Winterthur

Eine Lektion in Geometrie für den Bauausschuss

Das kantonale Baugericht hebt eine Baubewilligung an der Brunngasse auf und belehrt den Stadtrat, was in der Quartiererhaltungszone Ruhtal erlaubt ist: würfelförmige Bauten, aber keine hochhausartigen Gebilde.

Streitbetroffen ist der Neubau eines Mehrfamilienhauses mit sieben Wohnungen an der Brunngasse. Bild: Visualisierung: Screenshot Baurekursgericht

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Das kantonale Baugericht zieht in seinem Rekursentscheid alle Register der Argumentation und lässt den Bauausschuss des Stadtrats wie Schulbuben aussehen. Diesem Gremium gehören Bauvorstand Josef Lisibach (SVP), Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) sowie Finanzvorsteherin Yvonne Beutler (SP) an. Beim strittigen Bauvorhaben geht es um einen kleinen Wohnblockmit sieben Zweieinhalbzimmerwohnungen, der beim Bahnübergang an der Kreuzung Rundstrasse/Brunngasse entstehen soll. Der Bauausschuss gab grünes Licht, Anwohnende rekurrierten, und gestern wurde das Urteil des Baugerichts publik: Die Rekurse werden gutgeheissen, die Baubewilligung ist aufgehoben.

Würfelförmige Baukuben

Das Grundstück gehört wie das ganze Quartier zur sogenannten Quartiererhaltungszone Ruhtal, die hier über die Gleise hinaus reicht. In einer solchen Zone kann zwar neu gebaut werden, aber die Struktur des Quartiers muss erhalten bleiben. Und in diesem Ruhtal-Quartier gibt es laut den Fachleuten mehrere Elemente, die zu beachten sind: Es sind nahezu würfelförmige Baukuben, zwei- bis dreigeschossig mit Hochparterre und schmalen Vorgärten. Und der strassenabgewandte Freiraum wird üb­licherweise als Garten genutzt.

«Komplette Disharmonie»

Was aber nun neu hätte gebaut werden sollen und was der Bauausschuss bewilligt hat, ist ein «kleines hochhausartiges Gebilde». Nicht das Gericht hat diese Formulierung erfunden, sondern sie steht in der Verkaufsdokumentation. Die Richter brauchen noch weit krassere Worte, um zu beschreiben, was ihre Augen auf den Plänen und bei einem Augenschein vor Ort sahen. Wo der Bauausschuss «gut ausformulierte kubische Formen» erkannt haben will, vermisst das Gericht jegliches Element, «welches auch nur ansatzweise an einen Würfel erinnern könnte».

Streckenweise liest sich das Urteil wie eine Polemik gegendie Baubehörden der Stadt. Oder man könnte auch sagen: wie eine Belehrung in Sachen Geometrie: «Ein Würfel besteht aus sechs quadratischen Seitenflächen, die gleich gross sind und im rechten Winkel zueinander stehen.»

Im vorliegenden zu beurteilenden Fall jedoch seien «keine zwei Gebäudeseiten des geplanten Bauvolumens gleich lang». Die nördliche Seite erinnere vielmehr «an eine Art Amboss», und die südliche sei «mit Begriffen der Geometrie schlechterdings überhaupt nicht mehr beschreibbar». Das gelte auch und insbesondere für das zwar prägnante, aber zehneckige Dachgeschoss. Dieses steht zusätzlich auf den drei quartierüblichen Geschossen. Dazu kommen ausladende Balkone, auch diese vermögen die Richter nicht zu begeistern: Sie runden «die gestalterisch komplette Disharmonie zum Nachbargebäude nur noch ab».

Ausnützung überschritten

Das Bauvorhaben sei in dieser Form «nicht bewilligungsfähig», kommt das Gericht zum Schluss. Es sei überdies erstaunlich, dass in der Baubewilligung nicht einmal erwähnt werde, wie starkdie erlaubte Ausnützung im Vergleich zum bestehenden Gebäude erhöht werde – «schätzungsweise um rund die Hälfte». (mgm)

Erstellt: 13.03.2018, 15:21 Uhr

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