Winterthur

Ganz der Pragmatiker

Anfang Jahr hat Timon Schneider in der christlichen Privatschule SalZH die Geschäftsführung übernommen und ist in die Fussstapfen seines Vaters getreten. Er will das pädagogische Profil der Schule schärfen. Er selbst sieht sich als gesellschaftsliberal. Bei einem Thema aber zieht er die Grenze.

Timon Schneider hat bei der Privatschule SalZH die Nachfolge seines Vaters angetreten.

Timon Schneider hat bei der Privatschule SalZH die Nachfolge seines Vaters angetreten. Bild: Heinz Diener

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zweimal brach Timon Schneider (32) aus seinem vertrauten Umfeld aus. Einmal, um die Religion auszuklammern und sich abzukoppeln, und einmal, um sich voll und ganz in die Theologie zu vertiefen.

Nach der Matura an der Kanti Büelrain wollte Schneider erst einmal raus aus Winterthur, raus aus Seen, wo er aufgewachsen war. Von seinem freikirchlich geprägten Umfeld hatte er sich entfremdet.

«Mein Vater war der Pionier.
Ich bin mehr der Verwalter»

Das Mantra «Jesus als Freund zu erleben und spüren» zündete bei ihm nicht – zu viel charismatische Theatralik, zu wenig kritische theologische Distanz und Auseinandersetzung mit Jesus. Als Student zerbrach er sich danach aber gleichwohl nicht den Kopf über die grossen theologischen Fragen, suchte spirituelle Alternativen oder vertiefte sich in der Fachliteratur.

Schneider, ein unbeschwerter Pragmatiker, schrieb sich in St. Gallen an der HSG ein, studierte Volkswirtschaft, machte parallel dazu das Lehrdiplom und unterrichtete – zurück an der Kanti Büelrain – schon bald Wirtschaft und Recht.

Abstecher in die Finanzwelt

Dann zog es ihn doch in die Finanzbranche, und er stieg als Unternehmensberater ein. Bald stellte sich für ihn die Sinnfrage. Immer im Anzug? Hauptsache, der Kunde ist zufrieden? Der Fleissigste gewinnt?

Nach zwei Jahren hatte Schneider genug und Lust auf ein Abenteuer, erzählt er im Büro der christlichen Privatschule SalZH auf dem Zeughausareal, Typ nett, locker und umgänglich, leger gekleidet und mit Strubbelfrisur.

«Wir wollen individuelle Stärken und das Selbstbewusstsein der Schüler stärken und sie so fit fürs Leben machen»

Vom Glauben war Schneider auch während seiner Zeit in St.Gallen nie abgewichen, nur hatte diesen stets ungezwungen gelebt. Nun, mit Ende zwanzig, wollte er Jesus als historische Figur endlich besser verstehen. Dafür zog er mit Frau, Kind und Baby nach Vancouver, um dort an einer Universität einen Master in Theologie zu machen.

«Wir hatten eine geniale Zeit, lebten in einem Häuschen am Meer und wuchsen als Familie zusammen.» Die Kernfrage in seiner Masterarbeit: Welchen Einfluss hatte das Christentum auf die Gesellschaft?

Noch während seiner Zeit in Übersee fragte ihn der Stiftungsrates der SalZH an, ob er sich vorstellen könne, die Nachfolge seines Vaters als Geschäftsführer der Schule anzutreten, den FDP-Gemeinderat David Schneider. Lange überlegen musste er nicht. «Pädagogik, Management und Glaubensfragen, das alles interessiert mich», sagt er. Seit Anfang Jahr leitet Schneider nun die SalZH. Inzwischen ist er Vater von drei Kindern.

«Bin eher der Verwalter-Typ»

Rund 300 Schülerinnen und Schüler besuchen mittlerweile die Kita, Kindergarten und Regelklassen von Primarschule bis zur Sek der SalZH, 70 davon beim Ableger in Wetzikon. «Mein Vater war der Pionier. Er hat die Schule aufgebaut, unter ihm ist sie gewachsen. Ich bin mehr der Verwalter», sagt Schneider.

Aber er wolle die Schule pädagogisch entwickeln, das «Salzh-Profil» schärfen und dabei auch Experimente wagen. Es dürfe nicht nur um Prüfungen, Noten und Leistung gehen. «Wir wollen individuelle Stärken und das Selbstbewusstsein der Schüler stärken und sie so fit fürs Leben machen», sagt er.

«Ich bin für die Homo-Ehe»

Jesus und dessen Auferstehung habe für ihn auch viel mit Kreativität und Lebensfreude zu tun. Dies wolle man auch an der SalZH vermitteln. Das Leben sei kostbar, jeder Mensch einmalig, Beziehungsfähigkeit wichtig und ebenso, Verantwortung zu übernehmen: Das sind die vier Grundwerte, an denen sich die SalZH heute orientiert.

Daran werde man weiterhin festhalten, sagt Schneider. Die Lehrer sollten dies vorleben. «Wie, das ist ihnen weitgehend selbst überlassen.» Christlichen Fundamentalismus aber dulde man nicht. «Bei uns ist jeder willkommen. Wir haben auch muslimische Schüler.»

Liberaler, aber mit Grenzen

Doch welchen Wertekanon vertritt Schneider persönlich? Wie gesellschaftsliberal ist er? Wo zieht er die Grenze zwischen biblischen Geboten und der gesellschaftlichen Norm? Grundsätzlich lehne er es ab, wenn der Staat einzelne Lebensmodelle per Gesetz einschränke.

«Ich bin zum Beispiel für die Homo-Ehe», sagt er. Mit Homosexualität habe er überhaupt kein Problem. Ob diese gottgewollt sei oder nicht? «Ich denke nicht.» Und wie soll ein gläubiger Christ mit seiner Homosexalität leben? Offen oder unterdrücken? Schneider ringt mit einer Antwort, ohne es zu verbergen. «Ich weiss es nicht.»

Eine Grenze aber ziehe er beim Thema Abtreibung. Hier sei er dagegen, und zwar uneingeschränkt. «Jeder hat ein Recht auf Leben, auch ein Ungeborenes.»

Wenn immer möglich liest Schneider jeden morgen in der Bibel. Er ist Mitglied der reformierten Kirchgemeinde Stadt – aber auch der evangelischen Freikirche GvC, wo er häufiger zum Gottesdienst gehe. «Dort ist die Infrastruktur definitiv kinder- und familienfreundlicher.» Für ihn sei die Doppelmitgliedschaft daher die ideale Lösung – ganz der Pargmatiker.

(Der Landbote)

Erstellt: 02.05.2018, 11:35 Uhr

Artikel zum Thema

Jeder Dritte findet, Politik und Freikirchen sind zu eng miteinander verflochten

Winterthur Wie stark verfilzt sind Freikirchen, Politik und Verwaltung? Zu sehr. Das findet zumindest ein Drittel der lokalen Parlamentarier. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Paid Post

Soforthilfe für Smartphones

Ob Displaybruch, defekte Kamera oder Wasserschaden – Wintek Swiss hat meist eine Lösung.

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben