Winterthur

Gassen statt Strassen in der Lokstadt

Auf Wunsch von Implenia benennt der Stadtrat im neuen Stadtteil Strassen um, noch bevor sie gebaut sind. Der einstige Stararchitekt Ernst Jung erhält keinen Platz, dafür eine verlängerte Gasse.

Wo die SLM früher Lokomotiven baute, baut Implenia Hochhäuser, Gassen und Plätze. Foto: Marc Dahinden

Wo die SLM früher Lokomotiven baute, baut Implenia Hochhäuser, Gassen und Plätze. Foto: Marc Dahinden

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Die Adresse Robert-Sulzer-Strasse wird schon verwendet. In Mietausschreibungen und auf Bauplänen. Doch Bestand wird der Name nicht haben. Der Stadtrat hat Anfang Jahr beschlossen, die nach dem ehemaligen Sulzer-Patron benannte Strasse noch vor ihrer Fertigstellung umzubenennen. Neu soll sie Robert-Sulzer-Gasse heissen. Weil die Bauarbeiten an den Gebäuden entlang der künftigen Gasse noch im vollen Gange sind – oder noch gar nicht begonnen haben – sei die Anpassung des Namens noch problemlos umsetzbar, schreibt der Stadtrat zu seinem Entscheid.

Die Robert-Sulzer-Strasse werde nach Fertigstellung ebenso wie die Emil-Krebs-Strasse einen «gassenähnlichen Charakter» aufweisen, begründet der Stadtrat die Umbenennung. Deshalb sei für beide Strassen die Bezeichnung Gasse passender. Auch darum, weil sie für Fussgänger und Velos bestimmt sind und nicht für den motorisierten Verkehr. Zudem passten die neuen Gassen-Namen zur Ernst-Jung-Gasse und zur Charles Brown-Gasse, die ebenfalls in der Lokstadt zu liegen kommen (siehe Plan).

Die Halle «Habersack» ist nicht von Jung

Gewünscht hat die genannten und weitere Umbenennungen Implenia Schweiz AG. «Aus Sicht des Vermessungsamtes sind die Anpassungen sinnvoll», schreibt der Stadtrat. In einem Fall war die Anpassung gar unumgänglich. Der Platz zu Ehren von Ernst Jung wäre am falschen Ort zu liegen gekommen. Der 1912 verstorbene Stararchitekt baute zwar mehrere Gebäude auf dem Lokstadt-Areal: Die mittlerweile bis auf die Fassade abgebrochene Gründerfabrik «Draisine», das Direktionsgebäude an der Zürcherstrasse, das Magazin «Lokhaus», in dem heute das Forum Architektur seinen Sitz hat, und die Arbeitersiedlung entlang der Jägerstrasse.

Der Platz zu Ehren von Architekt Ernst Jung wäre am falschen Ort zu liegen gekommen. 

Ausgerechnet die denkmalgeschützte Halle «Habersack» aber, vor welcher der geplante Ernst-Jung-Platz hätte liegen sollen, stammt nicht von Jung, es wurde vom Bauunternehmen Locher&Cie errichtet. Dies sei im Verlauf des Fachmitberichtsverfahrens bekannt geworden, schreibt der Stadtrat. Der Platz zwischen Dialogplatz und Charles-Brown-Gasse wird deshalb schlicht «Werkplatz» genannt, in Erinnerung an die Arbeiter die hier Dampf- und Elektrolokomotiven zusammenbauten. Der einstige Architekt Jung erhält ersatzweise eine verlängerte Gasse, die von der Zürcherstrasse bis zur Robert-Sulzer-Gasse führen wird – und der die ursprünglich vorgesehene «Werkgasse» zum Opfer fällt. Der Verlauf der Ernst-Jung-Gasse sei sinnvoll, weil als Folge alle sogenannten Stadthäuser, deren Rückseite zur Jägerstrasse zeigen wird, dieselbe Adresse erhielten, schreibt der Stadtrat.

Der Dialogplatz als grüne Lunge

Unverändert bleibt der Name Dialogplatz in der in der Mitte des Areals auf dem Implenia für verschiedene Auftraggeber Wohnungen und Gewerbeliegenschaften baut. Die Bäume auf dem Platz sollen dereinst die Lokstadt im Sommer kühlen und als «grüne Lunge» mit Sauerstoff versorgen. Noch keinen Namen und damit keine Adresse hatte bisher hingegen die Drehscheibe in der nordöstlichen Ecke des Areals. Der Stadtrat hat beschlossen, dem ebenfalls denkmalgeschützten geschützten Industrierelikt den Namen «Drehscheibenplatz» zu geben.

Erstellt: 23.01.2020, 18:07 Uhr

Architekt, Ingenieur, Patron und Arbeiterführer

Die Namen der Gassen im Areal Lokstadt erinnern an die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik SLM, die hier von 1871 bis 1998 Lokomotiven baute. Und sie erinnern an den Konflikt zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, der 1937 zu eskalieren drohte.

Die friedliche Beilegung des Konflikts – an den auch der Name «Dialogplatz» erinnern soll – sei massgeblich Verwaltungsrat Robert Sulzer (1873-1953) und Arbeiterführer Emil Krebs (1889-1959) zu verdanken gewesen, schrieb der Stadtrat 2013 in einer Medienmitteilung. Mit Ernst Jung (1841-1912) wird ein Winterthurer Architekt geehrt, der mit Industriebauten, Arbeitersiedlungen und Villen das Stadtbild Winterthurs prägte.

Noch etwas älter war der Ingenieur Charles Brown. Der aus England stammende geniale Erfinder lebte von 1827 bis 1905. Brown entwickelte erst für Sulzer den Verkaufsschlager Ventildampfmaschine, gründete dann die Lokomotiv- und Maschinenfabrik SLM mit und führte sie als Direktor. Charles Browns gleichnamiger Sohn gründete später in Baden mit Walter Boveri die Firma Brown, Boveri&Cie.

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