Winterthur

Gina Senn rettet die «verstossenen Seelen der Wüste»

Vor drei Jahren ist Gina Senn (56) nach Hurghada ausgewandert, um Strassenhunden zu helfen. Inzwischen hat sich die Winterthurerin in Ägypten ein neues Leben aufgebaut.

Kurzbesuch nach drei Jahren: Gina Senn in Winterthur.

Kurzbesuch nach drei Jahren: Gina Senn in Winterthur. Bild: Madeleine Schoder

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Morgens um halb fünf startet Gina Senn ihre Tour vom Stadtrand von Hurghada in die Wüste. Im Auto immer dabei: Wasser, Trockenfutter und Medikamente. Die Hunde warten schon, sie wissen dass sie kommt. Sie leben in kleinen oder grösseren Gruppen, herrenlos, als Streuner. Wenn Gina Senn verletzte oder kranke Hunde findet, die sie nicht vor Ort behandeln kann, nimmt sie sie mit in ihre Auffangstation und päppelt sie auf. Auch ruft sie den Tierarzt, wenn sie angefahrene, schwer verletzte Hunde findet. Wenn nötig werden sie von ihm vor Ort eingeschläfert.

Sechzehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche ist die Winterthurerin für die Tiere da. Sie hat dieses harte Leben selbst gewählt. Im November 2015 ist sie ausgewandert. Ihre Tierpension Mogli an der A1 in Töss hat sie verkauft, den Laufservice übernahm der Sohn. Warum Ägypten? «Meine Tochter kannte Hurghada von Ferien. Und das Klima ist besser für meine Knochen.» Senn leidet unter Osteoporose.

Ohne jemanden zu kennen kam sie an, im Städtchen zwischen dem Roten Meer und der Wüste, wo am Strand ein Hotel am nächsten steht. Den Touristen-Teil sieht Gina Senn nie, sie ist im ärmlichen Hinterland am Wüstenrand unterwegs. Die streunenden Hunde und Katzen, die sie antraf, waren in jämmerlichem Zustand, fast verhungert, voller Zecken, mit Räude oder offenen Wunden suchten sie im Müll am Stadtrand nach Essbarem. Die Regierung begrüsst ihre Arbeit. Eine starke Teuerung macht dem Land zu schaffen – das erste, was viele Leute loswerden, sind ihre Haustiere.

Kastrieren ist das A und O

Einen Monat lang arbeitete Gina Senn als Freiwillige bei einer Organisation, die Tiere einfängt und kastriert, doch rasch wusste sie: «Ich muss es auf meine Art machen.» Die Hunde nach dem Eingriff einfach wieder in die Wüste zu entlassen, wo sie weiterhungern, das hielt sie nicht aus. Rasch baute sie eine eigene Station auf, die sie zweimal vergrösserte. Inzwischen leben auf 1000 Quadratmetern bis zu 43 Hunde. «Ich sammle keine Tiere», betont Senn. «Und ich vermehre sie auch nicht. Ich nehme nur kranke Tiere auf, und alle werden kastriert. Das ist das A und das O.» In Gina Senns Privatwohnung leben weitere sieben Hunde, die meisten zur Ausreise fertig.

Zwei einheimische Mitarbeiter helfen bei der Betreuung. «Es war nicht einfach, zuverlässige Personen zu finden», sagt Senn. «Hunde gelten im Islam als unrein, die meisten Ägypter würden nicht freiwillig einen anfassen.»

Generell zahlte sie Lehrgeld. «Als Ausländerin wird man rasch über den Tisch gezogen», sagt sie. «Und als alleinstehende Frau gilt man in Hurghada fast als Freiwild.» Dank Schäferhund als Begleiter und ihrem furchtlosen Auftreten musste sie den Stock, den sie im Auto mitführt, nie einsetzen.

Um die hundert streunende Hunde sind täglich auf Gina Senns Unterstützung angewiesen. «Sie führen in der Wüste ein freies, würdiges Leben», sagt sie. Inzwischen ist auch eine Katzenstation dazugekommen, bei der eine andere Schweizer Auswanderin hilft. Für den Betrieb ist sie auf Spenden aus der alten Heimat angewiesen. Allein das Trockenfutter für die Hunde kostet fast 1000 Franken pro Monat, dazu kommen Löhne, Tierarztkosten und mehr.

«Facebook» als Lebensader

Die Facebook-Gruppe «Mogly und die verstossenen Seelen der Wüste» ist der Draht zu den Unterstützerinnen. Sie zählt 1003 Mitglieder, fast täglich postet Gina Senn hier Bilder, und die Mitglieder tauschen Ideen zum Geldsammeln aus: Eine Frau macht Schmuckengel, andere organisieren Kleiderflohmärkte oder spenden ihr gesammeltes Münz. Es können auch Patenschaften für Hunde oder Katzen übernommen werden und der Pate darf den Namen des Tieres aussuchen. Zum harten Kern der Spender gehören etwa 70 Personen. «Jeder Franken hilft», betont Senn, und hofft, weitere Unterstützer zu finden.

Immer wieder kommen auch Besucher aus der Schweiz und Deutschland nach Hurghada. «Sie sind sehr willkommen, ich habe nichts zu verstecken», sagt Senn. Geeignete Hunde und Katzen vermittelt sie auch Plätzchen in der Schweiz, mit allen Papieren. «Etwa 350 Franken kostet das, und auch mit Flug ist es nicht teurer als ein Tier aus einem Schweizer Tierheim», sagt sie.

Sie fand ihr privates Glück

Letzte Woche war sie zum ersten Mal seit drei Jahren wieder in der Schweiz. In Ägypten hat sie sich eingelebt, lernt arabisch. Sogar geheiratet hat sie. «Ich habe es nicht an die grosse Glocke gehängt, weil einige dann gleich denken: Aha, den muss sie jetzt mit unseren Spendengeldern durchfüttern.» Nichts da – ihr Mann Tarek ist Ingenieur. Er verdient eigenes Geld und unterstützt ihre Arbeit. Gina Said, wie sie nun heisst, ist bereits wieder nach Hurghada zurückgereist und macht weiter, unermüdlich, für ihre Tiere.

www.moglianimalrescue.com Englischsprachige Website. Deutschsprachige Infos auf der Facebook-Gruppe «Mogly und die verstossenen Seelen der Wüste». (Landbote)

Erstellt: 22.06.2018, 17:19 Uhr

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