Winterthur

«Ganz rasiert habe ich mich noch nie»

Mit seinem Kleiderladen am Kirchplatz erfüllte sich Felice ­Iovino einen Lebenstraum. Was er anbietet, kauft er selbst in Mailand oder Paris ein. Als Kind litt der Sohn eines eingewanderten Sulzer-Arbeiters unter fremdenfeindlichen Ressentiments.

Mütze, Workerjacke und Töff: Felice Iovino mag Motorräder und verkauft Kleider, die er selber gerne trägt.

Mütze, Workerjacke und Töff: Felice Iovino mag Motorräder und verkauft Kleider, die er selber gerne trägt. Bild: Madeleine Schoder

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Wer ihn als Hipster bezeichnet, offenbart seine eigene Unkenntnis. «Ich bin kein Hipster», erklärt Felice Iovino geduldig. «Ich trage keine Stretchröhrenjeans, grosse Taschen und Sneakers.» Von der Szene distanziert sich der Verkäufer und Unternehmer vielmehr. «Als es damit losging und jeder Bubi einen Vollbart zu tragen begann, schnitt ich meinen extra ab.» Ganz rasiert hat er sich allerdings zeitlebens nie; damals wechselte er vorübergehend zum Schnauz.

«Ich bin kein Hipster. Als das mit den Hipstern losging, wechselte ich zum Schnauz.» Felice Iovino

Felice Iovino ist stilbewusst und stilsicher. «Ich habe mich schon immer gern gut angezogen, spätestens seit ich mit 13 Jahren meine erste Levis 501 geschenkt bekam.» Sein Grossvater war Textilhändler in Neapel, sein Vater zog mit der sechsköpfigen Familie nach Winterthur, als der Sohn vier Jahre alt war. Der Vater schuftete in der Sulzer-Giesserei, die Mutter nähte, die Familie hauste erst in einer Baracke, dann in einer herunter­gekommenen Wohnung mit Gemeinschaftsbad in Töss. «Wir sind immer anständig herum­gelaufen, das liegt im italienischen Blut», betont Felice (man ist schnell per du) und lehnt sich etwas zurück auf dem braunen Ledersofa im Untergeschoss seines mittelgrossen Kleiderladens.

Seinen Stil umschreibt Felice Iovino als «kernig, klassisch schön». Bild: Madeleine Schoder

Wir analysieren: gestreiftes Gilet mit passender Jacke, Bluejeans und Lederschuhe, Mütze und Halstüchlein. «Kernig, klassisch schön», umschreibt der 55-Jährige seinen Stil. Es ist auch der Stil des Geschäfts, das er vor vier Jahren eröffnete. Von der Unterhose bis zur Mütze ist alles im Sortiment, für Männer und Frauen, auch auffällig viele Gilets und Hüte. Felice kauft oft vor Ort ein in Mailand oder Paris, 70 Prozent der Hersteller kenne er persönlich, sagt er. Die Lederjacken werden in Schottland handgenäht, der Hersteller nimmt auch Sonderwünsche entgegen. Das hat seinen Preis, die Jacken kosten zum Teil über ­tausend Franken.

«Ich habe mich schon immer gern gut angezogen.»Felice Iovino

Auffällig: der dicke Silberring mit Totenkopf an seiner Hand.«Ich trage immer einen Totenkopf, so sehen wir schliesslich alle aus unter der Haut.» Seine Lebensgefährtin ist gelernte Humanpräparatorin, heute lehrt sie Anatomie, erwähnt Felice an anderer Stelle im Gespräch. Mit ihr zusammen lebt er im Brauerquartier. Damals, als er anfing mit dem eigenen Geschäft, half die Freundin samstags im Shop aus, «und ein Jahr lang hat sie mich durchgefüttert».

Das mit dem Laden kam so: Die Inhaberin des Bastelladens am Kirchplatz wollte aufhören, Felice erfuhr davon und «hatte Glück». In den Laden steckte er sein ganzes Vermögen, als er zwei Jahre später auf die andere Seite des Kirchplatzes umzog, halfen ihm die Kunden beim Zügeln.

«Ich habe mich aber früh mit Fäusten gewehrt.»Felice Iovino

In der Zeit, bevor er sich mit 51 Jahren selbstständig machte, vagabundierte der ausgebildete Herrenkonfektionsverkäufer zwischen Stellen im Mode­bereich und Auszeiten mit Gelegenheitsjobs und Reisen, eine erste Stelle als Tiefbauzeichner gab er auf, den Wechsel in die Pharmabranche machte er rückgängig. Mittlerweile ist Felice als Verkaufs­berater eidgenössisch diplomiert. In der Schule am Rosenberg hatte man noch auf dem «Tschingg» herumgehackt («habe mich aber früh mit Fäusten gewehrt»), in der Berufswelt wurde der Vielarbeiter schnell selbstbewusster.

In der Schule am Rosenberg hatte man noch auf dem «Tschingg» herumgehackt. Bild: Madeleine Schoder

An manchen Tagen arbeite er 12 bis 14 Stunden, sagt er, «das ist in Ordnung, wenn man Freude an der Arbeit hat». Mit seinen drei (Teilzeit-)An­gestellten ist Felice eng vertraut, und auch einige Kunden gehören quasi zur Familie, der Laden ist ein Treffpunkt, wo man samstags auch einmal ein Cüpli oder einen Whisky trinkt. Einen freien Wochentag gönnt sich der Chef nur hie und da, dann schwingt er sich auf seine Harley und fährt aus – gut möglich, dass Kunden mit dabei sind, die Freunde geworden sind.

«Ist einer unanständig, werde ich aufbrausend.»Felice Iovino

Und eine richtige Familie? Das fehlt noch, doch Felice und seine Freundin Friederike («Fredi»), rund 20 Jahre jünger als er, wünschen sich Kinder. Der Heiratsantrag ist gemacht, «der Laden kam dazwischen». Seine erste Ehe hielt nicht lange, die falsche Wahl sei das gewesen, sagt er rückblickend, und «ich habe die Scheidung gefeiert».

Felice erzählt gerne, seine halbe Lebensgeschichte berichtet er mehr oder weniger ungefragt. Wild sei er, naja, vor allem früher gewesen, meint der Ladeninhaber, der überlegt und ruhig wirkt. Der einstige Hobbyboxer ver­sichert jedoch: «Ist einer unanständig, werde ich aufbrausend.» Das trifft auch Lieferanten, die falsche Produktangaben machen. Das Boxen übrigens würde Felice gerne wieder aufnehmen – wenn es der Laden denn einmal zulässt. (Der Landbote)

Erstellt: 21.01.2018, 14:01 Uhr

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