Frauen in der Chefetage

«Etwas Mut würde mehr helfen, als auf der Strasse zu protestieren»

Sandra Pitt wollte immer Karriere machen. Als HR-Leiterin von Burckhardt Compression ist die 48-jährige heute verantwortlich für über 2000 Mitarbeitende weltweit. Wer nach oben will, muss mutig auftreten, sagt sie, und arbeitet am besten 100 Prozent.

Als Kind hielt sie mit ihrem sechs Jahre älteren Bruder Schritt. Sandra Pitt war schon immer zielstrebig.

Als Kind hielt sie mit ihrem sechs Jahre älteren Bruder Schritt. Sandra Pitt war schon immer zielstrebig. Bild: Madeleine Schoder

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Sandra Pitt hat sich schon immer hohe Ziele gesteckt. Als Kind eiferte sie ihrem älteren Bruder nach. Wo er hin ging, sie folgte ihm. Und sie hielt Schritt trotz sechs Jahren Altersunterschied. «Er musste mich überall hin mitnehmen, auch zum Fussballspielen», erzählt Pitt. «Er fand das nicht lässig. Ich fand's super. Heute habe ich die Schrittlänge eines Mannes.»

Aus dieser Jungs-Welt heraus wurde Pitt dann mit 12 Jahren in eine katholische Mädchen-Schule gesteckt. Ein Vorteil sei das gewesen, sagt sie, gerade in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Die Mädchen mussten nicht mit den Jungs wetteifern, die in diesen Fächern oft als talentierter wahrgenommen werden. Pitt war eine gute Schülerin.

Zuerst wollte sie Genetikerin werden - oder allenfalls Sportlerin. Nach drei Monaten Sportgymnasium merkte sie aber: «Das ist es nicht für mich» - und wechselte in ein naturwissenschaftliches Profil. Die Idee, Biologie zu studieren, verwarf sie in letzter Minute, da dieses Fach so «brotlos» sei und man zu lange studieren müsse. Pitt studierte dann Wirtschaftsinformatik.

«In allem, was ich tue, bin ich ehrgeizig. Ich verliere auch nicht gerne.»Sandra Pitt, HR-Leiterin Burckhardt Compression

Karriere zu machen, war schon immer ihr Ziel, sagt Pitt. «In allem, was ich tue, bin ich ehrgeizig. Ich verliere auch nicht gerne.» Nach dem Studienabschluss an der Berufsakademie in Mannheim hat sie an der American University in Washington DC einen MBA in «Finance und Human Resources» angehängt. «Wenn ich etwas mache, dann versuche ich das schon richtig zu machen», sagt sie.

Wegen ihrer Studienwahl war Pitt eigentlich immer mehrheitlich von Männern umgeben. Dennoch habe sie sich nie benachteiligt gefühlt, weil sie eine Frau sei, sagt sie. «Ich glaube, vieles ist auch einfach eine Einstellungssache, ich bin da ziemlich entspannt.»

Erkennen Sie ihr Baby noch?

Aber auch Pitt hat Erfahrungen mit den althergebrachten Rollenbildern gemacht. In Bewerbungsgesprächen sei ihr schon die Frage gestellt worden, was sie denn tagsüber mit ihren Kindern tue. In so einem Fall könne sie dann deutlich werden. «Bei Fragen, die Männern nicht gestellt werden, kann meine Freundlichkeit ziemlich schnell kippen.»

«Bei Fragen, die Männern nicht gestellt werden, kann meine Freundlichkeit ziemlich schnell kippen.»Sandra Pitt

Und 2007, nachdem sie mit ihrem Mann und den zwei Kindern in die Schweiz gezogen war, fragte sie ein ältererer Kollege bei einem Geschäftsleitungsessen, wo denn tagsüber ihre Kinder seien. «Der hatte eben so eine traditionelle Ansicht zu diesem Thema», sagt Pitt. Auf ihre Antwort, die Kinder seien in der Krippe, habe er gefragt: Ob sie denn ihr Baby noch erkenne, wenn sie es abends abhole oder ob sie einfach irgendeines der Kinder mitnehme. «Das war das Extremste, das ich diesbezüglich je erlebt habe.»

