«Führen durch Werte ist meine Maxime»

Der Automobilmarkt wächst weltweit nur noch schwach. Der Autozulieferer Autoneum hat sich in diesem schwierigen Umfeld bisher gut behauptet. CEO Martin Hirzel erklärt, wie der Winterthurer Konzern weltweit mithalten kann. 

Martin Hirzel, CEO von Autoneum: «Studien zeigen, dass divers aufgestellte Unternehmen erfolgreicher sind.»

Martin Hirzel, CEO von Autoneum: «Studien zeigen, dass divers aufgestellte Unternehmen erfolgreicher sind.» Bild: Madeleine Schoder

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Autoneum erlitt 2018 zweimal einen Aktiensturz. Wie verlief das letzte Geschäftsjahr?
Martin Hirzel: Die weltweite Automobilproduktion ist 2018 im Vergleich zum Vorjahr zum ersten Mal seit der Finanzkrise ­zurückgegangen. In China ist es sogar die erste Abnahme seit zwanzig Jahren. In diesem schwachen Marktumfeld haben wir uns gehalten. Allerdings ­haben Produktionsprobleme in Nordamerika unsere Profitabilität beeinträchtigt.

Was erwarten Sie für das ­laufende Jahr 2019?
Das kommende Jahr wird für die Autoindustrie anspruchsvoll. Wir erwarten ein sehr schwaches Marktwachstum. In den USA, dem zweitgrössten Automobilmarkt, werden sogar sinkende Produktionsvolumen vorausgesagt. Dazu kommen Unsicherheiten durch die gegenwärtigen Handelsstreitigkeiten sowie in Europa durch den möglichen Brexit. Wir haben uns allerdings zum Ziel gesetzt, jedes Jahr um vier bis fünf Prozent zu wachsen. Im derzeitigen Marktumfeld ist das ehrgeizig. Aber ich bin ein Optimist.

Was genau waren Ihre ­Probleme in Nordamerika?
In den USA haben wir gleichzeitig neue Komponenten für neue Kunden in neuen Werken gefertigt. Die damit verbundenen operativen Herausforderungen haben unsere amerikanischen Kollegen unterschätzt. Dazu kamen geringere Produktionsvolumen unserer Kunden und entsprechend geringere Lieferungsabrufe bei uns. Das hat dazu geführt, dass wir in Nordamerika in die Verlustzone gefahren sind.

Haben Sie deshalb Ihren Nordamerika-Chef ausgewechselt?
In Nordamerika wollen wir einen Neustart. Der Führungswechsel ist ein Teil davon.

Was planen Sie am Standort Winterthur?
Seit Autoneum sich 2011 verselbstständigt hat, haben wir an unserem Konzernsitz unsere Kompetenzen ausgebaut. Gleichzeitig ist die Belegschaft gewachsen. Inzwischen haben wir in Töss rund 200 Mitarbeitende. Viele davon arbeiten in der Forschung und Entwicklung des Konzerns, die hier in Winterthur zentralisiert sind. In den letzten Jahren haben wir stark in die Arbeitsplätze der Mitarbeitenden investiert, unter anderem in moderne Grossraumbüros.

Wenn wir von Forschung ­sprechen: Wie sieht das Auto der Zukunft aus?
Die Automobilindustrie befindet sich in einer Phase der Transformation. Drei Entwicklungen stehen dabei im Fokus: Es gibt einen Trend zum Elektroauto, das im Betrieb emissionsarm ist. Trotzdem wird der Verbrennungsmotor bis 2025 als Antrieb dominieren. Ein moderner Benziner ist heute sehr sparsam im Verbrauch. Und es gibt einen Trend, Autos eher zu teilen als zu besitzen. Schliesslich, wenn auch noch in ferner Zukunft, wird es selbstfahrende Autos geben. Auf jeden Fall steigen die Anforderungen an das Fahrzeug. Gerade bei selbstfahrenden Autos wird die Passagierkabine verstärkt als Arbeits- und Erholungsraum genutzt. Von diesem Trend wird Autoneum profitieren, denn unsere Komponenten für Akustik und Hitzeschutz sorgen für einen optimalen Fahrzeugkomfort.

