Winterthur

Erdogan-kritische Vereine verschwinden

Weil sie sich vor dem türkischen Staat fürchten, verschwinden Gülen-nahe Vereine aus der Öffentlichkeit. In Winterthur mussten gleich zwei Vereine schliessen.

Die EKOL-Schule an der Theaterstrasse verlor unter politischem Druck ihre Schüler und musste schliessen.

Die EKOL-Schule an der Theaterstrasse verlor unter politischem Druck ihre Schüler und musste schliessen. Bild: Heinz Diener (Archiv)

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Die Anhänger des Predigers Fethullah Gülen, der im amerikanischen Exil lebt und vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan für den versuchten Putsch Mitte 2016 verantwortlich gemacht wird, leben auch in der Schweiz in Angst.

Kurz nach dem Putsch verfasste die türkische Botschaft in Bern einen Bericht über die Aktivitäten der Gülen-Bewegung in der Schweiz. Darin führte sie neun Gülen-nahe Schulen und Vereine auf und bezeichnete diese als «gewaltbereite Fetö-Terroristen». «Fetö» steht für «Fethullahistische Terrororganisation». Das Dokument ging nach Ankara.

Seither sind Zehntausende mutmassliche Gülen-Anhänger aus dem Staatsdienst entlassen worden, mehrere Tausend sitzen in türkischen Gefängnissen und warten auf ihren Prozess.

Was es heisst, auf einer «Fetö»-Liste zu landen, musste der Oberwinterthurer Emre Dincer im letzten Jahr am eigenen Leib erfahren: Der Doppelbürger durfte nach den Herbstferien in der Türkei nicht mehr ausreisen, ihm wurde vorgeworfen, ein Terrorist zu sein. Dincer war für kurze Zeit in der Gülen-nahen EKOL-Schule in Winterthur im Vorstand. In der Türkei sass er mehrere Monate im Gefängnis, mit Hilfe eines Anwalts und des EDA schaffte er es nach erst 391 Tagen zurück in die Schweiz.

Sogar von Türken in der Schweiz werden die Gülen-Anhänger angefeindet. Zwei Winterthurer Gülen-Sympathisanten seien auf Whatsapp als «Terroristen» und «Landesverräter» beschimpft worden, man drohte ihnen mit Gewalt.

Türkische Nachbarn, die sie seit 20 Jahren kennen, grüssten nicht mehr. Und eine Bekannte habe sich von ihrem Mann scheiden lassen, weil dieser Gülen-Anhänger sei. «Wir haben uns an die Anfeindungen gewöhnt», sagt einer der beiden. «So sehr, dass wir auch mit den Kindern darüber sprechen.»

Gülen-Vereine löschen Eintrag im Handelsregister

Die Bedrohung von regierungstreuen Türken empfinden Gülen-Anhänger als so gross, dass sich nun mehrere Vereine, die der Bewegung nahe stehen, auflösen, aus dem Handelsregister austragen und dann unter einem anderen Namen neu gründen. Mit dem Unterschied, sich beim zweiten Mal nicht mehr ins Handelsregister eintragen zu lassen.

Mehrere Gülen-Anhänger vermuten nämlich, dass die Verantwortlichen der Vereine und Schulen über diesen Eintrag von türkischen Spitzeln auf schwarze Listen gesetzt und so in Ankara gemeldet werden. Im Handelsregister sind Informationen wie Vor- und Nachname, Wohnort und Staatsangehörigkeit einsehbar.

Von den neun Gülen-nahen Schulen, die im Bericht der türkischen Botschaft erwähnt werden, sind schweizweit sechs geschlossen oder aufgelöst worden: Die Sera-Schule in Zürich, zwei Ekol-Schulen in Zürich und Winterthur sowie die Elite-Bildungszentren in Basel, Bern und Lausanne.

«Auf Whatsapp wurden wir als ‹Terroristen› und ‹Landesverräter› beschimpft.»Zwei Gülen-Sympathisanten aus Winterthur über die Drohungen durch ihre Landsleute.

