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Hinter dem geplanten Demenzheim steckt eine Briefkastenfirma

Der vom Stadtrat vorgeschlagene Verkauf von zwei zentralen Grundstücken für Altersprojekte gibt Rätsel auf. Käuferin ist eine Zürcher Briefkastenfirma, die tatsächlichen Investoren blieben ungenannt – bis jetzt. Eine Spurensuche.

2014 weihten sie im deutschen Weil am Rhein ein Pflegeheim ein, nun planen sie Grossprojekte in Winterthur: Die Brüder Pinchas und Samuel Schapira, ein Vertreter von Stella Vitalis und ein der lokale Oberbürgermeister (v.l.).
2014 weihten sie im deutschen Weil am Rhein ein Pflegeheim ein, nun planen sie Grossprojekte in Winterthur: Die Brüder Pinchas und Samuel Schapira, ein Vertreter von Stella Vitalis und ein der lokale Oberbürgermeister (v.l.).
Weiler Zeitung/Jasmin Soltani

Der Landverkauf, über den Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) letzte Woche informierte, hat in Winterthur Skeptiker auf den Plan gerufen. Nicht nur die SP wundert sich über die «fragwürdige Immobilienfirma», an welche die zwei Parzellen verkauft werden sollen, und kündigte Widerstand im Parlament an. Auch bei vielen Lesern des «Landboten» hat der Deal Fragen provoziert. Als Käuferin der Grundstücke - eines davon auf dem Reitwegareal an der Zeughausstrasse, das andere an der Wydenstrasse in Wülflingen - wurde die Stella Vitalis Real Estate AG genannt. Die Firma existiert seit 2014 und ist mit einem Aktienkapital von 100 000 Franken eher minimalistisch ausgestattet. Eine eigene Adresse besitzt sie nicht, sie ist bei der Format A AG einquartiert, einem Consulting-Unternehmen mit Büros an der Pfingstweidstrasse in Zürich.

Ein Blick ins Handelsregister zeigt ausserdem: Die Geschäftsführerin der Format A AG steht gleichzeitig dem Verwaltungsrat der Stella Vitalis Real Estate AG vor. Mit ihr sitzt auch eine Prokuristin des Beratungsunternehmens im Verwaltungsrat.

Kurzum: Es ist eine Struktur, wie sie Briefkastenfirmen kennzeichnet.

Überall Schweigen

Wer verbirgt sich hinter der Stella Vitalis AG? Wer ist der Eigentümer und wer bringt die 15 Millionen Franken für den Landkauf sowie Dutzende weitere Millionen für den geplanten Bau von Alterswohnungen und einem Dementenheim mit? Die Format A AG lässt eine Zuschrift des «Landboten» unbeantwortet. Auch ein Anruf bei einer beteiligten Person bleibt ohne Ergebnis – man dürfe nichts sagen, heisst es nur.

Dasselbe Bild in Deutschland, wo die gleichnamige Stella Vitalis GmbH in mehreren Bundesländern Seniorenzentren betreibt: Das Unternehmen lässt eine Anfrage nach ihrer allfälligen Rolle in Winterthur liegen. In den elf Jahren ihres Bestehens hat Stella Vitalis in Deutschland ein beachtliches Wachstum hingelegt. 17 Seniorenzentren entstanden in einem Jahrzehnt. Die Firma tritt jeweils als Betreiberin auf, Immobilien und Land gehören zwischengeschalteten Firmen.

Eine Familie mit Geld

Woher das Geld für das Wachstum von Stella Vitalis kommt, offenbarte sich beim Bau des Pflegeheims in Weil am Rhein. Hier erschienen die Brüder Pinchas und Samuel Schapira 2014 zu Spatenstich und Fototermin. Und auch ihr Bruder Isaac Schapira liess sich 2015 von der örtlichen Zeitung bei der Einweihung fotografieren. Es sind seltene Bilder einer Familie, die offenbar hunderte von Millionen bewegt, öffentliche Auftritte aber entschieden meidet.

Erst letzten November hat die international tätige Investorenfamilie von der Bremer Sparkasse ein 11 000 Quadratmeter grosses Grundstück in der Bremer Innenstadt gekauft. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Lokale Medien gehen von rund 50 Millionen Euro aus und geplanten Investitionen in fünffacher Höhe.

Ein Dickicht von Firmen

Die von der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt Radio Bremen produzierte Fernsehsendung «buten un binnen» widmete den Käufern kürzlich eine vertiefte Recherche. Der Beitrag kommt zum Schluss, das «Schapira Family Office» sei «ein unüberschaubares Geflecht aus zahlreichen Gesellschaften und Holdings, die ihren Sitz unter anderem in Luxemburg und auf Zypern haben».

Holdings, die wiederum zum Teil von Gesellschaften mit Sitz auf den Virgin Islands gegründet wurden. Welchem Zweck dieses verworrene Netz von Firmen dient, darüber kann nur spekuliert werden.

Wie aber kommen die Schapiras auf Winterthur? Einen Bezug zur Schweiz hat die Familie, seit ihr Vater vor den Nazis aus Polen geflüchtet war. Nach einem Aufenthalt in der Schweiz emigrierte er 1949 nach Israel, wo er ein Teppich-Unternehmen gründete und für die Ultra-Orthodoxe Agudat Yisrael-Partei zeitweilig in der Knesset sass. In Winterthur besitzt die Familie ein Grundstück in Oberwinterthur und hat bereits früher nach Investitionsmöglichkeiten gesucht.

Man kennt sich schon länger

Stadtpräsident Michael Künzle sagte letzte Woche, er habe die Investoren getroffen und einen guten Eindruck gewonnen. Namen nannte er nicht, und beliess es zunächst bei dieser Diskretion.

Auf erneute Nachfrage sowie den Hinweis auf die geplante Berichterstattung, bezog Künzle gestern am fortgeschrittenen Nachmittag dann doch Stellung zu den Fragen: Warum der Stadtrat einen Verkauf an ein Unternehmen mit einer so verästelten Struktur in Erwägung zieht. Und warum der Käufer nicht via Wettbewerb oder Bieterverfahren ermittelt wurde?

Künzle bestätigt, dass er mit der Familie Schapira in Kontakt steht. Und das nicht zum ersten Mal. Zuletzt habe man beim Verkauf des Teuchelweiher-Parkhauses Gespräche geführt. «Die Investoren sind nicht fremd, sie haben in der Schweiz schon andere Projekte finanziert und umgesetzt und arbeiten mit Schweizer Partnern zusammen», sagt er. «Wir haben keinen Grund unserem Vertragspartner zu misstrauen.» Allein der Umstand, dass der Vertragspartner vermögend sei, ändere daran nichts.

Zu Wettbewerb und Bieterverfahren sagt Künzle, diese seien bei Grundverkäufen nicht üblich – eine Aussage, für die sich Gegenbeispiel finden lassen, wie das Vorgehen bei der Zeughauswiese. Laut Künzle war es die Investorenfamilie, die mit der Idee auf die Stadt zukam, in Hegi eine Demenzklinik zu bauen. Das war aber nicht zonenkonform, so kamen die zwei städtischen Grundstücke ins Spiel.

Hinter vorgehaltener Hand heisst es derweil, selbst in der Stadtverwaltung fehle das Verständnis für den anvisierten Deal. Das Geschäft sei gegen alle internen Widerstände durchgedrückt worden.

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