Sommerserie

«Geschwindigkeit war schon immer mein Ding»

Vor zehn Jahren hat Abassia Rahmani ihre Unterschenkel verloren. Heute ist sie die schnellste handicapierte Sprinterin der Schweiz. Ihren Job hat sie aufgegeben, um voll auf die Profikarriere zu setzen.

Abassia Rahmani auf dem Sportplatz Deutweg, wo sie neun bis zehn Mal pro Woche trainiert.

Abassia Rahmani auf dem Sportplatz Deutweg, wo sie neun bis zehn Mal pro Woche trainiert. Bild: Madeleine Schoder

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Vier Jahre waren seit der bakteriellen Blutvergiftung vergangen, bei der Abassia Rahmani beide Unterschenkel und einige Fingerglieder verloren hatte, da gaben ihr die Rennprothesen einen Teil ihrer Selbst zurück. Obschon die High-Tech-Hilfen aus Karbon gar nicht erst den Versuch unternehmen, einen menschlichen Unterschenkel darzustellen, gefielen sie der damals 20-Jährigen sofort. Zum ersten Mal seit Jahren konnte sie wieder richtig rennen.

Es war der Moment, der noch einmal alles änderte im Leben von Abassia Rahmani. Hatte sie ihre Prothesen früher versteckt, trägt sie sie seither aus Selbstverständnis. Heute ist Rahmani 27 Jahre alt und Profi-Sportlerin. Vor einem Jahr hat sie sich für eine Karriere als Sprinterin entschieden, ihren Job gekündigt und ist nach Winterthur, an ihren Trainingsort gezogen.

Es ist ein Schritt, der sie selbst etwas überrascht hat. Denn vor der Blutvergiftung hatte sie nie Leistungssport betrieben. Sie war geritten und Snowboard gefahren. Am besten aber war Rahmani im Weitsprung und im 80-Meter-Lauf. «Geschwindigkeit war schon immer mein Ding.»

Bild: Madeleine Schoder

Sie erzählt es bei einem Ortstermin auf der Sportanlage Deutweg. Rahmanis Vater ist Algerier, ihre Mutter Schweizerin, beides sieht man ihr an. Neben Schweizerdeutsch spricht sie fliessend Französisch und Englisch. «Ich habe vielmehr vom Vater, mein Bruder dagegen sieht sehr schweizerisch aus», sagt sie und lacht. Ihre schwarzen Sporthosen gehen bis über die Knie, erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass sie an beiden Beinen Unterschenkel-Prothesen trägt – die für den Alltag. Sie kann damit ganz normal gehen, sagt aber: «Sprinten fühlt sich damit in etwa an, wie wenn man mit Skischuhen zu rennen versucht.»

Ein Jahr lang sparen für die Prothesen

Als Rahmani damals die Infektion überstanden hatte, schloss sie zuerst ihre KV-Lehre bei den SBB ab. «Während dieser Zeit hatte ich nicht viel Zeit für Sport.» Dann wurde sie von einem Deutschen Hersteller von Rennprothesen zu einem Test eingeladen. Der deutsche Para-Sprinter Heinrich Popow stellte die Prothesen vor und steckte sie mit seinem Enthusiasmus an.

Ein Jahr lang habe sie dann gespart, bis sie sich Rennprothesen leisten konnte, erzählt Rahmani. Sie entschied sich allerdings für einen isländischen Hersteller, auch weil ihr dieser mit dem Preis entgegenkam. Die Federn kosten im Einkaufspreis 3500 Franken pro Stück und sind standardisiert; die Verbindung mit dem Kniegelenk wird individuell angepasst und kostet noch einmal soviel. Wegen der Materialermüdung müssen die Federn alle ein bis zwei Jahre ersetzt werden, die Verbindung zum Gelenk seltener.

Als sie die Prothesen hatte, ging die Arbeit erst los, erinnert sich Rahmani. Um sie zu beherrschen müsse man einen sehr starken Rumpf haben. Nach den ersten Trainings sei sie völlig kaputt gewesen. «Die Federn geben dir Kraft, aber wenn du diese Energie nicht kontrollieren kannst, dann läufst Du irgendwo hin – nur nicht dorthin, wo du hinwillst.» Sie lacht. Rahmani trainierte von nun an mit der Leichtathletikvereinigung Winterthur, ihre Disziplin: 100- und 200-Meter-Läufe.

