IPW

«Heute bremst uns die Verwaltung aus»

Am Montag hat der Kantonsrat der Verselbständigung der Integrierten Psychiatrie Winterthur (IPW) zugestimmt. Für IPW-Direktor Hanspeter Conrad und seinen neuen ärztlichen Direktor Urs Hepp ist das ein Grund zur Freude.

Vorwärts Richtung AG? Spitaldirektor Hanspeter Conrad (rechts) und der neue ärztliche Direktor Urs Hepp vor der IPW-Zentrale im Schlosstal.

Vorwärts Richtung AG? Spitaldirektor Hanspeter Conrad (rechts) und der neue ärztliche Direktor Urs Hepp vor der IPW-Zentrale im Schlosstal. Bild: Marc Dahinden

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Herr Conrad, Sie gelten als Befürworter der vom Kantonsrat beschlossenen Verselbständigung der IPW. Warum eigentlich?
Hanspeter Conrad: Als unselbständiger Betrieb sind wir geprägt von Stillstand in verschiedenen wichtigen Punkten. Ein Stillstand, der uns von der Verwaltung und Politik aufgezwungen wird. Wir können Dinge nicht verändern oder verbessern, obwohl wir das aus Fachsicht gut finden würden.

Das klingt hart. Können Sie Beispiele geben?
Die anschaulichsten Beispiele sind sicher Veränderungen in baulicher Hinsicht. Nehmen sie den Standort Glattbrugg, wo wir unsere Angebote an einem neuen Ort zusammengefasst haben. Weil wir mit dem Hochbauamt, dem Immobilienamt, der Finanzdirektion und der Gesundheitsdirektion zusammenarbeiten müssen, war es extrem kompliziert, der Umzug dauerte drei Jahre.

Der Kanton bremst sie aus?
Ja. Ein noch drastischeres Beispiel ist unser Ersatz- und Ergänzungsbau. Wir haben im Sommer 2012 mit der Planung begonnen, bezogen werden kann er frühestens 2020, also nach acht Jahren. Wir sind sicher, in beiden Fällen könnte man das als AG viel rascher realisieren, vermutlich in fast der halben Zeit.

Und was ist mit dem Personal?
Ich bin überzeugt, dass wir als AG die Leistungen besser wertschätzen könnten, Sei es mit Geld, oder modernen Anstellungsbedingungen. Momentan unterstehen wir dem kantonalen Personalrecht. In den 15 Jahren, in denen ich beim Kanton arbeite, gab es keine einzige ernsthafte Änderung. Jahresarbeitszeit, die in der Industrie seit 30 Jahren üblich ist, kennt man beim Kanton noch nicht. Obwohl sie gerade in der Jugendpsychiatrie viel Sinn machen würde: Im Sommer kommen nämlich fast keine Jugendlichen. Auch von unterwegs oder zuhause zu arbeiten, über digitale Lösungen ist quasi nicht möglich.

Dafür gibt’s beim Kanton jedes Jahr mehr Lohn.
Sicher? Ich habe in diesen 15 Jahren genau zweimal den gemäss Personalgesetz vorgeschriebenen Stufenanstieg erlebt.

Als Chef einer AG würde ihr Lohn dagegen stark steigen.
Also er wird sicher nicht tiefer. Ob er wirklich besser würde, kann heute niemand sagen, bevor der Regierungsrat und Kantonsrat nicht beschlossen haben, wie der Verwaltungsrat zusammengesetzt wird.

Und bei Ihren Mitarbeitern? Müssen sie mit Kürzungen rechnen, wenn privatisiert wird?
Im Gegenteil. Wir haben heute das Problem, dass private Kliniken deutlich höhere Löhne zahlen können. Psychiater ist heute ein Mangelberuf par Excellence. Heute ist es anderen Kliniken möglich, gute IPW-Ärztinnen und Ärzte rein aufgrund finanzieller Bedingungen abzuwerben.

