Das hat sich stabilisierend ausgewirkt», sagt er. «Und ich schätze die Toleranz, die mir entgegen gebracht wird, denn Pünktlichkeit und Organisation sind nicht meine Stärken.»

Seitz sagt, er fände es schade, wenn Stephan Grafs Begabungen brach liegen würden: «Er soll dann arbeiten können, wenn es für ihn geht.» Diese Flexibilität erfordere aber Organisationstalent. Oft müssten die Bereichsleiter kurzfristig Ersatz aufbieten.

Dass viele Leute im Taglohn arbeiten, führt Seitz auf die Ansprüche vieler Unternehmen zurück. Die Wirtschaft wolle heute nur noch Leute, die 120 Prozent leisteten, superflexibel und immer topfit seien: «Dass man mal ein Tief hat, dass man psychisch krank oder durch chronische, körperliche Leiden geschwächt ist und nicht zur Arbeit kommen kann, hat keinen Platz mehr.»

Taglohn ist kein Stigma

Beim Läbesruum zu arbeiten, habe nichts Anrüchiges, sagt Seitz. Nach 28 Jahren sei die Institution anerkannt und erhalte immer wieder Aufträge, gerade wegen ihrer sozialen Ausrichtung. Das sei auch eine Verpflichtung: Preis und Leistung müssen stimmen, denn der Läbesruum ist kein «Billiganbieter». «Preislich liegen wir im Durchschnitt, dafür bieten wir eine soziale Komponente.»

Stephan Graf will mittelfristig wieder «richtig» arbeiten. Die Freiheit, die er hier geniesse, sei zwar schön, aber immer knapp bei Kasse zu sein und in existentieller Unsicherheit zu leben, das belaste auch. Und zur Sozialhilfe gehen – das kommt für ihn nicht in Frage: Wie die meisten der Taglöhner ist er dafür zu stolz.

Die Anfänge des Taglohnprojektes des Läbesruum: Ein Baustellenwagen im Jahr 1991.

(Der Landbote)

Erstellt: 24.07.2018, 15:39 Uhr

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