Die ersten vierzehn Jahre ihrer Karriere hatte Pitt für BASF gearbeitet. Zuerst in London, dann in Kopenhagen und Ludwigshafen, schliesslich in der Schweiz. «Der Konzern hat sehr früh versucht, auf Frauen zu setzen», erzählt sie. Man sei als Frau gezielt gefördert worden. Als Pitts Kinder 2005 und 2006 zur Welt kamen, habe sie sehr davon profitiert, dass die Firma eine eigene Kinderkrippe hatte.

«Das Problem mit Quote ist ja, dass es nichts Schlimmeres gibt, als dass dir als Frau das Attribut Quote anhängt.»Sandra Pitt

Während Pitt Betreuungsangebote für Kinder zentral findet, damit Frauen Karriere machen können, ist sie «absolut gegen eine Frauenquote». Jeder und jede solle gemäss seiner oder ihrer Leistung einen Job erhalten. Und jede Frau sei selbst verantwortlich, im Kleinen an der Förderung von Frauen zu arbeiten.

Ihr heutiger Arbeitgeber Burckhardt Compression habe zum Beispiel eine Frau im Verwaltungsrat, was bereits eine positive Ausnahme ist bei börsenkotierten Unternehmen in der Schweiz. «Das Problem mit Quote ist ja, dass es nichts Schlimmeres gibt, als dass dir als Frau das Attribut Quote anhängt.» Pitt glaubt auch nicht, dass junge Frauen mehr Vorurteilen ausgesetzt sind als als ältere. «Wichtig ist immer die Kompetenz zu dem Zeitpunkt, zu dem man einen Job hat.» Und es komme jeden Moment in der Karriere auf die Leistungsbereitschaft an.

Unter weissen Hemden

Pitt ist sich gewohnt, nur mit Männern zu arbeiten. Vor ein paar Wochen ist sie von einer Geschäftsreise nach Indien zurückgekehrt. Es gibt ein Gruppenbild von diesem Besuch: Pitt im schwarz-weissen Kleid inmitten von Männern in weissen Burckhardt-Hemden. Darüber kann sie lachen, denn sie wird ernst genommen von ihren Kollegen.

«Man muss auch einmal etwas verlangen, fordern, nachhaken - da sind Frauen oft zu zurückhaltend.»Sandra Pitt

Frauen, die Karriere machen wollen, rät Pitt zu «Mut und Zielstrebigkeit». «Man muss auch einmal etwas verlangen, fordern, nachhaken - da sind Frauen oft zu zurückhaltend.» Auch das Fachgebiet zu wechseln empfiehlt Pitt. Sie selber war in Dänemark für BASF im Strategischen Marketing tätig. «Ich hatte beim Stellenantritt keine Ahnung von Marketing, sprach kein Wort Dänisch, und war sofort für eine ganze Produktepalette verantwortlich.» Die ersten Wochen in diesem Job seien lang gewesen.

Zum Abendessen zu Hause, «wenn es geht»

Ein Vorbild hat Pitt nicht. Sie glaube an sich selbst, sagt sie. Orientiert habe sie sich jeweils an ihren Chefs. Networking sei wichtig. «Je mehr Leute man kennt und je mehr Leute einen selbst und die gute Leistung kennen, desto leichter wird es, wenn es um Referenzen und so weiter geht.» In den zwölf Jahren in der Schweiz habe sie sich hier ein gutes Netzwerk aufgebaut.

Sandra Pitt leitet von Winterthur aus über 2000 Mitarbeiter auf der ganzen Welt. Bild: mad

Pitt war 2010 von BASF zu Holcim gewechselt, 2015 dann zu Burckhardt Compression. Heute wohnt sie mit ihrer Familie in Küsnacht. An einem normalen Arbeitstag geht sie vor sechs Uhr aus dem Haus und ist um 6.45 Uhr im Büro. Dann hat sie eine gute Stunde Zeit, bevor um 8 Uhr die Sitzungen anfangen - sie sind durchgetaktet bis am Abend. Sie versuche, «wenn es geht», um 19 Uhr zuhause zu sein, um zusammen mit ihren Kindern zu essen, sagt Pitt. «Die sind jetzt mit 12 und 13 in einem Alter, in dem sie sich austauschen können, das ist uns wichtig als Familie.» Es komme auch ab und zu vor, dass sie am Wochenende arbeite, zum Beispiel, wenn die jährliche Tagung aller Führungskräfte weltweit ansteht.

