Winterthur

«Für viele Frauen ist die Feuerwehr noch eine Männerdomäne»

Kommandant Jürg Bühlmann erklärt, wieso die freiwillige Feuerwehr einen «Frauezmorge» veranstaltet.

Alle verfügbaren Kräfte musste die Feuerwehr beim Brand am Neumarkt 2012 einsetzen.

Alle verfügbaren Kräfte musste die Feuerwehr beim Brand am Neumarkt 2012 einsetzen. Bild: hd

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Jürg Bühlmann, die freiwillige Feuerwehr von Schutz & Intervention Winterthur veranstaltet am 31. August einen «Frauezmorge». Wollen Sie damit explizit mehr Frauen für die freiwillige Feuerwehr anwerben?
Jürg Brühlmann: Grundsätzlich suchen wir einfach Menschen. Also engagierte Mitglieder für die freiwillige Feuerwehr, egal ob Frau oder Mann. Wir finden es aber schade, dass der Frauenanteil bei uns immer noch relativ niedrig ist, auch wenn er mit 15 Prozent über dem schweizweiten Durchschnitt von zehn Prozent liegt. Wir hoffen, dass sich mehr Frauen bei uns melden, aber am Ende sind die Aufgaben für alle identisch und wir suchen Leute, die diese Aufgaben meistern können.

Wieso also die Kampagne? Ist es lediglich ein Versuch der Feuerwehr, mit dem Trend der Genderthematik mitzuhalten?
Wir planen die Veranstaltung schon länger. Von daher ist es ein Zufall, dass gerade aktuell vermehrt über Frauenthemen gesprochen wird. Leider gibt es schweizweit tendenziell immer weniger Personen, die sich für eine Miliztätigkeit engagieren möchten. Wir setzen daher auf Frauen, da wir denken, dass diese einem Einsatz zugunsten des Gemeinwohls positiv gegenüberstehen.

«Wir wollen den Frauen zeigen, dass sie sich genauso gut für die Feuerwehr eignen»

Ist denn die freiwillige Feuerwehr derzeit unterbesetzt?
Glücklicherweise haben wir mit 138 Mitgliedern gegenwärtig genügend Leute. Die Suche ist auch nicht primär für den aktuellen Zeitpunkt gedacht, sondern sie soll eine allgemeine Ermunterung für die Frauen sein, sich freiwillig für die Mitarbeit bei uns zu melden.

Wie wollen Sie die Frauen erreichen?
Es geht darum, die Hemmschwelle zu überwinden und den Frauen zu zeigen, dass sie den Anforderungen gerecht werden können. Am Frauezmorge berichten weibliche Feuerwehrangehörige aus erster Hand und es werden praktische Übungen durchgeführt. Ansonsten machen wir wenig aktive Werbung, das Meiste geschieht bei uns durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Wir hoffen, dass die derzeit 21 Frauen, die bei uns aktiv sind, weitere Frauen dazu motivieren, bei uns mitzumachen.

Woran scheitert es Ihrer Meinung nach, wenn sich die Frauen weniger für den freiwilligen Feuerwehrdienst melden?
Das ist schwierig zu sagen, doch wenn ein Mann ein Stelleninserat anschaut, dann bewirbt er sich oft ohne Umschweife. Meiner Erfahrung nach sind Frauen oft zurückhaltender. Sie sehen die Anforderungen und trauen sich die Aufgaben nicht sofort zu. Im Vergleich ist der Frauenanteil bei der Polizei viel höher. Mir ist nicht klar, woran das liegt, aber so sollte es bei der Feuerwehr auch sein. Für viele Frauen scheint der Feuerwehrdienst als Männerdomäne zu gelten, sie fühlen sich gar nicht erst angesprochen. Dabei waren Frauen schon immer in der Feuerwehr zugelassen und erwünscht.

«In jeder Hinsicht bringen geschlechterdurchmischte Teams neue Denkanstösse mit sich, was immer erstrebenswert ist.»

Sie sagen also, dass sich diese Frauen auch selbst mehr zutrauen müssen?
Genau. Auch wenn es um Kaderpositionen geht, haben sich die Frauen der Freiwilligen Feuerwehr bisher eher zurückhaltend gezeigt, auch wenn das Potenzial bei einigen da wäre. Aktuell haben wir nur eine Frau in einer Führungsposition, der Rest sind Männer. Unsere Erfahrung zeigt, dass sich Frauen genauso gut für die Feuerwehr eignen wie Männer, da die Muskelkraft bei vielen Tätigkeiten nicht im Vordergrund steht. Bei manchen Aufgaben ist es sogar von Vorteil, eine Frau dabei zu haben.

Was für Aufgaben sind das?
Das war zum Beispiel schon beim Kontakt mit unterschiedlichen Kulturgruppen der Fall. Wenn wir ein Haus evakuieren und den Leuten Sauerstoffmasken aufsetzen müssen, sprechen in manchen Kulturen Frauen auf Frauen besser an. Auch bei der Betreuung von Kindern setzen wir oft Frauen ein. Ganz allgemein ändert sich mit gemischten Teams auch der Umgang der Feuerwehrangehörigen untereinander: Männer unter sich reden meist ruppiger, als wenn noch eine Frau dabei ist. In jeder Hinsicht bringen geschlechterdurchmischte Teams neue Denkanstösse mit sich, was immer erstrebenswert ist.

Erstellt: 02.08.2019, 16:05 Uhr

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Bei 200 Einsätzen im letzten Jahr dabei

Die Freiwillige Feuerwehr von Schutz & Intervention Winterthur unterstützt die Berufsfeuerwehr bei ihren Aufgaben und leistet Pikettdienst, wenn die Berufsfeuerwehr zu einem Einsatz ausrückt. Die Angehörigen der freiwilligen Feuerwehr werden bei grösseren Ereignissen zur Unterstützung aufgeboten. Im letzten Jahr half sie der Berufsfeuerwehr bei etwa 200 Einsätzen und war damit bei rund jedem fünften Einsatz vor Ort. Derzeit gehören der freiwilligen Feuerwehr 138 Personen an. Die Ausbildung dauert ein Jahr lang. Die Feuerwehrübungen werden, je nach Funktion, vier bis 36 Mal gemacht, meistens abends unter der Woche. Das Mindestalter, um bei der Freiwilligen Feuerwehr anzufangen, liegt bei 18 Jahren, das Höchstalter bei 42 Jahren

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