Die EKOL-Schule in Winterthur, die vor allem Nachhilfeunterricht für Kinder von Migranten anbot, beantragte im August 2018 ihre Löschung. Zwei Winterthurer Gülen-Anhänger, die im Vorstand der besagten Schule wie auch einem türkischen Kulturverein aktiv waren, gaben dieser Zeitung Auskunft.

Weil sie befürchten, weiterhin bespitzelt zu werden, möchten sie weder ihre Namen noch jene der aktiven Vereine in den Medien lesen. «Unsere Mitglieder hatten Angst, nachdem sie erfuhren, was Emre passiert war», sagt der eine. Ihnen seien Fälle bekannt, in denen Familienangehörige in der Türkei bedroht oder festgenommen wurden, um Druck auf in der Schweiz lebende Gülenisten auszuüben.

«Als kurz nach der Liste der Botschaft der Name unseres Vereins im türkischen Fernsehen erschien, wussten wir, dass alle Vorstandsmitglieder auf dieser Liste stehen», sagt der Winterthurer. «Wir verloren dann viele Schüler und konnten schliesslich die Miet- und Personalkosten nicht mehr tragen.»

Die Töchter des Winterthurer Gülenisten besuchen nun eine Privatschule in Zürich – ein Nachfolgeinstitut der Zürcher EKOL-Schule. Die neue Schule, mit deutschem Namen und türkischem Vorstand, wird von einem ehemaligen EKOL-Lehrer geleitet. «Er betreut viel mehr Schüler als vorhin, aber natürlich ist es auch teurer, da die Schule jetzt als Unternehmen und nicht mehr als gemeinnütziger Verein organisiert ist», sagt der Vater.

Auch Kulturvereine sind betroffen: Ein türkischer Frauenverein und ein Winterthurer Kulturverein haben sich aufgelöst.

«Nach mehreren Drohungen wollten unsere Mitglieder nicht mehr öffentlich auftreten», sagt der Ex-Präsident des Vereins, dessen Mitgliederzahl sich laut ihm auf 50 bis 60 beläuft. «Viele unserer Mitglieder sind Migranten, deren Familienangehörige in der Türkei leben.» Darum beschloss auch dieser Verein, sich aufzulösen und unter anderem Namen neu zu gründen.

Mit einer neuen Website, auf der weder Telefonnummern noch Namen angegeben sind, auf der die Türkei oder Gülen mit keinem Wort erwähnt werden, würden sich die Mitglieder wieder sicherer fühlen. Nur ein Blogeintrag übers Fastenbrechen könnte auf die türkischen Wurzeln hinweisen. Unverfängliche Namen tragen auch andere private Nachfolgeinstitutionen von geschlossenen Schulen.

«Auf dem Weg zur ?­Parallelgesellschaft»

Die Gülen-Vereine hatten sich ursprünglich freiwillig ins Handelsregister eintragen lassen, um ihre Bewegung transparenter zu machen. «Der Eintrag gab uns ein Gesicht.»

Dass die Vereine nun in den Untergrund gehen, findet auch Ramazan Özgü bedenklich. Er ist Geschäftsleiter des Gülen-nahen Dialog-Instituts in Zürich: «Wenn in der türkischen Community bespitzelt und die gesammelten Informationen der Regierung in Ankara übergeben werden, wird dies dazu führen, dass unter den Türken in der Schweiz eine Parallelgesellschaft entsteht.»

«Wir besuchen keine türkischen Moscheen mehr.»Ramazan Özgü,
Geschäftsleiter des Gülen-nahen Dialog-Instituts in Zürich

Denn die regierungstreuen Türken würden durch ihre freiwillige Spitzeltätigkeit gegen Schweizer Recht verstossen. «Auch Türken der zweiten und dritten Generation machen mit.» Die Situation für «Hizmet-Engagierte», wie sich die Anhänger der Gülen-Bewegung selbst nennen, habe sich seit der Aufhebung des Ausnahmezustandes nicht verbessert. «Wir vermeiden den Kontakt mit Landsleuten, die extremistisch oder nationalistisch eingestellt sind.»

