Winterthur

«Heilandzack»

Heute Abend ist er am Pfadi-Match in der Eulachhalle und dann am Cupspiel des FCW auf der Schützenwiese. Wo denn sonst? Heinz Diener ist seit 37 Jahren für den «Landboten» als Fotograf unterwegs und immer dort, wo etwas passiert.

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Es war am 17. September 1979, als die erste Fotografie von Heinz Diener im «Landboten» abgedruckt wurde. Damals war ich drei Jahre alt. Seither ist Heinz Diener unablässig für unsere Zeitung im Einsatz. Auf der Schützenwiese, am Albanifest, im Gaswerk, an der Schulprojektwoche, beim Interview mit der Regierungsrätin, in der Eulachhalle, beim Unfall auf der Autobahn, in jedem Dorf und in jedem Quartier. Seit Januar 2014, damals wurde seine aktuelle Kamera, eine Nikon D4, angeschafft, hat er 187 315-mal auf den Auslöser gedrückt. Gestern wurde «hd», so sein Redaktionskürzel, 65 Jahre alt. Ende dieser Woche wird er pensioniert.

Zum ersten Mal mit Heinz auf Reportage ging ich im Mai 1997, ein Besuch im Boxkeller von Azem Maksutai, damals mitten in seiner Kampfsportkarriere. Ein unvergessliches Erlebnis. Heinz sagt häufig «Heilandzack». Wenn irgendetwas schiefläuft, wird die Wortwahl schlimmer. Seine Sprache passt er nicht den äusseren Umständen an. Auch wenn er vor Publikum eine Nationalrätin für ein Porträt ins rechte Licht rückt, gibt er Anweisungen, wie ihm der Schnauz gewachsen ist. Nachdem er einmal bei uns zu Hause zu Mittag ass, war er bei den Kindern als «dä, wo so vil fluechet» bekannt.

Immer auf der Lauer nach dem entscheidenden Moment

Doch man merkt es schnell: Hinter den rauen Umgangsformen steckt viel. Bei allem Stress in seinem Job ist Heinz der geduldigste Fotograf, der mir je begegnet ist. Bei Interviews bleibt er oft bis zum Schluss. Er wolle doch nichts verpassen, begründet er. Auch am Rockkonzert, am Handballspiel oder am Dorffest bleibt er Stunden statt Minuten. Immer auf der Lauer nach dem entscheidenden Moment, dem besten Bild. So wie seine grossen Vor-bilder Henri-Cartier Bresson, Robert Capa, James Nachtwey, Hannes Schmid oder René Burri. «Was, diesen Fotografen kennst du nicht? Solltest du aber.» Heinz weiss alles über sie, kennt ihre berühmtesten Bilder und ihre Lebensgeschichten.

Fotograf werden wollte Heinz schon immer. Als Teenager kaufte er dem grössten seiner drei Brüder die erste Kamera ab. Die Familie wohnte am Neumarkt, dann an der Tösstalstrasse im Gutschick. Als das Hochhaus an der Weberstrasse gebaut wurde, kletterte Heinz auf dem Baugerüst bis ganz nach oben. «Wenn du da nicht mehr raufgehst, bekommst du ein Velo», habe der Vater versprochen. Ein paar Wochen später kaufte ihm der Vater in der Mittagspause das ersehnte Fahrrad. «Und am Abend lag ich mit einem doppelten Wadenbeinbruch im Kantonsspital.» Beim Velorennen bog ein Auto um die Ecke, der Kollege konnte noch ausweichen. «Bei mir hat es geklöpft.» Vom Vater gab es ein Donnerwetter. «Aber das Velo blieb ganz ».

Egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit: Heinz rückt immer aus. 

