Swisspeers

Geld investieren – warum nicht in ein lokales KMU?

Eine Winterthurer Firma bringt private ­Investoren mit Firmen ­zusammen, die einen Kleinkredit brauchen. Peer-to-peer-Finanzierung heisst das und passiert online.

Den Job bei der Bankensoftwarefirma gekündigt, um ein neuartiges Kreditportal zu gründen: Alwin Meyer, Stefan Nägeli, Andreas Hug (v.l.).

Den Job bei der Bankensoftwarefirma gekündigt, um ein neuartiges Kreditportal zu gründen: Alwin Meyer, Stefan Nägeli, Andreas Hug (v.l.). Bild: pd

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Das Problem ist bekannt: Die Banken gewähren vielen KMU keine Kredite. Nicht weil die Banken böse oder die KMU schlechte Schuldner sind, sondern weil sich für die Banken aufgrund ihrer Strukturen das Kleingeschäft nicht lohnt. Ein Beispiel: Maler X. will expandieren, mit allem, was dazugehört, zusätzliche Mitarbeiter, Fahrzeugkauf, Materialien. Dafür braucht er 80 000 Franken. Um diesen vergleichsweise kleinen Kredit sprechen zu können, müsste die Bank ihre ganze Prüfungsmaschinerie in Gang setzen: Firma bewerten, Bücher prüfen, Kreditrisiko evaluieren. Das kostet zu viel – die Kreditvergabe lohnt sich nicht.

Für die Banken lohnt sich das Kleingeschäft nicht

Wenn die Banken nicht helfen, warum dann nicht private Investoren? Schliesslich gibt es genug Leute, die nach geeigneten Geldanlagen suchen. Das dachten sich drei Softwareentwickler aus Winterthur und der Region. Ihre Lösung: eine Internetplattform, die Geldgeber und Firmen zusammenbringt. Von der Idee bis zum Start von Swisspeers.ch vergingen knapp zwei Jahre. «Ende 2014 begannen wir auf einem Flipchart zu zeichnen», erzählt der 44-jährige Geschäftsführer Alwin Meyer, der am Bank- und Finanzinstitut der Hochschule St. Gallen studierte. «Im folgenden Frühling haben wir beim Bankensoftware-hersteller Sunguard gekündigt, um uns ganz dem Projekt zu widmen.» Laut den Machern ist ihre Website die erste ihrer Art in der Schweiz. Geführt wird sie von einem Büro im Raiffeisen-Gebäude am Bahnhof aus.

Die Website ist seit wenigen Monaten online. Aktuell bittet eine Bildungsinstitution um einen Kredit von 100 000 Franken für die Aufbereitung multimedialer Informationsmittel und Entscheidungshilfen zur Berufswahl. Dafür wird bei zweijähriger Laufzeit ein Zins von 6,25 Prozent geboten. Sechs Finanzierungen sind nach Angaben auf der Website bereits zustande gekommen, unter anderem für die Fassadensanierung eines Industriegebäudes und für die Vergrösserung einer Webagentur. Zu jedem Eintrag sind nach der Registrierung als potenzieller Investor ein Projektbeschrieb sowie Angaben zur Firma, dem Geschäftsumfeld und den Finanzkennzahlen sichtbar; Swisspeers.ch gibt ein Kreditrating ab (A-, B+ etc.). 20 Tage lang können Interessierte Geld zusichern; wird der nötige Totalbetrag erreicht, kommt das Kreditgeschäft zustande. Die Website ist auch ein Auktionshaus: Gibt es viele Interessenten, können diese sich beim Kreditzins unterbieten – zum Nutzen der KMU.

«Man weiss, in was man sein Geld investiert»

Der Zeitaufwand für die Firmen sei gering, sagt Meyer, für das Ausfüllen der Onlineformulare brauche man 40 Minuten bis zwei Stunden. Für die Anleger wiederum sei das Geschäft transparent: «Man weiss, in was man sein Geld investiert.» Zur Verfügung stehen sollte den Anlegern ein Investitionsbetrag von 50 000 Franken oder mehr.

Das Problem bei jedem Kredit ist die Sicherheit. Wie können drei Leute in einem Büro beim Bahnhof das bewerkstelligen, was die Banken nicht hinbekommen: einen preisgünstigen Risikocheck? Man habe viel schlankere Strukturen, sagt Meyer, ein kleineres Backoffice; und weil man keine Bank sei und ein viel weniger risikoreiches Geschäft betreibe, müsse man weniger regulatorische Vorgaben einhalten. Dennoch gelinge es mit der eigenen Kreditwürdigkeitsprüfung, das Gegenparteirisiko für die Investoren stark zu begrenzen. Man hole Handels- und Betreibungsregisterauszüge ein, bewerte die Finanzkennzahlen, treffe weitere Abklärungen. Natürlich aber gebe es bei jedem Kredit ein Ausfallrisiko, dessen müsse man sich bewusst sein.

Die eigenen Ersparnisse ins Projekt gesteckt

Noch zahlen die drei Männer, die für das Projekt hoch bezahlte Jobs in der Softwareindustrie aufgegeben haben, drauf. In drei bis vier Jahren aber soll sich das Ganze rechnen. Die Macher von Swisspeers verdienen Geld, indem sie den Firmen eine Kommission verrechnen sowie einen gewissen Teil des Kreditzinses einstreichen, derzeit sind es 0,75 Prozent. Man habe klare Gewinnziele, sagt Meyer. Doch es ist nicht nur das, was die Entwickler antreibt. Neben einer gewissen Abenteuerlust (Meyer spricht vom «Grat zwischen Mut und Dummheit») fördere die Motivation, ein sinnvolles Projekt voranzutreiben: «Wir helfen den KMU, der wichtigsten Stütze der Schweizer Wirtschaft.»

Und wie finanzieren die drei Softwareentwickler ihr eigenes Projekt? Über eine Website sicherlich? Keineswegs, sagt Meyer, sondern ganz konventionell: mit dem Spargroschen. «Wir haben einen sehr grossen Teil unserer privaten Ersparnisse in die Sache gesteckt.» Wer noch eine weitere Investitionsmöglichkeit sucht: Die Entwickler würden allenfalls Anteile von Swisspeers zum Verkauf anbieten.

(Der Landbote)

Erstellt: 11.09.2016, 18:24 Uhr

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