Vollzeit oder Selbstbetrug

Burckhardt Compression hat 2400 Mitarbeiter weltweit und Pitt ist als Personalchefin für alles zuständig, was diese betrifft: Arbeitsbedingungen, Bezahlung, Worklife-Balance, Training, Entwicklung und mehr. Dazu ist Pitt Sparring Partner für ihren Vorgesetzten, den CEO, den CFO und die zwei Divisionsleiter, diese berät und unterstützt sie. Dass sie in ihrer Rolle immer zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmersicht immer hin und her wechseln müsse, falle ihr nicht schwer.

«Ab einer gewissen Position kannst Du nicht mehr von acht bis fünf arbeiten. Wenn Du was bewegen willst, geht das nicht.»Sandra Pitt

Was auffällt: Pitt arbeitete in ihrer Karriere immer 100 Prozent. «Auf dem Papier», wie sie ergänzt, «in der Realität eigentlich mehr. Teilzeit könnte ich nicht als Person, ich bin in dieser Beziehung eine Getriebene, sehr ehrgeizig.» Kader und Teilzeit-Arbeit findet Pitt überhaupt schwierig, sie denkt, dass es ab einem gewissen Niveau eine «Mogelpackung» ist. Man arbeite dann doch mindestens hundert Prozent, verdiene aber einfach nur 80 Prozent. «Und ab einer gewissen Position kannst Du nicht mehr von acht bis fünf arbeiten. Wenn Du was bewegen willst, geht das nicht.»

«Ich kann mir vorstellen, dass etwas mehr Mut helfen würde, statt auf der Strasse für den Feminismus zu demonstrieren.» Sandra Pitt

Der Frauenstreik, der für den 14. Juni angesagt ist, sei nicht so ihr Ding, sagt Sandra Pitt. Wenn man sich in die Feminismus-Ecke begebe, sei die Opferrolle nicht weit, und die behagt ihr nicht. Sie ist fest überzeugt, dass wenn Frauen viel leisten und das auch signalisieren, sie auch Erfolg haben. «Ich kann mir vorstellen, dass da etwas mehr Mut helfen würde, statt auf der Strasse für den Feminismus zu demonstrieren.» Ihre Kinder hat Pitt nach gleichen Massstäben erzogen. Sie ist sich sicher, ihre Tochter wird sich «nie weder von einem Mann noch von einer Frau die Wurst vom Brot nehmen lassen».

Pitt sieht ihre nächsten Jahre noch bei Burckhardt in Winterthur. Später, könne sie sich auch vorstellen, nochmals etwas anderes zu machen, nicht mehr HR, sondern eine andere operative Aufgabe. Oder ihre Erfahrung in einem Verwaltungsrat einzubringen. Wo auf der Welt sie überall arbeiten würde? Sie könne sich alles vorstellen, sagt Pitt. «Ich bin absolut mobil, ich würde überall hingehen, das war schon immer so.» Und ihre Familie? Die würde mitkommen.

Erstellt: 04.06.2019, 17:05 Uhr

Serie

Frauen in der Chefetage

In einer Serie stellt der «Landbote» in den nächsten Wochen Frauen in Spitzenpositionen vor. Sie lesen heute die erste Folge.

Fünf Fragen

Das macht mich glücklich: Meine Familie und meine Arbeit

Der häufigste Grund, dass ich mich ärgere: Unzuverlässigkeit

Das leiste ich mir, weil ich es kann: Dieses Jahr einen Besuch an den US Open in New York

Damit fahre ich am Abend runter: Mit der Zugfahrt nach Hause und einem guten Buch

Diesen Wunsch, möchte ich mir noch erfüllen: Eine Reise nach Australien mit der Familie

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