Winterthur

«Hier kann ich mehr bewirken als im Zoo Zürich»

Seit dem 1. August führt Thomas Rothlin den Tierpark Bruderhaus. Der 30-Jährige hat vorher zehn Jahre lang im Zoo Zürich gearbeitet.

Die Sikahirschdamen?fühlen sich unter dem neuen Wildpark-Leiter Thomas Rothlin offenbar wohl.

Die Sikahirschdamen?fühlen sich unter dem neuen Wildpark-Leiter Thomas Rothlin offenbar wohl. Bild: Heinz Diener

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Thomas Rothlin bewegt sich im Wildpark Bruderhaus bereits, als arbeite er schon jahrelang hier. «Gibt es heute etwas früher Futter?», lockt er die vietnamesischen Sikahirschdamen, die mit ihm fürs Foto posieren sollen. Dabei ist er sich anderes gewohnt.

Zehn Jahre lang arbeitete Rothlin im Zoo Zürich und war zum Schluss als Obertierpfleger zuständig für die Abteilung Exotarium, sprich «alle Tiere, die es gerne warm haben», darunter auch die Masoala-Halle. Mit der Entscheidung, ab 1. August die Stelle als Leiter des Wildparks Bruderhaus zu übernehmen, hat er also Faultiere gegen Mufflons (Wildschafe) und Ameisenbären gegen Przewalskipferde eingetauscht.

Wisent stärker bedroht als Nashorn

Eine schwierige Entscheidung sei dies aber nicht gewesen, sagt Rothlin. «Ich bin Tierpfleger aus Leidenschaft, ich kann mich für jedes Tier begeistern.» Und schon beginnt er die Geschichte der Wisente und der Przewalskipferde zu erzählen. Zwölf Wisente gab es in den 1920er-Jahren noch auf der Welt. Dank eines Zuchtprogramms, an dem auch das Bruderhaus beteiligt ist, sind es heute wieder drei- bis viertausend Tiere. «Der Wisent und das Przewalskipferd sind aber Tierarten, die heute immer noch bedrohter sind als zum Beispiel das Nashorn», sagt Rothlin. Fakten, die die meisten Leute nicht kennen. Die Menschen würden oft mehr über exotische Tierarten wissen als über die einheimischen, bedauert er. Etwas, das er mit seiner neuen Arbeit ändern will.

«Das beweist Grösse»

Im Zürich Zoo hatte der 30-Jährige 15 Leute unter sich. Nun sind sie noch zu zweit. Der ehemalige Leiter Walter Jucker ist freiwillig von seinem Posten zurückgetreten, um den Jüngeren die nächsten vier Jahre, die vor der Pensionierung noch übrig sind, einarbeiten zu können. «Das ist nicht selbstverständlich und zeigt Grösse», sagt Rothlin bewundernd. Für ihn hat die Grösse des Betriebs nur Vorteile: «In einem kleineren Betrieb wie hier kann ich deutlich mehr bewirken.» Die Dienstwege seien kürzer, die Entscheidungsfreiheit grösser. Etwas, was ihm als Macher und ehemaligen Forstwart liegt. Die Wälder, etwa derjenige im Wolfsgehege, werden hier selber gepflegt. Im Zoo Zürich musste er diese Arbeit anderen überlassen.

Rothlin wirkt zielstrebig, einer, der weiss, was er will. Mit 20 Jahren heiratete er. «Alle dachten damals, meine Frau sei schwanger», sagt er lachend. War sie nicht. Es sei einfach klar gewesen, dass es passe, sagt Rothlin und zuckt mit den Schultern. Mittlerweile ist der 30-Jährige Vater von zwei Söhnen. Tierpfleger wollte Rothlin schon immer werden. Es sei ihm aber empfohlen worden, zuerst eine handwerkliche Lehre zu machen. Gesagt, getan. Direkt danach kam er zu einer der beliebten Ausbildungsstellen im Zoo Zürich und arbeitete sich die nächsten zehn Jahre bis zu einem von fünf Oberpflegern hoch. «Ich habe mich einfach immer auf die nächste Stelle beworben und wurde jedes Mal genommen», sagt er. Auf eine Karriere aus sei er nicht. «Ich bin ein Realist und stecke mir nur Ziele, die ich auch erreichen kann», sagt er. Etwas nachzuträumen, sei Zeitverschwendung. Auf die Frage, was er im Leben noch erleben wolle, zögert er lange und sagt dann doch «eine längere Reise nach Südamerika», dem Kontinent mit spannender Tierwelt, aus dem die meisten seiner ehemaligen Schützlinge im Zürich Zoo stammten, lautet die bescheidene Antwort.

«Streicheleinheiten für Ingolf»

Wenn er nach Hause kommt, nach Oerlingen im Weinland, seinem Heimatdorf, begrüssen ihn nicht nur seine Familie, sondern auch Katzen, ein Hund – und eine Schlange. Im Nachbarsdorf warten noch sieben Lamas, Ziegen und zwei Poitou-Esel. Gemeinsam mit seiner Frau bietet er Lama-Trekkings an. Vor allem seine Frau, die nebenbei noch in der Pflege arbeitet, gebe dort Vollgas. Dieses Jahr seien sie mit Anfragen überschwemmt worden.

Die beiden Tierarten, die der 30-Jährige im Wildpark am meisten vermisst, sind Tapire und Ameisenbären, diese beiden ältesten Säugetierarten der Welt. Wenn aber Ingolf, der Wisentstier, seine morgendlichen Streicheleinheiten fordere, dann wisse er, dass er am richtigen Ort sei. (Der Landbote)

Erstellt: 28.08.2016, 20:14 Uhr

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