Fundraising

Für neue Mitglieder setzen Hilfswerke auf lukrative Haustürwerbung

Um neue Mitglieder anzuwerben, gehen Non-Profit-Organisationen wie Pro Natura oder das Rote Kreuz vermehrt von Tür zu Tür. Während sich dieser Ansatz für sie rechnet, warnt die Stiftung für Konsumentenschutz.

Längst nicht so effizient wie Haustürwerbung: Swissaid spricht am Bahnhof Passanten an.

Längst nicht so effizient wie Haustürwerbung: Swissaid spricht am Bahnhof Passanten an. Bild: Johanna Bossart

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«Hend Si churz Ziit für e gueti Sach?» Jeder kennt die jungen Personen, die am Bahnhof oder an der Marktgasse für die Anliegen von Terre des Hommes, Vier Pfoten und so weiter Spenden sammeln oder Mitglieder anwerben.

Weniger bekannt ist, dass wohltätige Organisationen seit einigen Jahren auch Sammler von Tür zu Tür schicken, um für ihr Anliegen zu weibeln. Momentan sind die «Dialoger», wie die Spendensammler im Fundraising-Jargon genannt werden, für die Stiftung Pro Natura» und für das regionale Rote Kreuz in Winterthur und Umgebung unterwegs.

Bei einer Leserin aus der Region ist vor kurzem ein junger Mann mit einer grünen Pro-Natura-Mappe im Quartier gewesen: «Er kam um 10 Uhr morgens vorbei, ich öffnete aber nicht. Als ich abends von der Arbeit nach Hause kam, war er immer noch unterwegs.»

«Sie waren hartnäckig und wollten auch nicht gehen, als ich ablehnte.»Eine Landbote-Leserin über die Spendensammler

Eine Winterthurerin berichtet von zwei jungen Männern, die vor ein paar Wochen an ihre Türe klopften, um die Projekte des Roten Kreuzes vorzustellen. «Sie waren hartnäckig und wollten auch nicht gehen, als ich ablehnte. Es war unangenehm.»

Die Dialoger sind normalerweise nicht Angestellte der Organisation, sondern Studenten, die im Auftrag einer externen Fundraising-Agentur, wie beispielsweise Corris, Mitglieder anwerben. Für die Marktführerin ist Haustürwerbung von grosser Bedeutung.

In einem Newsletter vom Herbst 2016 schreibt sie, dass bei der Haustürwerbung ein «grosses Spendenpotenzial» vorhanden sei. Und: «Wir sind daran, dieses Potenzial mit intelligenter Technologie und erfahrenem Personal auszuschöpfen.»

Kaum negative Rückmeldung

Für die Hilfswerke geht die Rechnung mit der Haustürwerbung gut auf. Pro Natura setzt seit 2011 darauf. Laut Mediensprecher Roland Schuler lohnt sich die Strategie: In den letzten zehn Jahren sind die Mitgliederbestände von 100 000 auf 140 000 gestiegen. «Rückmeldungen zeigen uns, dass diese Art von Mitgliederwerbung geschätzt wird. Die Leute sind weniger gestresst, weil sie nicht am Einkaufen sind oder auf den Zug müssen.»

Ausserdem könne so spezifischer auf den potenziellen Spender eingegangen werden. «Haustürwerbung ist für uns heute wichtiger als Standwerbung», sagt Schuler.

Auch Maria Steinbauer, Leiterin Fundraising beim regionalen Roten Kreuz, ist zufrieden. Ihre Dialoger sind aktuell von Januar bis Ende März in verschiedenen Gemeinden im Kanton Zürich unterwegs. Für die Mitgliedergewinnung setzen sie seit Jahrzehnten auf Haustürwerbung. «Praktisch alle unsere 70 000 Mitglieder haben wir auf diesem Weg angeworben», sagt Steinbauer. Die Rückmeldungen seien positiv: «Die Leute finden es besser als Briefpost oder Telemarketing.» Vorkommnisse, wie sie die Winterthurerin schildert, sind ihr nicht bekannt: «Unsere Dialoger sind eigentlich nicht insistent, sie pushen nicht.»

