Frauen in der Chefetage

«Wenn die Kultur stimmt, hast du kein Frauenthema»

Mirjam Bamberger sitzt als Head of Customer Experience and Strategy in der Geschäftsleitung der Axa Schweiz. Sie sagt, sich dezidiert für Frauen einzusetzen, sei erst an zweiter Stelle ihre Aufgabe.

Mirjam Bamberger , AXA Versicherung . Bild: Nathalie Guinand Mirjam Bamberger wurde mit 40 Jahren Mitglied der Geschäftsleitung der Axa Schweiz.

Mirjam Bamberger , AXA Versicherung . Bild: Nathalie Guinand Mirjam Bamberger wurde mit 40 Jahren Mitglied der Geschäftsleitung der Axa Schweiz. Bild: Natalie Guinand

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

10.30 Uhr. Mirjam Bamberger sitzt seit eineinhalb Stunden in einem Konferenzraum im vierten Stock des Axa Geschäftssitzes an der Pionierstrasse. Geschäftsleitungsmitglieder und Teamleiter geben sich die Klinke in die Hand. Jetzt geht es um das neue Markenversprechen der Axa «Know You Can», der einen bekannten Wahlkampfslogan anklingen lässt.

Das Markenversprechen kommt aus der Konzern-Zentrale in Paris. Wie es umgesetzt wird, liegt bei den einzelnen Länderorganisationen. Eine Bereichsleiterin stellt in der Runde eine Video-Kampagne vor, die jeder Mitarbeiter personalisieren kann. Bamberger ist begeistert. «Das könnte intern viral gehen.» Sie lacht und lanciert eine Wette: «3000 Mitarbeiter machen mit, das ist unser Ziel, ja? Wenn wir es schaffen, gibt es Champagner.» An der Spitze der Versicherungsgesellschaft ist der Umgangston locker. Man ist per Du, auch mit dem CEO.

Die Tennis-Ikone

Weltweite Markenbotschafterin der AXA ist die US-Tennis-Spielerin Serena Williams. Ihr Bild prägt auch die kleine Motivationsbox, die man als Supplement zum neuen Markenversprechen an die Mitarbeiter verteilen möchte. «Sollen wir in der Schweiz auch auf Serena Williams setzen?», fragt Bamberger. Ja, sollen sie. Weiter geht's zum nächsten Punkt.

«Es gibt immer Vorurteile. Die Frage ist: Kann ich damit umgehen?»Mirjam Bamberger

4500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt die Axa in der Schweiz. Bamberger ist seit einem halben Jahr Head Customer Experience and Strategy – und damit Noch-Chefin des frisch gewählten SP-Stadtrats Kaspar Bopp. Davor war sie während viereinhalb Jahren die oberste Personalverantwortliche. Ihre neue Aufgabe umfasst die gesamte Angebots- und Strategieentwicklung, die Unternehmens- und die Marketingkommunikation, das sogenannte Innovationsteam und Venturing. Letzteres beinhaltet die Entwicklung von Beteiligungen an anderen Firmen und von Partnern. Dass sie vom HR in eine business-nahe Funktion wechseln konnte, sei keine Selbstverständlichkeit, sagt Bamberger. «HR ist ein Job mit einem überdurchschnittlichen Frauenanteil.» Sich davon zu lösen, könne schwierig sein.

Die Weltenbummlerin

Die 44-Jährige ist in Freiburg (D) aufgewachsen, als Tochter eines Wissenschaftlers und einer berufstätigen Mutter, die eine technische Ausbildung hatte. Schon als Kind hat sie in verschiedenen Ländern gewohnt, weil die Berufe ihrer Eltern international ausgerichtet waren. Mit 17 hat Bamberger, ein Jahr früher als normal, das Abi gemacht - und ist für ein soziales Jahr nach Mexiko gereist. «Meine Eltern wollten, dass ich aus dem gewohnten Umfeld rauskomme und etwas anderes sehe.» Sie hat in der mexikanischen Stadt Cuernavaca an einer Montessorischule unterrichtet. «Ich habe dort ein grosses Feingefühl für unterschiedliche Kulturen entwickelt und die Fähigkeit auf unterschiedliche Bedürfnisse und Erwartungen einzugehen.» Danach studierte sie in Köln Wirtschaft und Sprachen, daneben habe sie immer gejobbt und schliesslich «zügig abgeschlossen».

«Ich wollte schon immer arbeiten», sagt Bamberger. Es war dann die Axa, bei der sie schon als Studentin gearbeitet hatte, die ihr ein Angebot machte. Sie kam in ein Ausbildungsprogramm, in dem man während zwei Jahren ein Geschäftsleitungsmitglied begleitet. Danach erhielt sie ein Angebot von Thomson & Reuters, arbeitete für den Konzern in Chicago, in Hong Kong, Genf, London und Zürich. «Ich war die jüngste Frau, die von Reuters nach Asien geschickt wurde, dafür musste ich hart kämpfen.» Man traute der jungen, europäischen Frau nicht zu, sich in der asiatischen Geschäftswelt durchzusetzen. In Hong Kong verkaufte sie Risk-Management- und Daten-Management-Systeme für Banken. Ein Kollege, der Mandarin und Kantonesisch sprach, begleitete sie jeweils. «Ich habe mich voll eingelassen auf die chinesische Kultur, hatte auch während vier Jahren einen chinesischen Partner.»

«Das schönste Land»

Für Reuters blieb sie allerdings nur knapp ein Jahr in Hong Kong. 2008 nahm Bamberger einen Job bei Oerlikon Solar an, und wechselte damit von der Finanz- in die Industrie-Branche. «Die Schweiz ist das schönste Land, das ich kenne, hier wollte ich bleiben», beschreibt sie ihre Gefühlslage. Nach vier Jahren bei Oerlikon wechselte sie zu Sulzer und von dort 2014 zurück zur Axa in die Geschäftsleitung. 40 Jahre alt war sie damals und hatte für 4 Firmen in 7 Ländern gearbeitet.

