Unerfüllter Kinderwunsch

«Alle warten, bis du sagst, du bist schwanger»

Wie ist es, wenn Kinder Kriegen nur mit medizinischer Hilfe Geht? Eine 30-jährige Winterthurerin erzählt.

2016 wurde jedes fünfzigste Kind in der Schweiz mithilfe von künstlicher Befruchtung gezeugt.  Foto: Steve Zugschwerdt

2016 wurde jedes fünfzigste Kind in der Schweiz mithilfe von künstlicher Befruchtung gezeugt. Foto: Steve Zugschwerdt

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«Den konkreten Plan, Kinder zu bekommen, hatten wir kurz nach unserer Hochzeit. Das war vor gut zwei Jahren, wir waren beide 27. Wir sind schon über zehn Jahre zusammen und für uns war immer klar, dass wir irgendwann eine Familie gründen möchten. Ein Leben ohne Kinder wäre für uns unvorstellbar.

Nachdem wir es ein Jahr lang erfolglos versucht hatten, gingen wir in die Kinderwunschbehandlung in Winterthur. Ich hatte gerade begonnen, hier als Ärztin zu arbeiten.

Zuerst haben wir es mit einer Hormontherapie versucht. Das bedeutet: Hormonspritzen in der ersten Zyklushälfte, danach Progesteron-Tabletten. Pro Monat hatte ich drei Ultraschalltermine, um den Eisprung zu bestimmen. Gleichzeitig haben wir es zweimal mit einer sogenannten Insemination versucht, einer künstlichen Besamung, aber das hat auch nicht geklappt.

Währenddessen haben wir abgeklärt, ob es einen Grund gibt für unsere Kinderlosigkeit: Sind vielleicht die Eileiter zu, ist das Sperma schlecht oder liegt es an den Eizellen? Alle Resultate waren gut, wir wissen bis heute nicht, an was es gelegen hat. Nach einem Jahr ohne Erfolg mussten wir uns Alternativen überlegen.

«In den letzten zwölf Monaten habe ich mir etwa 110 Spritzen setzen müssen und war mindestens 30 Mal im Ultraschall. Jeden Monat die Enttäuschung, dass es wieder nicht funktioniert hat, ist hart. »

Wir haben einen Monat überlegt und uns dann für eine künstliche Befruchtung entschieden. Das ist nochmals aufwendiger. Ich musste mir jeden Abend um 10 Uhr eine Spritze in den Bauch setzen. Die Spritzen dürfen nicht zu warm gelagert werden, was im Sommer ein Problem war. Die Medikamente sind sehr teuer und die Behandlung wird nicht von der Krankenkasse übernommen.

Bis zum Eisprung setzt man etwa zehn Spritzen, das merkt man, die Eierstöcke sind gross, der Bauch geschwollen. Genau 36 Stunden nach dem Eisprung muss man unter einer Kurznarkose die Eizellen entnehmen. Diese werden dann mit dem Sperma des Partners noch am selben Tag im Labor zusammengebracht. Fünf Tage später weiss man, ob und wie viele Eizellen überlebt haben, und kann sich einen Embryo einsetzen lassen. Das bedeutet aber lange nicht, dass es geklappt hat! Ist man jung und gesund, liegen die Chancen bei 50 Prozent. Viele Paare müssen es mehrmals versuchen.

In den letzten zwölf Monaten habe ich mir etwa 110 Spritzen setzen müssen und war mindestens 30 Mal im Ultraschall. Zum Glück habe ich die Hormone gut vertragen. Trotzdem war das alles sehr anstrengend. Jeden Monat die Enttäuschung, dass es wieder nicht funktioniert hat, ist hart. Ich war dann jeweils ein paar Tage niedergeschlagen, hatte bald wieder Hoffnung für den nächsten Monat und wurde wieder enttäuscht.

Die vielen Termine mit einem vollen Arbeitspensum zu vereinbaren, ist schwierig. Die Sprechstunden um sieben Uhr morgens sind praktisch. Dass ich Schicht arbeite, machte es auch einfacher. Aber die Termine kann man oft nicht frei wählen, es gibt teilweise Zeitfenster von nur einem Tag.