Mehr Mitglieder, mehr Lohn

Die Dialoger aus der Region kommen von der Innerschweizer Agentur Wesser & Partner. Über 500 Studierende beschäftigte sie im letzten Jahr, zu einem durchschnittlichen Monatslohn von 3500 Franken. Für jedes angeworbene Mitglied, das auch einzahlt, erhalten die Studierenden eine Provision und können so ihren Lohn um bis zu 50 Prozent aufbessern.

Dass ein Dialoger einerseits im Auftrag des Hilfswerks arbeitet, andererseits aber auch für den eigenen Bonus, findet Manuel Baumgartner, Leiter Zürich, unproblematisch: «Unsere Mitarbeiter werden darauf geschult, offen und ehrlich zu kommunizieren.»

«Unsere Mitarbeiter werden darauf geschult, offen und ehrlich zu kommunizieren.»Manuel Baumgartner, 
Agentur Wesser & Partner

Haustürsammlungen sind bewilligungspflichtig, sie müssen von der kantonalen Sicherheitsdirektion genehmigt werden. Kann bestätigt werden, dass im Auftrag einer wohltätigen Firma gesammelt wird, wird eine kantonsweite Bewilligung ausgesprochen.

Ausserdem unterstehen sie speziellen Zewo-Richtlinien: Spendensammler dürfen keinen Druck ausüben oder mit falschen Angaben zu einer Spende überreden. Hilfswerke, die eine Fundraising-Agentur engagieren, müssen diese nach Aufwand und nicht nach eingeworbenen Spenden bezahlen. Für deren Dialoger gilt, dass der überwiegende Teil des Lohns nicht erfolgsabhängig sein darf.

Martina Ziegerer, Geschäftsleiterin von Zewo, kann verstehen, dass Hilfswerke auf Haustürwerbung setzen: Im Gespräch sei es erfolgversprechender, neue Mitglieder zu gewinnen, als über Briefe oder Einzahlungsscheine. Sie weiss aber auch, dass sich angesprochene Personen dadurch schneller bedrängt fühlen können.

Die Hilfswerke seien hier in der Pflicht, ihre beauftragten Agenturen sorgsam zu instruieren und zu kontrollieren. «Es kann immer wieder vorkommen, dass sich jemand dennoch bedrängt fühlt, in der Regel werden unsere Richtlinien aber eingehalten», sagt Ziegerer.

Als Belästigung empfunden

Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, findet: «Die Hilfswerke müssen sich bei Haustürwerbung bewusst sein, dass jede Kontaktaufnahme in einem Zuhause von den Bewohnern als Belästigung empfunden werden kann.»

«Haustürwerbung rechnet sich und ist für uns heute wichtiger als Standwerbung.»Roland Schuler,
Mediensprecher
Pro Natura

Das komme normalerweise nicht gut an. «Wir wissen aus jährlich Tausenden von Rückmeldungen, dass Telefonwerbung die Privatsphäre enorm stört, Besuche sind noch eine Stufe aggressiver.»

Die Stiftung für Konsumentenschutz arbeitet selbst mit einer externen Agentur zusammen, macht aber aus den erwähnten Gründen keine Haustürwerbung. Seit sieben Jahren vertritt Corris die Interessen der Stiftung an Informationsständen. «Wir hatten die Absicht, es selbst zu organisieren, haben aber gemerkt, dass es zu teuer wird.» Das Angebot mit der Fundraising-Agentur hingegen rechne sich.

Wenn Dialoger an der Haus­türe anklopfen, rät Stalder, sich nicht drängen zu lassen, die Unterlagen zu sich zu nehmen und eine Bedenkzeit einzufordern. Und wenn man trotzdem einen Mitgliedschaftsvertrag abschliesst, den man später bereut?

Beim Haustürverkauf gilt ab 100 Franken ein Widerrufsrecht von 14 Tagen, das man bei der Organisation selbst oder bei der zuständigen Bank einfordern kann.

(Der Landbote)

Erstellt: 06.02.2018, 20:21 Uhr

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