Und die normalen Angestellten? Müssen sie nicht Lohndumping befürchten?
Zunächst einmal dürfen in den ersten zwei Jahren die Anstellungsbedingen nicht verschlechtert werden, das steht im Gesetz. Des weiteren hängt die Qualität einer psychiatrischen Institution hauptsächlich von guten Mitarbeitenden ab. Da wären wir falsch beraten, hier zu sparen.

Aber älteren Mitarbeitern könnte leichter gekündigt werden.
Gerade ältere Mitarbeitende sind eine Ressource, die wir zunehmend nutzen. Wir beschäftigen Leute über 65 und stellen auch Leute über 50 ein. Inländervorrang light, das machen wir schon lange. Die bei uns am stärksten vertretene Gewerkschaft, die Vereinigten Personalverbände (VPV) stehen hinter der Verselbständigung. Kein Wunder: Als Teil der Verwaltung ist unser Personal alles andere als gut bedient.

Der Regierungsrat will Aktien der IPW-AG verkaufen können. Wer käme als Käufer in Frage?
Das ist vor allem eine politische Frage. Im Gesetz steht: Für fünf Jahre ändert sich nichts, der Kanton behält 100 Prozent der Aktien. Danach müssten alle interessierten Organisationen sich dem Hauptzweck der AG verpflichten: einer psychiatrischen Grundversorgung am heutigen Standort.

Ein Privater könnte also nicht einfach unrentable Abteilungen schliessen und eine Klinik für reiche Privatpatienten machen?
In Rahmen des Gesetzes ist das nicht möglich, nein. Was angeboten wird, wird sowieso an anderer Stelle gesteuert, über die Spitalliste der kantonalen Gesundheitsdirektion.

Und wenn die neuen Aktionäre gewisse Aufträge nicht mehr wollen?
In der Zürcher Psychiatrie sind heute fast 30 Prozent der Fälle Zwangseinweisungen, sogenannte fürsorgerische Unterbringungen. Wen wir den Grundversorgungs-Listenauftrag weiterhin wollen, müssen wir bereit sein, alle, die zwangseingewiesen werden, aufzunehmen. Da ist es undenkbar, dass wir sagen, wir nehmen bestimmte Altersgruppen oder Diagnosen nicht mehr auf.

Wie funktioniert eigentlich die Psychiatrie als Markt? Ist es ein harter Kampf um die Kunden?
Nein, im Gegensatz zu den Spitälern erlebe ich das überhaupt nicht so. Umkämpft ist eher das Personal.

Herr Hepp, wie erklären Sie sich als Arzt, dass die Fallzahlen der IPW Jahr für Jahr steigen?
Urs Hepp: Das ist ein schweizweiter Trend. Dabei gibt es keine Hinweise darauf, dass psychische Erkrankungen häufiger geworden sind. Es gibt zwei Erklärungen für die Zunahme, eine positive und eine negative. Die positive ist, dass die Hemmschwelle gesunken ist, sich professionelle Hilfe zu holen. Die negative ist, dass die Toleranz im beruflichen Umfeld gesunken ist. Wenn jemand psychisch krank ist, fällt er viel schneller aus dem Arbeitsprozess heraus. Das merken wir.

Wer nicht funktioniert, wird aussortiert?
Hepp: Mir fällt ein Beispiel aus meiner Kindheit ein. Da sah ich am Bahnhof jeweils einen Mann im orangen Gwändli mit einem Besen. Es war wie im Jacques-Tati-Film: Der Mann war den ganzen Tag da, arbeitete aber kaum etwas. Trotzdem bezog er einen Lohn, ging jeden Morgen zur Arbeit. Er war Teil der Gesellschaft. Heute wäre so jemand wahrscheinlich IV-Bezüger und allenfalls in einer geschützten Werkstatt beschäftigt. Es gab früher viel mehr Nischenarbeitsplätze. Heute sind weniger als 20 Prozent der an Schizophrenie Erkrankten berufstätig.