So besuchen sie beispielsweise keine türkischen Moscheen mehr, weil sie davon ausgehen, dass der Imam Berichte über sie verfasst und an die türkischen Behörden schickt. «Das Problem ist, dass uns nicht nur der Staat sondern auch Gruppen von Freiwilligen verfolgen. Wir kennen das System dahinter nicht und meiden darum jeglichen Kontakt.»

Nach dem Putschversuch seien Gülen-Anhänger von den Verantwortlichen in den Moscheen angegangen worden, die türkischen Moscheen nicht mehr zu besuchen, das sei für sie «verboten». «Wir besuchen jetzt bosnische oder albanische Moscheen», sagt Özgü.

In regelmässigem Kontakt mit Brückenbauer

Weil die Winterthurer Gülenisten Beschimpfungen und Bespitzelungen seit einiger Zeit bei der Polizei melden würden, habe sich die Situation etwas entschärft. Mit der Stadtpolizei besteht eine punktuelle Zusammenarbeit. Sie sind in regelmässigem Austausch mit deren Brückenbauer.

Sinn des Brückenbauers ist es, bei der ausländischen Bevölkerung das Vertrauen in die Polizei zu erhöhen und die eigenen Leute zu sensibilisieren. Nach dem Putsch habe dieser sie zu einem Gespräch vorgeladen. «Seither fragt er bei den Fussballturnieren unserer beiden Söhne immer wieder, wie es geht und ob alles in Ordnung ist», sagt der eine.

Auch Özgü ist wichtig, dass die Behörden über die Lage seiner Leute informiert sind. «Wir müssen gemeinsam eine Lösung suchen, damit sich keine eigene Justiz in den Moscheen bildet», meint er. Die Brückenbauer im Kanton Zürich würden ihre Arbeit «sehr gut» machen: «Sie nehmen unsere Anliegen ernst.»

Lisa Aeschlimann

Erstellt: 22.03.2019, 18:02 Uhr

Zwischen Sündenbock und Weltverbesserer

Die Gülen-Bewegung ist nach dem islamischen Prediger Fethullah Gülen (75) benannt. Einst ein Weggefährte Erdogans ist er heute dessen Erzfeind und wird von ihm für den Putsch 2016 verantwortlich gemacht. Erdogan hat die Bewegung zur terroristischen Organisation erklärt. Er wirft ihr vor, Militär, Polizei, Justiz und Verwaltung unterwandert zu haben, um die Macht im Staat zu übernehmen. Deshalb will er auch Sympathisanten in der Schweiz juristisch verfolgen.

Die «Hizmet»-Bewegung sieht ihre Aufgabe darin, sich für andere zu engagieren und Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen. «Baut Schulen statt Moscheen» ist eines ihrer Leitmotive. Die Bewegung hat durch ausgezeichnete Privatschulen viele Sympathisanten gewonnen, in der Türkei hat sie rund eine Million Anhänger. Die Schulen gelten als Talentschmieden und sind in 160 Ländern vertreten.

Die Gülen-Bewegung wird jedoch oft wegen Intransparenz kritisiert. Deshalb wurde vor Kurzem die Dachorganisation «IG Universelle Werte» gegründet, damit die Politik einen Ansprechpartner hat. «Die Bewegung braucht Transparenz», sagte Ramazan Özgü, Geschäftsführer des Dialog-Instituts, in einem Interview. «Wir müssen öffentlich kommunizieren, wer wir sind.»

Die Zahl der «aktiven Hizmet-Engagierten» liegt in der Schweiz laut Özgü bei etwa 200 Menschen. Wenig, wenn man bedenkt, dass in der Schweiz mehr 120000 ursprüngliche Türken leben. (lia)

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