In ihrer Laufbahn habe sie sich als Frau nie benachteiligt gefühlt, sagt Bamberger, und sich darum auch kaum je Gedanken zu ihrem Geschlecht gemacht. Sie sei mit einem grossen Bruder aufgewachsen und habe sich immer in einer Welt bewegt, in der die überwiegende Mehrheit der Kollegen männlich waren. Vorurteile gebe es gegenüber beiden Geschlechtern. Entscheidend sei, wie man damit umgehe und dass Firmen Rahmenbedingungen schafften, die Gleichstellung zulassen.

Für Bamberger ist klar, dass es neben der Karriere auch Raum für eine Familie geben muss. Sie selbst hat keine Kinder. Sie habe aber das Privileg, eine Partnerschaft und ein Umfeld zu haben, wo sich Männer und Frauen auf Augenhöhe begegneten.

Gegen Quoten

Bamberger ist Frühaufsteherin, ein Leistungsmensch, ihr Tag ist eng getaktet. Es komme vor, dass sie vor sieben Uhr eine Mail verschicke oder nach zwanzig Uhr noch Telefonate führe. «Mein Alltag ist aber nicht repräsentativ, ich lebe flexible Arbeitszeiten.» Ihr Tag besteht aus Sitzungen, in denen sie meist als «Coach oder Challenger» dabei ist. Oder aber sie ist die, die Dinge klärt. Dazu führt sie viele Einzelgespräche. Sie würde Reaktionen einholen, bevor sie entscheide, sagt sie. Zu ihrer Arbeit gehört auch, «draussen zu sein, bei den Kunden». Das werde von allen Geschäftsleitungsmitgliedern erwartet. Ein Teil des Tages, meist der Abend, bleibt für Privates reserviert. Vor ein paar Jahren hat Bamberger das Rennradfahren für sich entdeckt. Dabei könne sie «schnell abschalten».

«Um nach Hong Kong zu dürfen, musste ich hart kämpfen.»Mirjam Bamberger

Jungen Frauen, die eine Karriere anstreben, rät Bamberger, sich selbst treu zu bleiben und für sich einzustehen. In ihrem Fall sei sicher entscheidend gewesen, dass sie immer dran geblieben sei, Neugierde und Willensstärke gezeigt habe. «Aber ohne dass ich verbissen wurde. Ich bin immer offen und flexibel geblieben.» Dann wünsche sie jeder Frau das «Quäntchen Mut», um Dinge auf den Tisch zu bringen, nachzufragen.

Frauen-Quoten wie sie politisch gefordert werden, lehnt Bamberger ab, «weil sie andere wiederum diskriminieren würden». Eine Axa-interne Umfrage habe gezeigt, dass eine Mehrheit gegen eine Quote ist. «Das würde Frauen zusätzlich benachteiligen, weil sie zur Quotenfrau würden, und das ist das grösste Stigma, das eine Frau in einer Firma haben kann.» Die Axa setze sich seit Jahren für die Gleichberechtigung ein. In ihrer Zeit als HR-Verantwortliche wurde unter anderem 2017 ein vierwöchiger Vaterschaftsurlaub eingeführt und die Löhne wurden überprüft und angepasst, so dass heute der unerklärbare Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern «weit unter fünf Prozent» liegt.

Die Versicherung wolle gesellschaftliche Entwicklungen anstossen, sagt Bamberger. Auch das Gehört zur Markenwelt der Axa. So hat die Firma ein Training für 1000 Mitarbeiter in Schlüsselpositionen organisiert. Es ging darum, sich von althergebrachten Erfolgsvorstellungen zu lösen und das Verständnis zu schaffen, dass Erfolg nur im Team möglich ist.

Bamberger klingt programmatisch, wenn sie darüber spricht. «Unsere Kultur des Respekts, der Wertschätzung, der Fairness steht bei uns über allem.» Sie sehe ihren Auftrag in der Geschäftsleitung darin, diese Kultur zu unterstützen und damit voranzugehen. Erst an zweiter Stelle sei es ihre Aufgabe, sich dezidiert für Frauen einzusetzen. «Denn wenn man eine Kultur der Fairness hat, hat man auch kein Frauenthema.»

Erstellt: 09.07.2019, 14:16 Uhr

Fünf Fragen an Mirjam Bamberger

Das macht mich glücklich: Die Schweizer Berge, Täler und Seen.

Der häufigste Grund, dass ich mich ärgere: Das Leben ist zu kurz, um sich zu ärgern.

Das leiste ich mir, weil ich es kann: Persönliche Geburtstagsgeschenke für meine engsten Mitarbeitenden.

Damit fahre ich am Abend runter: Mit dem Fahrrad am liebsten.

Diesen Wunsch, möchte ich mir noch erfüllen: Das Alpenbrevet vielleicht?

Artikel zum Thema

«Ich schlafe am Wochenende wie ein Kamel»

Frauen in der Chefetage Jill Lee ist Finanzchefin bei Sulzer. Eine Karriere war nie ihr Ziel. Ihr Mann hat seine für die Familie aufgegeben. Mehr...

«Etwas Mut würde mehr helfen, als auf der Strasse zu protestieren»

Frauen in der Chefetage Sandra Pitt wollte immer Karriere machen. Als HR-Leiterin von Burckhardt Compression ist die 48-jährige heute verantwortlich für über 2000 Mitarbeitende weltweit. Wer nach oben will, muss mutig auftreten, sagt sie, und arbeitet am besten 100 Prozent. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.