Schnelles Fahren gehört für einen Fotografen einer Lokalzeitung zum Beruf wie auch der eine oder andere Strafzettel. In den 1980ern hörte Heinz den Polizeifunk ab. «Spannender als jeder Krimi.» Manchmal habe er das Funkgerät sogar mit ins Bett genommen. «Wenn einer direkt von einer Verfolgungsjagd funkte, das war das Beste.» Verfolgungsjagden lieferte sich auch Heinz mit Polizei und Feuerwehr, um möglichst rasch am Unfall- oder Brandort zu sein. «Da habe ich auch Dinge gese-hen, die du nicht fotografieren kannst.» Egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit: Heinz rückt immer aus. Schweizweit abgedruckt wurden seine Bilder vom Brand der Alten Kaserne in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1987. Nach dem Absturz des Crossair-Jumbolino in Bassersdorf am Abend des 24. November 2001 war Heinz so lange im feuchten Unterholz auf der Pirsch nach Bildern, dass er sich eine Lungenentzündung holte.

Eine wilde Jugend

In der wilden Jugend jobbte Heinz als Roadie der Sauterelles. 1967 war er am legendären Konzert der Stones im Hallenstadion dabei. Er behauptet, er habe als Erster in Winterthur eine Lammfelljacke à la Brian Jones getragen. Davon gibt es leider kein Foto. Seine Frau hat Heinz im Restaurant Gutschick kennen gelernt. «Das war der Stammhahnen unserer Clique.» Auch alle Kollegen hätten bei dieser Serviertochter «gescharrt». «Aber ich habe das Rennen gemacht.» Während er davon erzählt, zieht es seine Schnauzspitzen weit nach oben. Seit Jahren wohnt er mit Frau und Sohn in Wülflingen.

Es heisst, der damalige Chefredaktor habe um den Ruf der Zeitung gefürchtet, wenn einer wie Heinz an noblen Anlässen auftaucht. 

Seine berufliche Karriere startete Heinz auf dem Bau. Danach arbeitete er in Druckereien, zuletzt bei Meyerhofer an der Wülflingerstrasse. Eine Lehre gemacht hat er nie. Dafür immer fotografiert. Oft arbeitete er tagsüber in der Druckerei, fotografierte am Abend für den «Landboten» ein Konzert oder einen Fussballmatch und entwickelte bis Mitternacht die Bilder. «Und dann stand ich um sieben Uhr wieder an der Druckmaschine.» Warum es so lange dauerte, bis Heinz eine Fest­anstellung beim «Landboten» erhielt, ist eine Geschichte für sich. Es heisst, der damalige Chefredaktor habe um den Ruf der Zeitung gefürchtet, wenn einer wie Heinz an noblen Anlässen auftaucht. 1998 bekam er nach Interventionen einzelner Redaktoren endlich einen Vertrag und konnte die Stelle bei der Druckerei aufgeben. Der Bubentraum vom Fotografen wurde wahr.

Eine Bratwurst beim Libanesen

Ein anderer Traum ging in Erfüllung, als Heinz auf Einladung unseres ehemaligen Leserbriefredaktors Jean-Pierre Gubler im Mai 2014 Paris besuchen konnte, die Stadt der Magnum-Fotografen. An einem verlängerten Wochenende hat Heinz 723 Fotos geschossen, vier Fotoausstellungen besucht und ein halbes Dutzend Bildbände gekauft. Wir mussten schmunzeln, als er in einem libanesischen Restaurant eine Bratwurst bestellen wollte, und staunten, als er in einem Bistro an den Champs-Elysées eine Muschel probierte.

Am Sonntag ist Heinz Diener zum letzten Mal als fest angestellter Fotograf des «Landboten» im Einsatz. Die Redaktion dankt ihm für seinen unermüdlichen Einsatz in den letzten 37 Jahren. Sein Schnauz wird weiterhin oft in Winterthur und Region zu sehen sein, jetzt wieder wie früher als freier Mitarbeiter. «Solange ich keinen Rollator habe, kann ich fotografieren», sagt er. Das glaube ich nicht. Heinz Diener wird auch dann noch weitermachen.

Erstellt: 26.10.2016, 08:16 Uhr

So kennt man ihn in Winterthur und Region: «Landbote»-Fotograf Heinz Diener mit Schnauz, Kappe und Kamera. Am Sonntag ist Heinz Diener nach 37 Jahren zum letzten Mal als fest angestellter Fotograf des «Landboten» im Einsatz.

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