Aviatik-Jubiläum

«Fürs Cockpit brauchen Sie nicht unbedingt ein Studium»

Seine Studenten erkenne man im Flur an den leuchtenden Augen, sagt Aviatik-Studiengangsleiter Christoph Regli. Trotz der gemeinsamen Faszination fürs Fliegen werden die wenigsten von ihnen als Pilot arbeiten.

Doppeltes Heimspiel: Christoph Regli (43) bei der Jubiläumsfeier am Donnerstag vor dem Technikumsgebäude,  wo sein Büro ist. Im Cockpit des Militärhelikopters sassen zwei ehemalige ZHAW-Aviatikstudenten.

Doppeltes Heimspiel: Christoph Regli (43) bei der Jubiläumsfeier am Donnerstag vor dem Technikumsgebäude, wo sein Büro ist. Im Cockpit des Militärhelikopters sassen zwei ehemalige ZHAW-Aviatikstudenten. Bild: Enzo Lopardo

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Herr Regli, jedes Jahr melden sich rund 100 Studierende für den Studiengang Aviatik an. Liegt es am Traum vom Fliegen?
Christoph Regli: Ja, das sicherlich auch. Die Faszination ist nach wie vor stark.

Aber wie viele davon landen im Cockpit?
Etwa zehn Prozent.

Und der Rest?
Die gehen arbeiten, nicht fliegen (lacht). Die Luftfahrt ist ein unglaublich komplexes System. Das sehen Sie jedes Jahr an der Breite der Diplomarbeitsthemen. Da werden Winglets für Segelflieger konstruiert, die Augenbewegungen von Pilotenschülern bei Stresstests im Simulator getrackt, oder die Strahlenbelastung für Crews auf Langstreckenflügen untersucht.

Wo arbeiten diese Abgänger?
Am Flughafen, in der Flugsicherung, beim Bundesamt für Zivilluftfahrt, bei Airlines oder Zulieferern, oder auch als Risikoanalysten bei Banken und Versicherungen. Wir betonen es an jedem Informationstag: Wir sind nicht primär eine Pilotenschule, sondern ein breit angelegter Ingenieurs-Studiengang.

Bis im laufenden Jahr war Ihr Studiengang für angehende Militärpiloten Pflicht. Nun hat die Armee diese Regel aufgehoben. Ein Schlag für Winterthur?
Als Studiengangleiter bedaure ich den Abgang. Ich habe aber auch Verständnis. Das Studium hat die Ausbildung um anderthalb bis zwei Jahre verlängert. Das ist Zeit, die für die Staffel wegfällt. Und das bei Leuten im besten Flugalter. Durchs Studium werden Sie kein besserer Pilot.

Es braucht nicht unbedingt mehr Akademiker im Cockpit?
Nein. Jedoch haben Sie mit einem Abschluss in Aviatik das nötige Rüstzeug, um sich später auch ausserhalb des Cockpits neuen Herausforderungen zu stellen. Nicht jeder kann sich vorstellen, 40 Jahre lang zu fliegen.

Der Wegfall der Militärpiloten macht Ihnen also keine schlaflosen Nächte?
Rein von den Studierendenzahlen her nicht. In den letzten zwei Jahrgängen hatten wir nur fünf und sechs Militärpilotenanwärter. Aber es sind gute Studenten und die Luftwaffe brachte ein gutes Prestige mit sich. Um unser duales Studium zu stärken, bieten wir nun, auch Module für angehende Privatpiloten an.

Der Aviatik-Studiengang ist in der Schweiz einzigartig. Gibt es Berufe, wo er Pflicht ist?
Nein, leider noch nicht. Aber es hat sich herumgesprochen, dass unsere Absolventen sehr motiviert und vielseitig einsetzbar sind. Immer häufiger wird in Stellenausschreibungen explizit ein ZHAW-Abschluss in Aviatik gewünscht.

«In der Schweiz haben wir grosses Know-How im Bereich Drohnen»Christoph Regli, 
Studiengangleiter Aviatik

Reden wir über Ingenieure. Die grossen Flugzeugbauer, Rüstungskonzerne und Drohnenfabrikanten sitzen allesamt im Ausland. Ist man als Schweizer Hochschule da nicht etwas abgehängt?
Nein, sicher nicht. Wir haben in der Schweiz extrem gutes Know-How, beispielsweise in der Helikopterfliegerei aufgrund unserer schwierigen Topografie. Oder nehmen Sie unser Aufklärungsdrohnensystem ADS-95, das etwa vom Grenzwachtcorps eingesetzt wird. In der kleinen Schweiz können Sie nicht einfach den Luftraum sperren, wie in den USA, darum haben wir viel Erfahrung beim Einsatz von Drohnen in einem gemischten Luftraum. Wir profitieren hier von einer pragmatischen Aufsichtsbehörde und, durch unser Miliz-System, von kurzen Wege zwischen ziviler und militärischer Luftsicherung.

Bauen Ihre Abgänger denn auch selbst an Fluggeräten, etwa bei Pilatus oder Marenco-Helikoptern?
Tatsächlich arbeiten einige unserer Absolventen bei diesen Unternehmen und auch im Flugzeugbau. Grundsätzlich bilden wir Generalisten aus, welche die verschiedenen Teilbereiche der Luftfahrt kennen. Während des

Studiums entdecken die Studierenden vielleicht Leidenschaften für Teilbereiche, die sie vorher gar nicht oder nur ungenügend kannten, etwa Metereologie oder Psychologie – oder aber eben den Flugzeugbau.

Wie hat sich die Luftfahrt verändert, seit sie 2011 den Studiengang übernahmen?
Das vielleicht auffälligste Beispiel ist die unbemannte Luftfahrt, die sich vom Spielzeug zur Milliardenindustrie entwickelt hat. Heute geht es beispielsweise darum, wie wir Drohnen in den Luftraum integrieren können, ohne neue Risiken zu schaffen. Welche Procedures und Ausbildungen dafür nötig sind, und wie man sie die Systeme zertifiziert, das weiss heute noch niemand genau. Das sind für uns interessante Forschungsgebiete.

Neben ihrem 100-Prozent-Pensum sind Sie nach wie vor einige Tage im Jahr als Verkehrspilot tätig. Wie geht das auf?
Ich fliege noch als Freelancer. Ich musste nachweisen, dass das zeitlich aufgeht und ich nicht übermüdet im Cockpit sitze, aber auch dass meine Arbeit an der ZHAW nicht negativ tangiert wird. Es funktioniert darum gut, weil die Belastung eine völlig andere ist als im Büro. Als Pilot muss man sich im Moment auf viele Dinge gleichzeitig konzentrieren. Dafür nimmt man nach der Landung keine Sorgen nach Hause. Aber klar, das würde ich nicht tun, wenn Fliegen nicht meine Leidenschaft wäre.

Der eingangs erwähnte Traum vom Fliegen.
Ja. Einer unserer Dozenten pflegt zu sagen: Die Aviatik-Studenten sind vielleicht nicht immer die besten in Mathe, aber man erkennt sie im Gang an den leuchtenden Augen und den «Remove before flight»-Schlüsselanhängern.

(Der Landbote)

Erstellt: 18.11.2016, 18:15 Uhr

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