Sie sind also mit Ihren Produkten in der zukünftigen Entwicklung der Fahrzeuge voll dabei?
Natürlich. In unserer Forschungszentrale in Winterthur und in unserem «Kompetenzzentrum Neue Mobilität» im Silicon Valley in Kalifornien entwickeln wir Lärm- und Hitzeschutzkomponenten für Elektrofahrzeuge. Der Elektromotor erzeugt ein hochfrequentes, störendes Surren. Ausserdem übertönt ein Verbrennungsmotor viele unerwünschte Geräusche, die man beim Elektroauto wahrnimmt: Lüftungen, Lärm von vorbeifahrendem Verkehr, Wind und Abrollgeräusche. All das erfordert eine entsprechende akustische Behandlung. Darum sind unsere Komponenten auch bei Elektrofahrzeugen stark gefragt. Und nur nebenbei: Wir sind bereits heute Weltmarktführer bei Teppichsystemen. Diese Produkte werden bei Fahrzeugen aller Antriebsarten benötigt.

«Wenn Sie Braunkohle verbrennen, um Elektrizität zu erzeugen, verschieben Sie einfach die Emissionsquelle vom Elektrofahrzeug zum Kraftwerk.»Martin Hirzel, CEO von Autoneum

Heute ist viel von Elektroautos die Rede. Sind Elektromotoren umweltfreundlicher als Verbrennungsmotoren? Neuerdings kommen Zweifel auf.
Über den gesamten Lebenszyklus inklusive Produktionsphase gesehen sind Elektroautos nicht umweltfreundlicher als Benziner. Es braucht sehr viel Energie und seltene Rohstoffe, um die Batterien herzustellen. Ausserdem stammen 40 Prozent des Stroms in Europa aus fossilen Energiequellen. Wenn Sie Braunkohle verbrennen, um Elektrizität zu erzeugen, verschieben Sie einfach die Emissionsquelle vom Elektroauto zum Kraftwerk.

Wo sehen Sie Alternativen beim Antrieb?
Derzeit investieren Fahrzeughersteller stark in die Batterietechnik. Langfristig werden wir aber in Fahrzeugen mit Brennstoffzellen fahren. Die Antriebsenergie wird durch Wasserstoff erzeugt. Für den Betrieb mit Wasserstoff könnte man das vorhandene Tankstellennetz nutzen. Auch synthetische Brennstoffe und vor allem Methangas bieten interessante Alternativen.

In welchen Märkten planen Sie in naher Zukunft verstärkt Investitionen?
Wir haben in den letzten Jahren weltweit stark in den Aus- und Aufbau unserer Produktionskapazitäten investiert. Allein in China, mit jährlich 27 Millionen produzierten Fahrzeugen der weltweit grösste Hersteller, haben wir vier neue Werke in Betrieb genommen. Dazu kommen weitere in Ungarn und Mexiko. Es geht jetzt darum, unsere Kapazitäten gewinnbringend zu nutzen. Und es geht darum, die in Winterthur entwickelten technischen Innovationen weltweit zu produzieren und anzubieten. Das erwarten auch unsere Kunden von uns.

Stichwort China. Besteht nicht die Gefahr, dass dort Ihre Technologien kopiert werden und Autoneum Konkurrenz durch billige Nachahmerprodukte erhält?
Das wird bereits versucht. Allerdings sind unsere Technologien komplex und können nicht so leicht nachgebaut werden. Noch schwieriger allerdings ist es, die von den Kunden erwartete Produktequalität in der gewünschten Menge just in time zu produzieren. Unsere Kunden sind internationale Automobilhersteller, die von ihren Zulieferern verlangen, dass Teile nah an ihren weltweiten Produktionsstätten hergestellt werden. Chinesische Autozulieferer hingegen verfügen gegenwärtig noch über keine weltweite Präsenz. Im Wettbewerb zählt ausserdem nicht nur die technische Innovation. Durch unsere Erfahrung und unsere Grösse haben wir nach wie vor entscheidende Wettbewerbsvorteile, zum Beispiel beim Einkauf und in der Logistik.

China ist eine Diktatur. Das Regime steht wegen krasser Menschenrechtsverletzungen am Pranger. Wie gehen Sie damit um?
Ich masse mir nicht an, das politische System eines Landes zu beurteilen. Das gilt nicht nur für China. Alle unsere Werke, auch jene in China, erfüllen die hohen sozialen und ökologischen Standards von Autoneum. Das ist unser Beitrag, um den Mitarbeitenden an unseren weltweiten Produktionsstandorten Arbeitssicherheit zu bieten.

