Tourismus

Für 30 Franken im Kofferraum schlafen

88 Schlafgelegenheiten können in Winterthur über Airbnb gemietet werden. Doch die hohe Zahl trügt, denn viele Angebote sind inaktiv. Laufend tauchen neue Inserate auf, andere verschwinden. Über die Erfahrungen will fast niemand reden.

Ob im Auto oder in der warmen Stube: Airbnb-Nutzer können zwischen verschiedenen Übernachtungsangeboten auswählen.

Ob im Auto oder in der warmen Stube: Airbnb-Nutzer können zwischen verschiedenen Übernachtungsangeboten auswählen. Bild: Marc Dahinden, Madeleine Schoder

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Er vermietet den Kofferraum seines Autos in einem Winterthurer Hinterhof als Schlafplatz. Gleichzeitig legt er in Hongkong die Beine hoch: Der 48-jährige Bäcker Lars Zumstein ist eine von 88 Personen, die über die Buchungsplattform Airbnb ein Zimmer oder eine ganze Wohnung in Winterthur vermieten.

Das Statistische Amt des Kantons Zürich hat zum ersten Mal Daten zu Airbnb erhoben. Am meisten Angebote gibt es in der Stadt Zürich, gefolgt von Winterthur.

Quellen Statistisches Amt des Kantons Zürich (Stand August 2016), Walliser Tourismus Observatorium (Stand Juni 2016), Grafik ak

In vielen Gemeinden auf dem Land gibt es gar keine Angebote. In Winterthur haben sich die Schlafgelegenheiten im Vergleich zum Januar 2015 mehr als verdoppelt. Trotzdem ist die Auswahl nicht riesig. Will man Mitte Juni ein verlängertes Wochenende zu zweit in Winterthur verbringen, stehen gerade mal sieben Unterkünfte zur Verfügung. Grund dafür ist, dass viele Anbieter ein inaktives Profil haben oder nur zu bestimmten Daten vermieten. Zudem wechseln die Angebote häufig. Über ihre Erfahrungen wollen auf Anfrage nur wenige Vermieter Auskunft geben. «Nicht an die grosse Glocke hängen», «Rechtslage ist im grauen Bereich» und «Erst frisch dabei» sind Rückmeldungen. Eine Frau will zuerst reden, krebst dann aber zurück, weil sie merkt, dass ihre Verwaltung eine solche Untermietung verbietet.

Krank nach einer Nacht

Im Chevrolet-Van von Lars Zumstein an der Neuwiesenstrasse liegt eine Yogamatte, eine dünne Decke und Restmüll, den Besucher zurückgelassen haben. Die Frontscheibe ist mit Schnee bedeckt. Lars Zumstein hat keine Angst zu reden. Er ist auf Rundreise in Asien. «Ich brauche das Auto momentan nicht und muss den Parkplatz trotzdem bezahlen», sagt er. Durch die Vermietung über Airbnb könne er einen Teil der Kosten decken. Seit 2014 ist er auf Airbnb. Seinen Van preist er als «Notunterkunft, billiges Übernachten» an. Etwa 15 bis 30 Gäste seien pro Jahr gekommen. Sie zahlen je nach Saison zwischen 30 und 40 Franken pro Nacht – für den ganzen Kofferraum. «Street-Parade-Besucher, Franzosen auf Velotour und Pärchen für ein Schäferstündchen waren dabei», sagt Zum­stein. Der Van ist nicht beheizt. Im Angebot steht, die Besucher sollten die sanitären Anlagen im Bahnhof benutzen. Parvati, eine junge Dame aus London, klagt in den Bewertungen über eine kalte Nacht und dass sie krank geworden sei. Auf diesen Kommentar antwortet Zumstein: «Es ist normal, dass es im Oktober kalt ist. Jeder muss selbst wissen, ob er in einem Auto übernachten will.»

Geschäftsfrau aus den USA

Die 25-jährige Hannah Faltejsek ist in Tschechien geboren und in Genf aufgewachsen. In Melbourne hat sie ihren Winterthurer Freund an einer Geburtstagsparty kennen gelernt. Seit diesem Spätsommer lebt das Paar in einer kleinen Wohnung nahe der Altstadt. Beide arbeiten in der Wirtschaft. Im Wohnzimmer liegt ein Lonely-Planet-Reiseführer auf dem Holztisch, daneben zwei Mohnblumen. «Wir wollen im Frühling nach Thailand reisen und die Wohnung untervermieten», sagt Faltejsek. Sie selber hat unterwegs Airbnb oft genutzt. «Es ist billiger und persönlicher.» Bis jetzt hätten sie ihre Wohnung einmal vermietet. Eine Geschäftsfrau aus den Vereinigten Staaten war für eine Woche da. Sie bezahlte 90 Franken pro Nacht. «Wir schauen uns die Anfragen genau an», sagt Hannah Faltejsek. Eine grosse Familie hätten sie auch schon abgelehnt, aus Angst, dass Einrichtungsgegenstände kaputtgehen könnten.

Nähe zum Flughafen

IT-Berater Patrick Ammann wohnt in Oberwinterthur. Sein Mitbewohner ist im Sommer ausgezogen. Er wollte die Wohnung mit zwei Balkonen nicht aufgeben. Letzten Oktober hat der 32-Jährige begonnen, ein Zimmer über Airbnb zu vermieten. «Ich bin bis Ende Januar ausgebucht», sagt Ammann. Es kämen häufig Leute, die in der Umgebung temporär arbeiteten. Doch auch Touristen aus Indonesien, Australien oder Pakistan waren in den vergangenen Monaten da. «Sie landen am Flughafen, übernachten in der Nähe und wollen dann nach Interlaken», sagt Ammann. Er versuche jeweils, ihnen die kommerzielle Jungfraujoch-Vorstadt auszureden, meistens erfolglos. Momentan vermietet er das Zimmer für rund 50 Franken in der Nacht. Wenn er mehr Bewertungen erhalte, könne er den Preis nach oben anpassen.

Hostelzimmer auf Airbnb

Ebenfalls auf dem Buchungsportal sind Zimmer des HostelsDepot 195. «Die Angebote auf Airbnb sprechen genau unsere Zielgruppe an», sagt Alex Ulrich, der Geschäftsführer des Hostels. Statt sich über Airbnb zu ärgern, sei das Hostel auch auf den Zug aufgesprungen – mit guten Erfahrungen. «Vergangenen Sommer haben einige Reisende über Airbnb bei uns gebucht. Und die Kosten sind nicht höher als bei anderen Buchungsplattformen», sagt Alex Ulrich.

Pierre Droz, Direktor Winterthur Tourismus, empfiehlt diese Praxis anderen Hotels nicht. Er stört sich, dass Airbnb-Anbieter von der Standortförderung profitieren und nichts daran bezahlen. Der Marktanteil der Airbnb-Betten liegt im Kanton Zürich laut einer Untersuchung des Walliser Tourismus-Observatoriums bei 8,8 Prozent. Schon seit zwei Jahren laufen Diskussionen zwischen Zürich Tourismus und dem Kanton, um die Hotels im Kampf gegen Airbnb zu unterstützen – jedoch immer noch ohne Ertrag. Pierre Droz: «In Winterthur hat Airbnb immer noch keine schmerzliche Auswirkung auf die Übernachtungszahlen der Hotels.» (Landbote)

Erstellt: 17.01.2017, 08:27 Uhr

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