Es gibt also keine «Epidemie» von Depression und Burn-out? Es wird nur mehr behandelt?
Hepp: Das legen die Daten nahe.

Conrad: Man geht allgemein davon aus, dass in der Schweiz nur etwa 50 Prozent der behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankungen behandelt werden. Für uns mit ein Grund, warum wir die Hürden für eine Behandlung im Fall einer Verselbständigung sicher nicht erhöhen wollen. Im Gegenteil, wir planen neue Angebote.

Hepp: Was man sicher auch mehr sieht in den letzten Jahren: Traumatisierungen. Das hat auch damit zu tun, dass es mehr Leute mit Migrationshintergrund gibt.

Gibt es da spezielle Angebote?
Conrad: Ja, wir haben sowohl eine Traumafolgestation im Schlosstal als auch ein entsprechendes Ambulatorium an der Technikumsstrasse. Das ist übrigens eine Frage, bei der wir uns als Gesellschaft entscheiden müssen, wie wir damit umgehen wollen. Wir geben jährlich 100 000 bis 200 000 Franken für Dolmetscher aus. Die Krankenkassen zahlen das nicht. Flüchtlinge behandeln wir im Moment also quasi gratis, auf unsere Rechnung.

Was ebenfalls auffällt: Sie behandeln nicht nur mehr Patienten, diese bleiben auch immer kürzer. Warum?
Conrad: Die IPW hatte von Anfang an die Devise, stationäre Aufenthalte möglichst kurz zu halten. Das ist der stigmatisierendste und traumatisierendste Teil jeder Behandlung, wenn man aus seinem Umfeld gerissen wird und in die Klinik muss. Aber klar, wir haben auch ein Platzproblem. Von allen Regionen der Schweiz hat Winterthur-Zürcher Unterland mit die wenigsten Betten. Wir müssen unsere Patienten so schnell wie möglich in nicht-stationäre Angebote wie Tageskliniken und Ambulatorien entlassen.

Die IPW ist einer der grössten Arbeitgeber in Winterthur. Trotzdem nimmt man sie weniger wahr als die grossen Firmen oder das Kantonsspital. Ärgert Sie das manchmal?
Conrad: Tendenziell ist das schon irritierend. Es hat wohl mit den Bildern zu tun, welche die Leute von Psychiatrie haben. Der Normalbürger will mit unserer Tätigkeit möglichst wenig zu tun haben. Von meinem Idealbild der IPW, einem Ort, wo man sich ohne Scham bei Profis Hilfe holt, wenn man seelische Probleme hat, sind wir noch ein ganzes Stück weit entfernt.

Sie sagen «seelisch». Klingt Ihnen das Wort psychisch zu medizinisch?
Conrad: Ich finde tatsächlich seelisch klingt viel weniger belastet als psychiatrisch. Da kommt schnell die Assoziation mit «durchgeknallt», «Klapsmühle» und so weiter. (Landbote)

Erstellt: 08.12.2016, 18:11 Uhr

Zur Person

Hanspeter Conrad (59) ist seit 2012 Spitaldirektor der Integrierten Psychiatrie Winterthur-Zürcher Unterland (IPW), seit 2015 ausserdem Präsident des Dachverbands Swiss Mental Healthcare (SMHC). Der promovierte Ökonom und Arbeitspsychologe leitete vorher 10 Jahre lang den Bereich «Finanzen und Tarife» der Gesundheitsdirektion.

Urs Hepp (51) wird per 1. Januar 2017 ärztlicher Direktor der IPW. Er tritt damit die Nachfolge von Andreas Andreae an. Der Psychiater und Professor an der Universität Zürich war zuvor Chefarzt und Geschäftsleitungsmitglied der Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG), die bereits seit 2004 als Aktiengesellschaft organisiert sind.mig

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