Ihr Trainer hatte, wie sie selbst noch keine Erfahrung mit den Rennprothesen. Sie liessen sich davon aber nicht beirren. Gemeinsam hätten sie ein Training entwickelt, das passte. «Noch heute sind wir immer wieder mit dem Drehmomentschlüssel auf der Bahn, stellen die Winkel der Prothesen neu ein, bis es perfekt ist.» Seit Januar geht Rahmani eineinhalb Tage pro Woche zur Schule, um die Berufsmatura zu machen. An Schultagen trainiere sie einmal, an den schulfreien Tagen zweimal, am Sonntag gibt sie sich frei. Ihr Körper habe sich daran gewöhnt, sagt sie. Das intensive Training sei unterdessen normal. Wichtig sei es, das Programm zu variieren, auch einmal Dehnungsübungen oder Yoga zu machen oder in die Physiotherapie oder zur Massage zu gehen.

«Als ich das erste Mal an einem Rennen einen Zweibeiner überholte, war das ein unglaubliches Gefühl!»Abassia Rahmani,
Sprinterin

Dass Rahmani mit den «Zweibeinern» trainiert, wie sie sagt, ist normal, dass sie in Wettkämpfen gegen sie antritt, ebenso. Sprinter mit Prothesen gibt es schweizweit erst wenige. Rahmani sieht sich deshalb auch in einer Vorbildrolle. Im Training mit Sportlerinnen ohne Handicap sieht sie vor allem Vorteile. «Sie ziehen mich mit.» Anfangs sei sie immer langsamer gewesen, unterdessen ist sie gleich schnell oder schneller. «Als ich das erste Mal an einem Rennen einen Zweibeiner überholte, war das ein unglaubliches Gefühl!» 2018 hat sie zum ersten Mal ein Rennen gegen Sprinterinnnen ohne Handicap gewonnen: Am internationalen Sommermeeting in Langenthal sprintete sie 100 Meter in 13,47 Sekunden, es ist bis heute ihre Bestzeit. Am meisten bedeutet ihr aber der vierte Platz, den sie 2016 an den Paralympics in Rio über 200 Meter belegte. Ihre Zeit: 27.84 Sekunden, ihre Bestzeit.

«Seit dieser Saison konzentriere ich mich vermehrt auf 100 Meter, weil die 200 Meter in meiner Kategorie leider nicht mehr im WM- und Paralympics-Programm sind.»

In der Schweiz läuft Rahmani zwar in gewöhnlichen Rennen mit, allerdings ausser Konkurrenz. «Meine Prothesen werden als technisches Hilfsmittel angesehen und sind somit zum Beispiel an einer Schweizermeisterschaft nicht erlaubt.» Ihre an den Rennen gelaufenen Zeiten aber gelten als Qualifikationszeiten für die Teilnahme an einer Para-EM, Para-WM oder Paralympics. An der Olympiade kann Rahmani nicht teilnehmen.

«Manchmal muss man mutig sein»

Seit 2016, als sich die ersten Erfolge einstellten, hatte Rahmani den Traum, Profi zu werden. Dem Entscheid ging eine genaue Kalkulation der Einnahmen und Kosten voraus. «Ich sah, dass es knapp reichen würde.» Zwar habe man ja als Schweizer immer gern einen Plan B, sagt sie. «Aber manchmal muss man mutig sein und ein Risiko eingehen.»

Rahmani hat verschiedenen Sponsoren, darunter einen Autohersteller, der ihr ein Hybridfahrzeug zur Verfügung stellt und die Werkstatt, die das Auto umgebaut hat, damit sie es allein mit den Händen fahren kann. Dazu kommen Beiträge vom Verband Plusport, von der Sporthilfe und von einer Firma für elektronische Zutrittslösungen.

Als nächstes Ziel vor Augen hat Rahmani die Weltmeisterschaften in Dubai im November sowie die Paralympics in Tokyo 2020. Sie hat das Training in diesem Jahr zweigeteilt, weil die Saison sonst zu lange dauern würde. «Das kann man sonst kaum durchhalten, vor allem mental muss man sehr stark sein.»

Im Mentalen sieht sie noch am meisten Verbesserungspotential. Sie sei fit, sagt sie, habe die Prothesen gut eingestellt und ihre Lauftechnik optimiert, da gehe es nun um die kleinen Anpassungen. Zum Beispiel übe sie, sich vor einem Lauf nicht von den Konkurrentinnen ablenken zu lassen. «Oder wie man sich selbst aufbaut, wenn man einen schlechten Wettkampf hatte.»

Mit ihrem Körper ist Rahmani heute im Reinen - «mehr, als vorher», sagt sie. Relativiert aber: «Falls das überhaupt aussagekräftig ist. Als Teenager fühlen sich ja die wenigsten wohl in ihrem Körper.» Der Sport aber habe ihr geholfen, wieder Selbstvertrauen aufzubauen. Im Sport sieht sie auch ihre berufliche Zukunft. Mit der Berufsmatur im Sack will sie berufsbegleitend Sportmanagement studieren.

Erstellt: 13.08.2019, 17:52 Uhr

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Der «Landbote» begegnet in dieser Sommerserie Menschen, die eine Mission oder eine Passion haben, in der sie voll und ganz aufgehen.

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