Manchmal kam die Antwort: «Jetzt darfst du dich einfach nicht stressen lassen.» Das konnte ich nicht hören!

Auf der Arbeit habe ich nicht gesagt, dass ich in einer Kinderwunschbehandlung bin. Sonst ist immer der Druck von den Kollegen da: Alle warten darauf, bis ich sage, dass ich schwanger bin. Das hätte mich noch mehr gestresst. Und auch für die Verlängerung meines befristeten Arbeitsvertrages wäre es wohl nicht von Vorteil gewesen.

Unseren engsten Freunden haben wir es schon nach ein paar Monaten vergeblichen Hoffens gesagt, damit dieser Druck nicht noch grösser wird. Nicht, dass sie mich ständig beobachten: Trinkt sie jetzt Alkohol oder nicht? Die meisten reagierten sehr gut. Vereinzelt kam die Antwort: «Jetzt darfst du dich einfach nicht stressen lassen.» Das konnte ich nicht hören!

Was wirklich schwierig war, ist, wenn gute Freundinnen schwanger wurden, nachdem sie es zwei oder drei Monate probierten. Das passierte mehrmals. Und je länger das so ging, desto schwieriger wurde es. Dann gratulierst du trotzdem, sagst, «Oh, cool!» und denkst selbst: «Nicht schon wieder jemand.»

Meinen Eltern haben wir es erst kurz vor der künstlichen Befruchtung erzählt. Ich wollte den Druck nicht noch steigern. Ich wich bei ihrem Nachfragen immer aus bei den entsprechenden Fragen und brachte die Ausrede, ich befände mich ja noch in Ausbildung.

Dass man bei uns keine Ursache gefunden hat, hat mich sehr belastet. Mit einem Ergebnis hätte ich mich immerhin abfinden können. Mein Mann war da lockerer, er hätte noch länger gewartet, vor allem vor der künstlichen Befruchtung. Ich hatte mehr Zeitdruck, vor allem auch, weil ich einmal mehr als ein Kind möchte. Zu Beziehungsproblemen kam es deshalb aber nicht.

«Je nachdem hatte ich Spätdienst, kam erst nach Mitternacht nach Hause, war total müde und wusste: Jetzt müssen wir Geschlechtsverkehr haben»

Schwierig war einzig der getimte Sex während der Hormonbehandlung. Je nachdem hatte ich Spätdienst, kam erst nach Mitternacht nach Hause, war total müde und wusste: Jetzt müssen wir Geschlechtsverkehr haben oder sonst war es wieder für nichts.

Vorbehalte gegenüber unserer Kinderwunschbehandlung hatten unsere Freunde nicht. Einige waren erstaunt, dass es auch in unserem Alter schon Unfruchtbarkeit gibt. Aber klar, man liest die klassischen Argumente gegen künstliche Befruchtung immer wieder: Man solle nicht künstlich eingreifen, das sei Schicksal. Das ist wirklich ein doofes Argument! Wenn man mit 45 Brustkrebs bekommt, dann wollte Gott oder das Schicksal vielleicht, dass man mit 46 stirbt. Aber das nimmt man auch nicht so einfach hin.

Künstliche Befruchtung ist teuer. 7500 Franken haben wir für eine Behandlung bezahlt. Wir haben das Glück, dass wir beide gut verdienen. Mein Mann arbeitet bei einer Versicherung in Zürich. In Deutschland wird die künstliche Befruchtung von der Krankenkasse übernommen, in der Schweiz nicht. Ich finde es ungerecht, wenn das gewissen Menschen den Zugang verunmöglicht.

Wir haben uns auch Alternativen überlegt, eine davon war die Adoption. Ich habe mich damit befasst, alles dazu recherchiert. Adoption ist um einiges komplizierter als die künstliche Befruchtung, es gibt immer weniger Kinder, die freigegeben werden, es geht länger und ist teurer. Der administrative Aufwand ist zudem gewaltig. Wenn gewisse Leute sagen, man solle doch lieber arme, afrikanische Kinder adoptieren als sich von der Ärztin helfen lassen, macht mich das wütend. Diese Leute haben sich einfach noch nie darüber informiert!

