Winterthur

«Hier in Bern bin ich als Vermittler zwischen den Kulturen gefragt»

Nik Gugger (EVP)hat die ersten zwei Wochen als Nationalrat überstanden. Seine Stärke sieht er in der Entwicklungspolitik.

Nik Gugger ist im Nationalrat angekommen.

Nik Gugger ist im Nationalrat angekommen. Bild: zvg

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Nik Gugger, Sie sind in Ihrer ersten ­Session als Nationalrat. Haben Sie schon mehr graue Haare bekommen in den letzten Tagen?
Nik Gugger: Wenn mich die Politik stressen würde, müsste ich aufhören. Die Session ist intensiv, gerade weil wir das Budget besprechen, aber sie ist auch hoch spannend. Ich bin hier noch der Lehrling. Man hat aber eigentlich keine Zeit, sich einzugewöhnen, man muss sehr schnell lernen. Ich schwimme noch ein bisschen, ich habe Blätter um Blätter um Blätter auf dem Tisch. Da muss ich auch den Mut haben, einen Kollegen um Rat zu fragen.

«Ich schwimme noch ein bisschen, ich habe Blätter um Blätter auf dem Tisch.»Nik Gugger,
EVP-Nationalrat

Bleiben Sie jeweils in Bern oder pendeln Sie von Winterthur aus?
Ich habe ein Hotelzimmer in Bern. Ich hätte sonst vier Stunden Weg pro Tag. In den ersten zwei Wochen ist jeweils Donnerstagnachmittag schon fertig, es sind also nur zwei bis vier Nächte. Die Tage sind lang. Am letzten Montag waren wir erst um 22 Uhr fertig. Und morgens beginnen die Sitzungen um 8 Uhr.

Sie haben drei Kinder im Alter von 8, 11 und 15 Jahren. Wie vereinbaren Sie diese drei Wochen mit dem Familienleben?
Wenn wir mal früher fertig sind, wie am letzten Mittwoch, dann fahre ich nach Hause. Meine Söhne haben sich sehr gefreut. Ich sehe das auch als Teil meiner Aufgabe, dass ich mich gut organisiere und die Familie nicht zu kurz kommt.

Und die Restaurants Akazie und Concordia laufen ohne Sie?
Ja, in der Akazie habe ich einen Betriebsleiter und für das Concordia einen Geschäftsleiter. Sonst könnte ich nicht in den Nationalrat. Beim Concordia ist zudem auch meine Frau präsent. Sie ist da die gute Fee.

Sie sprechen Berndeutsch – meinen Ihre Parlamentskollegen jetzt, Sie hätten sich aber schnell akklimatisiert?
(lacht) Das hat mir sehr viel Goodwill gebracht, sozusagen ein unverdientes Geschenk.

Ich muss noch lernen in den Saal zu rennen, um abzustimmen.Nik Gugger,
EVP-Nationalrat

Wird man als Neo-Nationalrat herzlich aufgenommen oder muss man sich erst einmal Respekt verschaffen?
Ich bin sehr herzlich aufgenommen worden, über alle Parteien hinweg. Auch in der CVP-Fraktion, in der ich Einsitz habe.

Ist Ihnen im Nationalrat schon ein Fauxpas passiert?
Nein, aber ich muss noch lernen in den Saal zu rennen, um abzustimmen.

Jeder Nationalrat kann zwei Badges für das Bundeshaus vergeben. Wem haben Sie so den Zutritt verschafft?
Den einen Badge vergebe ich nicht, der ist für meinen persönlichen Mitarbeiter reserviert. Den anderen behält Werner Müller vom Naturschutzverein Birdlife. Er hatte ihn schon während Maja Ingolds und Ruedi Aeschbachers Zeit im Nationalrat. Ich möchte damit ganz bewusst ein Zeichen setzen. Mir ist es wichtig, dass der Naturschutz weiterhin Zugang hat zum Parlament.

«Mir ist es wichtig, dass der Naturschutz Zugang zum Parlament hat.» Gugger gab dem Naturschutzverein seinen Badge für das Bundeshaus. Bild: zvg

Und welche Interessenbindungen haben Sie angegeben?
Ich habe ja praktisch keine Interessenbindungen. Aber angegeben habe ich natürlich die reformierte Fabrikkirche in der Akazie, das Restaurant Concordia und die Sitze in den Verwaltungsräten der Herzkraftwerk AG und der Mietauto AG.

An Ihrer Vereidigung war sogar der indische Botschafter dabei. Ist Ihnen dieses Attribut des ersten Nationalrats mit indischen Wurzeln nicht etwas fremd? Sie sind ja in der Schweiz mit Schweizer Eltern aufgewachsen.
Nein, das ehrt mich sogar. Meine Eltern haben immer die indischen Freundschaften gepflegt und ich tue das bis heute. Aber die Sprache spreche ich nicht, wir haben immer Englisch gesprochen.

«Simonetta Sommaruga interessiert sich für meine Schwerpunkte.»Nik Gugger,
EVP-Nationalrat

Wofür wollen Sie Ihr Nationalratsmandat nutzen? Haben Sie schon konkrete Pläne?
Ich möchte mich in der Entwicklungspolitik engagieren, da bringe ich als gebürtiger Inder den passenden Hintergrund mit. Auch bin ich hier als Vermittler zwischen den Kulturen gefragt. Und ich möchte mich für Arbeit statt Fürsorge einsetzen. Am Mittwoch habe ich übrigens Bundesrätin Simonetta Sommaruga kennengelernt. Sie interessierte sich für meine Schwerpunkte.

Haben Sie ein konkretes politisches Ziel?
Ich möchte mich dafür einsetzen, dass sich Leute, die aus anderen Ländern in die Schweiz kommen und hier Sozialhilfe beziehen, sich schneller selbst einbringen und ihren Beitrag zur Wertschöpfung in diesem Land leisten können. Ebenfalls werde ich mein Ziel aus dem Kantonsrat weiterverfolgen und mich für die Arbeitsintegration der Über-50-Jährigen einsetzen. Meine Idee diesbezüglich wäre ein lineares Modell bei der Pensionskasse: Der Arbeitgeber soll für eine 50-jährige Person gleich hohe Pensionskassenbeiträge bezahlen, wie für eine 25-Jährige.

Und inwiefern wollen Sie sich in Bern für Winterthur einsetzen?
Es liegt an den Stadträten auf mich zuzukommen mit Anliegen, die den Bund angehen. Ich bin darauf angewiesen, dass sie das Gespräch mit mir suchen.

(Der Landbote)

Erstellt: 07.12.2017, 16:47 Uhr

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