Wie sehen diese hohen Standards aus? Können Sie Beispiele dafür nennen?
Wir betreiben ein aktives Diversity-Management. Das heisst, wir beschäftigen in einem Werk nicht nur männliche ZHAW-Absolventen. Unsere Belegschaft soll in Bezug auf Alter und Geschlecht, Herkunft und Ausbildung möglichst vielfältig sein. Damit bauen wir nicht nur unsere Kompetenzen aus. Studien zeigen, dass divers aufgestellte Unternehmen erfolgreicher sind als andere. Oder ein weiteres Beispiel: Wir haben uns zu einem schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen verpflichtet. Dazu haben wir 2018 achtzig Ökoprojekte umgesetzt. So senken wir zum Beispiel den Energie- und Wasserverbrauch ebenso wie die Abfallmenge. Das ist übrigens auch wirtschaftlich sinnvoll.

In einem anderen Interview haben Sie einmal sechs Werte genannt, die Ihnen wichtig sind. Darunter ist Einfachheit. Was verstehen Sie darunter?
Das bezieht sich auf die besondere Struktur unseres Unternehmens. Wir betreiben weltweit 56 Fabriken und beschäftigen rund 13000 Mitarbeitende in 25 Ländern. Wir können also gar nicht tagtäglich alles kontrollieren und steuern, was in unserem weit verzweigten Unternehmen geschieht. Unsere Werke müssen flexibel auf neue Situationen reagieren können. Sie brauchen zudem eine gewisse Selbstständigkeit. Das ist einfach und unbürokratisch. Damit wir dennoch eine Einheit bilden, haben wir weltweit geltende Standards geschaffen. Zudem pflegen wir eine klar definierte Unternehmenskultur. Alle, die für uns arbeiten, wissen, wofür Autoneum steht und wie sie handeln sollen. In der Bewertung unserer Mitarbeitenden ist das Leben der Unternehmenswerte ein wichtiges Kriterium. Meine Maxime ist: Management durch Werte.

Erstellt: 30.01.2019, 08:35 Uhr

Von der Spinnerei zur Automobiltechnik

Die Firma Autoneum  gehört zu den 100 grössten Automobilzulieferern weltweit und stellt  Komponenten für Akustik- und Wärmemanagement im Auto her. 2017 erwirtschaftete das Unternehmen mit weltweit über 12000 Mitarbeitern einen Umsatz von 2,2 Milliarden Franken. Für 2018 dürften beide Zahlen höher ausfallen. Die Firma betreibt 56  Produktionsstätten in 25 Ländern. Ihren Hauptsatz hat sie in Niedertöss. Hier arbeiten 200 Mitarbeitende in der Konzernverwaltung und derForschungszentrale.

Autoneum entstand 2011 als Abspaltung der Firma Rieter. Rieter war 1984 durch einen Zukauf ins Geschäft mit Automobilkomponenten eingestiegen. Für die Ausstattung von Fahrzeugkabinen konnte sie auf ihre auf ihre lange Erfahrung mit Textilien und besonders mit Chemiefasern zurückgreifen. Der heute Firmensitz von Autoneum wurde als erste eigene Spinnerei von Rieter in den Jahren 1825 bis 1827 erbaut. 

Die Firma Autoneum gehört zu den 100 grössten Automobilzulieferern weltweit und stellt Komponenten für Akustik- und Wärmemanagement im Auto her. 2017 erwirtschaftete das Unternehmen mit weltweit über 12000 Mitarbeitern einen Umsatz von 2,2 Milliarden Franken. Für 2018 dürften beide Zahlen höher ausfallen. Die Firma betreibt 56 Produktionsstätten in 25 Ländern. Ihren Hauptsitz hat sie in Niedertöss. Hier arbeiten 200 Mitarbeitende in der Konzernverwaltung und derForschungszentrale. Autoneum entstand 2011 als Abspaltung der Firma Rieter.

Rieter war 1984 durch einen Zukauf ins Geschäft mit Automobilkomponenten eingestiegen. Für die Ausstattung von Fahrzeugkabinen konnte sie auf ihre lange Erfahrung mit Textilien und besonders mit Chemiefasern zurückgreifen. Der heutige Firmensitz von Autoneum wurde als erste eigene Spinnerei von Rieter in den Jahren 1825 bis 1827 erbaut. (cf) 

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