Fasnacht

Fünf «alte Zwetschgen» und viel Blech

Das Frauen­quintett Vielles Prunes ist eine Ausnahmeerscheinung an der Fasnacht. Mit A-Capella-Gesang und spritzigen Bläser-Einsätzen erzählen sie freche Geschichten über Falten, Kalorien und das Damenklo.

Frauenpower: Mit selbstironischen Texten und mitreissenden Arrangements haben die «Vieilles  Prunes» Fans über die Fasnacht hinaus gefunden.

Frauenpower: Mit selbstironischen Texten und mitreissenden Arrangements haben die «Vieilles Prunes» Fans über die Fasnacht hinaus gefunden. Bild: PD

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In ihren Anfangszeiten machten sie die Männer nervös. «Das sind sicher Emanzen!», haben sie gesagt, erinnert sich Laura Bosshart. Die anderen «Vielles Prunes» kichern. In Vollmontur ist das Frauenquintett eine auffällige Erscheinung: Knallbunte Perücken, schrille Brillen, Federboas und viel Make-up. Doch die Männer zitterten umsonst. «Wir nehmen vor allem uns selbst aufs Korn», sagt Laura Bosshart. Die Texte ihrer Cover-Songs sind aus dem Alltag der fünf Frauen (alle sind zwischen 51 und 53 Jahren alt) gegriffen. Sie handeln von Erziehungsfrust, Falten und dem schwierigen Kampf, statt Vermicelles und Schoggimousse einen Fruchtsalat ohne Zucker und Rahm zu bestellen. Die Selbstironie beginnt schon bei der Namenswahl. Seit siebzehn Jahren gibt es die «Vieilles Prunes». Zur Gründerzeit waren die «alten Zwetschgen» gerade einmal Mitte Dreissig. «Es war halt ein Name mit Zukunft», sagt die Gründerin, Nicole Gehlhaar.

Familie oder Guggenmusik?

Alle der späteren Bandmitglieder waren zu diesem Zeitpunkt begeisterte Guggenmusikerinnen. Und alle waren frisch Mutter geworden. «Sechs Wochenenden hintereinander an der Fasnacht feiern und dann wieder in den Familienalltag zu wechseln, das steckt man nicht mehr so leicht weg», sagt Laura Bosshart.

Doch die Fasnacht einfach sausen lassen - das kam nicht in Frage. Die Initialzündung geschah, als Nicole Gehlhaar von ihrem Bruder, Roger Gyger von der Fasnachtsgruppe «Duopack», den Auftrag bekam, am «Larifari»-Abend im Restaurant Harmonie eine Rede zu halten. «Ich bin nicht der Typ für Reden», sagt Gehlhaar. Also rappte sie stattdessen einen Mundarttext zum Lied «King of the Bongo» von Manu Chao. Als Background-Sängerinnen holte sie ihre Freundinnen dazu. Das Publikum war begeistert – und die Vieilles Prunes waren geboren. Neben Gehlhaar und Bosshart sind das Sabine Biscioni und Sani Zgraggen; 2013 stiess Susy De Salvador dazu – seither sind sie ein Quintett. Einmal pro Woche proben sie im alten Schulhaus in Pfungen.

Immer frech, nie politisch

An der Fasnacht ist die gutgelaunte Frauentruppe eine Ausnahme-Erscheinung. «Etwas ähnliches wie uns kennen wir sonst auch nicht», sagt Sani Zgraggen, die Mezzo-Sopran singt und Trompete spielt. Eine Gugge sind sie nicht, aber auch keine klassische Schnitzelbank-Clique. «Politische Texte machen wir nicht», sagt Nicole Gehlhaar - ganz im Gegensatz zu ihrem Bruder, dessen «Duopack» gerne Seitenhiebe an die Lokalpolitik verteilte. Doch auch als reine A-Capella-Band geht die Frauentruppe nicht durch. Schliesslich spielt jede von ihnen aus Guggenmusik-Zeiten auch ein Blasinstrument. Ihr einzigartiger Mix hat ihnen Auftritte in der ganzen Deutschschweiz beschert.

Gut zwanzig Stücke können die Vieilles Prunes jederzeit auswendig. Musikalisch reichen sie von Udo Jürgens über Abba und Elvis bis zu umgedichteten Volksliedern. «Wichtig ist, dass die Leute die Melodie schon im Ohr haben», sagt Laura Bosshart. Sie arrangiert die Stücke für vierstimmigen Gesang. Die Texte schreiben alle gemeinsam. «Wir machen eine Flasche Prosecco auf, und die Ideen sprudeln», sagt Sani Zgraggen.

«Mami, chill doch mal!»

Heraus kommen Stücke wie «Bisele»: Zur Melodie von «Gang rüef de Bruune» lüften die Prunes augenzwinkernd das Geheimnis, warum Frauen zu zweit aufs WC gehen: Weil man schlicht eine Türsteherin braucht, welche die kaputte Tür bewacht, den Mantel und die Tasche vom dreckigen Boden fernhält und Ersatz für leere Klopapierrollen organisiert. Das neueste Werk, «Pubertät», basiert auf dem Evergreen «You don’t own me». Es ist ein Wechselgesang: Hier, die Mutter, die sich über den «Saustall» und die «frächi Schnurre» beschwert, dort die Teenagerin, die dagegenhält: «Mami, chill doch mal!»

Ab Freitag sind die «Vieilles Prunes» drei Tage auf Achse, erst in Wigoltingen, dann Samstag und Sonntag in verschiedenen Winterthurer Beizen. Auch spontane Ständchen auf der Gasse oder kommen vor. Kleinere Konzerte sind den «Prunes» am liebsten, denn sie spielen unverstärkt. «Wenn ich alle zwei Minuten zwischen Gesang und Trompete wechsle, bringe ich jeden Tontechniker zur Verzweiflung», erklärt Nicole Gehlhaar. Denn die Vieilles Prunes sind nicht nur an der Fasnacht anzutreffen, sie werden auch diverse andere Anlässe gebucht. (Landbote)

Erstellt: 14.02.2018, 17:09 Uhr

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