Zürcher Wahlen 2019

Historische Chance für Winterthur

Im 20. Jahrhundert sass während Jahrzehnten niemand aus Winterthur in der Zürcher Kantonsregierung. Nächsten Frühling gibt es hingegen einen regelrechten Ansturm.

Das letzte Winterthurer Doppel: Anno 1877 sassen mit dem Liberalen Wilhelm Hertenstein (links) und dem Demokraten und «Landbote»-Redaktor  Gottlieb Ziegler letztmals zwei Vertreter der Stadt Winterthur in der Zürcher Kantonsregierung.    Fotos: winbib/Landbote-Archiv

Das letzte Winterthurer Doppel: Anno 1877 sassen mit dem Liberalen Wilhelm Hertenstein (links) und dem Demokraten und «Landbote»-Redaktor Gottlieb Ziegler letztmals zwei Vertreter der Stadt Winterthur in der Zürcher Kantonsregierung. Fotos: winbib/Landbote-Archiv Bild: winbib/Landbote-Archiv

141 Jahre: So lange war Winterthur nicht mehr doppelt in der Zürcher Kantonsregierung vertreten. Nächsten März könnte sich das ändern. Denn die Regierungsratswahl vom 24. März 2019 ist hochgradig «winterthurerisch»: Neben der Bisherigen Jacqueline Fehr (SP) tritt mit Natalie Rickli (SVP) eine zweite Winterthurerin mit sehr guten Wahlchancen an. Mit Martin Neukom (Grüne) steht gleich noch ein dritter Winterthurer im Rennen. Thomas Vogel (FDP), wie Rickli ein Favorit für einen der beiden frei werdenden Sitze, kommt aus Effretikon. Und kürzlich ist die BDP-Kandidatin Rosmarie Quadranti nach Illnau gezogen, beide wohnen also auch in der Region. Wie oft war Winterthur überhaupt schon in der Kantonsregierung vertreten? Und auch schon doppelt oder dreifach? Der «Landbote» wollte es genauer wissen und hat ein paar Zahlen aus den Archiven ausgegraben.

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88 Politiker und Politikerinnen sassen seit 1869 in der Zürcher Regierung. Davon hatten gemäss Staatskanzlei elf ihren Wohnsitz zeitweise in Winterthur. Von diesen elf ist nur jemand eine Frau, die jetzige Justizdirektorin Jacqueline Fehr.

1939 Seit diesem Jahr waren Winterthurer in der Zürcher Regierung eine absolute Rarität: In der ganzen Nachkriegszeit war Winterthur nur gerade dreimal im Gremium vertreten. Neben der jetzigen Jacqueline Fehr waren dies der CVP-Politiker Hans Hollenstein, der 2005 gewählt wurde, die Wiederwahl 2011 aber nicht schaffte, und der SP-Mann Arthur Bachmann (von 1967 bis 1983 im Regierungsrat).

22 Jahre war die Zürcher Regierung vor der Hollenstein-Wahl also «winterthurerlos», von 1983 bis 2005. Allerdings war in dieser Zeit mit dem Seuzacher SVP-Politiker Jakob Stucki (von 1971 bis 1991) immerhin ein Nachbar dabei. Seine Ära überschnitt sich mit der Amtszeit des sozialdemokratischen Winterthurer Justizdirektors Arthur Bachmann; ein reines Winterthurer Duo war das aber nicht.

28 Jahre dauerte die Durststrecke vor der Wahl Bachmanns: Von 1939 bis 1967 war Winterthur im Regierungsrat nie vertreten. Zur Überbrückung der historischen Abneigung zwischen Eulach- und Limmatstadt hat diese lange Absenz in der Kantonsregierung sicher nicht beigetragen.

70 Jahre lang war Winterthur davor lückenlos im Regierungsrat präsent, von 1869 bis 1939. In den 1920er-Jahren wäre es dabei auch zu Doppelvertretungen gekommen, hätten die Politiker ihrer Heimatstadt die Treue gehalten. Doch zwei Regierungsräte zogen während ihrer Karriere aus Winterthur fort – ausgerechnet nach Zürich. Der Grütlianer Ernst Heinrich, der in der Chronik der Regierungsräte von Stefan G. Schmid als ein «allem Revolutionärem abholden Arbeitervertreter» beschrieben wird, zügelte sogar während seiner Amtszeit: 1897 als Winterthurer in die Kantonsregierung gewählt, wohnte er schon ab 1898 in Zürich-Oberstrass.

23 Jahre blieb Heinrich daraufhin im Amt. Der kürzere Arbeitsweg ins Zürcher Rathaus sorgte offenbar für viel Jobzufriedenheit. Ein weiteres Regierungsratsmitglied, der Grütlianer Emil Walter, kehrte Winterthur während seiner Laufbahn den Rücken. Er zog nach Zürich, nachdem er 1910 aus dem Winterthurer Stadtrat abgewählt worden war. Als er 1920 in die Kantonsregierung gewählt wurde, lag seine Winterthurer Zeit daher schon weit zurück. Und ob er sich nach der Wahlschlappe in Winterthur im Regierungsrat noch gross für seine Heimatstadt engagierte, bleibe dahingestellt.

1877 Bis in dieses Jahr muss man darum zurückgehen, um eine Doppelvertretung von in Winterthur wohnenden Politikern in der Kantonsregierung zu finden. Damals sassen Gottlieb Ziegler (von 1869 bis 1877) und der Liberale Wilhelm Hertenstein (von 1872 bis 1879) gleichzeitig im Regierungsrat. Davor bildete Johann Jakob Scherer (von 1866 bis 1872) zusammen mit Ziegler ein Winterthurer Duo. Letztere waren beide Vertreter der Demokratischen Partei, die mit der Einführung der neuen Kantonsverfassung am 18. April 1869 einen grossen Erfolg errungen hatte. Damals wurde die Volkswahl des Regierungsrats eingeführt – und die Demokraten konnten gleich alle sieben Sitze erobern. Die von der demokratischen Bewegung geprägte Verfassung führte auch andere Neuerungen wie das Referendum ein und war wegweisend für den Ausbau der direkten Demokratie in der Schweiz. Sprachrohr der Demokraten war übrigens der «Landbote», bei dem Gottlieb Ziegler von 1877 bis zu seinem Tod im Jahr 1898 Redaktor war.

3 Winterthurer in der Kantonsregierung, das gab es hingegen noch gar nie. Eine gemeinsame Wahl von Jacqueline Fehr, Natalie Rickli und Martin Neukom, wäre daher nicht nur eine parteipolitische Überraschung, sondern sogar eine historische Sensation. Auch die Wahl von Fehr und Rickli wäre ein absolutes Novum: Denn zwei Winterthurer Frauen im Zürcher Regierungsrat gab es bisher auch noch gar nie.

Jakob Bächtold

Anmerkung: Albert Locher (im Regierungsrat von 1893 bis 1914) wird in diesem Artikel nicht als Winterthurer Regierungsrat gezählt. Die Zürcher Staatskanzlei führte ihn nicht als Winterthurer auf, wohl weil nicht belegt ist, ob der ehemalige Wülflinger Pfarrer (Wülflingen gehörte bis zur Eingemeindung von 1922 nicht zur Stadt) je in der Stadt Winterthur gewohnt hat. Wertet man Locher als Winterthurer, gab es im Jahr 1897 eine kurze Doppelvertretung mit Winterthurern in der Kantonsregierung, bis Locher und Heinrich Ernst 1898 nach Zürich umzogen.

Erstellt: 28.11.2018, 06:37 Uhr

Zürcher Wahlen 2019

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