Im August haben wir schliesslich die künstliche Befruchtung durchgeführt und es hat beim ersten Mal direkt funktioniert. Das war ein echt schönes Gefühl, auch wenn ich zuerst noch die Angst hatte, das Kind zu verlieren. Im April 2019 ist es soweit. Bald wissen wir auch, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Namensideen habe ich schon, die verrate ich aber nicht.»

(Der Landbote)

Erstellt: 09.11.2018, 15:51 Uhr

Wissenswertes zur Reproduktionsmedizin

Seit 40 Jahren gibt es die künstliche Befruchtung: Am 25. Juli 1978 kam mit der Britin Louise Joy Brown das erste «Retortenbaby» in Oldham, im Nordwesten Englands, zur Welt. Seither wurden weltweit über fünf Millionen Kinder mittels In-Vitro-Fertilisation (IVF) geboren.

2 Prozent: In der Schweiz wird jedes fünfzigste Kind mit künstlicher Befruchtung gezeugt. 2016 liessen sich laut Bundesamt für Statistik schweizweit 6049 Frauen wegen eines unerfüllten Kinderwunsches medizinisch behandeln. Bei knapp der Hälfte der Frauen (41,5 Prozent) kam es zu einer Schwangerschaft.

Fünf von sechs Paaren werden ohne ärztliche Hilfe Eltern. Früher brauchten weniger medizinische Hilfe, um schwanger zu werden. Hauptfaktor ist laut Reproduktionsmediziner Monika Fäh das Alter der Frauen: «Vor 20 Jahren war eine Frau bei der ersten Geburt durchschnittlich 22 Jahre alt, heute ist sie 32 beim ersten Kind.» Hinzu komme, dass die Spermienqualität abgenommen habe.

12 Monate: Von Unfruchtbarkeit spricht man, wenn ein Paar nach einem Jahr regelmässigem Sex nicht schwanger geworden ist. Dann macht es Sinn, sich medizinisch beraten zu lassen.

Die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin sind vielfältig, nicht alles wird aber von den Kassen bezahlt. Übernommen werden Hormonspritzen (ein Jahr lang) und die Insemination. Künstliche Befruchtung hingegen muss selbst bezahlt werden. Auch das «social freezing», das Einfrieren der Eizellen auf Zeit, wird nicht bezahlt. Die Behandlung kostet zwischen 3500 und 5000 Franken.

Restriktiv I: Die Schweiz ist bei der Reproduktionsmedizin strenger als andere. So sind im nahen Ausland beispielsweise die Eizellen- oder Embryonenspende erlaubt. In den USA, in Indien oder der Ukraine ist es möglich, mittels Leihmutterschaft ein Kind zu bekommen.

Restriktiv II: Zugang zu Reproduktionsmedizin haben bis heute nur verheiratete, heterosexuelle Paare. Single-Frauen oder homosexuelle Paare sind davon ausgeschlossen

Monika Fäh (44) ist Reproduktionsmedizinerin und hat im Februar die erste Kinderwunschpraxis in Winterthur eröffnet.

«Die Betroffenen schämen sich»

Warum Kinderlosigkeit kein Schicksal, sondern eine Krankheit ist.

Gewisse Paare kommen um 7 Uhr morgens zu Ihnen, damit sie bei der Arbeit nicht fehlen und dort nicht über den Kinderwunsch sprechen müssen. Warum?
Monika Fäh:Viele meiner Patientinnen sind berufstätig und möchten unerkannt in die Praxis kommen. Darum haben wir früh morgens und zweimal pro Woche am Abend geöffnet. Zudem sind im selben Gebäude noch ein Fitnesscenter, Arztpraxen und ein Hotel.

Weshalb möchte eine Frau
unerkannt bleiben?
Sobald das berufliche Umfeld von einer Behandlung erfährt, wird sie bei der Arbeit nicht mehr gefördert: Weiterbildungen werden gestrichen, Beförderungen bleiben aus. In Kaderfunktionen sind heute Leute gesucht, die bereit sind, Überdurchschnittliches zu leisten. Frauen mit Familienwunsch schaffen das häufig nicht. Darum möchten sie sich nicht outen.

Mit Freunden und Familie
spricht man aber auch nicht.
Wenn die Betroffenen davon erzählen, dann nur im engsten Freundes- oder Familienkreis. Häufig auch, weil sie sich schämen. Sie schämen sich, dass sie unerwünscht kinderlos bleiben. Das ist für die Frau wie auch für den Mann schwierig.

Woher kommt dieses Gefühl?
Früher hiess es, dass ein Mann, der zeugungsunfähig ist, kein richtiger Mann ist. Daher kommt auch der Ausdruck «Schlappschwanz». Das ist beleidigend und verletzend.

Was braucht es, dass man
mehr darüber spricht?
Ein Umdenken, dass unerfüllter Kinderwunsch keine Schande ist…

Sondern?
...eine Krankheit wie Diabetes oder Bluthochdruck. Erkrankungen, die man mit der richtigen Therapie behandeln kann.

Sie haben selbst keine Kinder. Was war der Grund?
Mir war mein Beruf immer sehr wichtig, und die Aus- und Weiterbildung dauert sehr lange. Zudem bin ich viel gereist und habe meinen Wohnort oft gewechselt. Das ist schwierig für eine Partnerschaft. Zum Zeitpunkt, als ich bereit für Kinder war, hat der richtige Partner gefehlt. Irgendwann musste ich mich von meinem Kinderwunsch verabschieden. Heute kann ich dank meiner Ausbildung anderen Paaren zu ihrem Glück verhelfen.

Wie oft können Sie Ihren
Patienten weiterhelfen?
Oft. Aber es hängt davon ab, was die Paare mitbringen. Bei jüngeren Menschen sind die Eizellen oder Spermien meist von guter Qualität, wenn die Paare jedoch gegen 40 zugehen oder Zusatzerkrankungen vorliegen, braucht es mehr Geduld und teurere Therapien. Ist der Zyklus unregelmässig, kann ich das häufig mit Hormonen beeinflussen. Bei reduzierter Spermienqualität ist manchmal eine künstliche Befruchtung nötig. Fehlen jedoch die Spermien oder die Eizellen, wird es schwierig.

Wie ist es bei älteren Frauen?
Bei Frauen über 40 ist es schwierig, weil die Anzahl und Qualität der Eizellen eingeschränkt ist. Medizinisch ist vieles möglich, nicht alles sinnvoll.

Wie meinen Sie das?
Sicher können auch ältere Paare gute Eltern sein, aber häufig sind diese dann überfordert mit der Aufgabe und auch für die Kinder ist es nicht einfach, «alte» Eltern zu haben, speziell in der Pubertät.

Aber wir werden doch immer
älter und sind immer fitter.
Wir werden immer älter, sind aber nicht unbedingt fitter. Eine 47-jährige Frau wurde mittels Eizellenspende im Ausland schwanger. Als ihr Einjähriger jede Nacht wach lag, merkte sie, wie anstrengend das ist. Mit 44 bin ich auch nicht mehr gleich fit nach einem Nachtdienst wie noch mit 25. Ein Kind kann man aber nicht einfach in den Schrank stellen und Feierabend machen.

Was sagen Sie einem Paar,
dem Sie nicht helfen können?
Ich versuche, ihnen einfühlsam darzulegen, dass die Erfolgschancen sehr gering sind. Dass ihr Körper nicht mehr in der Lage ist, ein Kind zu zeugen. Dazu gehört auch, sich über Alternativen Gedanken zu machen. Sei dies, mittels einer Eizellenspende im Ausland, durch die Adoption eines Kindes oder den Kinderwunsch gänzlich abzuschliessen und andere Herausforderungen im Leben anzunehmen.

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