Nachruf

Der grosse Sammler von Winterthur ist tot

Bruno Stefanini ist heute morgen im Alter von 94 Jahren gestorben. Er war ein Pionier des Baubooms, ein uferloser Sammler und ein Patriot der alten Schule. Zu seiner Heimatstadt Winterthur hatte er zeitlebens ein kompliziertes Verhältnis.

Zu Bruno Stefanini weiss in Winterthur fast jeder eine Geschichte zu erzählen. Spannend klingen sie alle: die vom Immobilienhai, dem die halbe Stadt gehört und der aus Geiz seine Liegenschaften verlottern lässt. Die vom besessenen Sammler, der märchenhafte Kunstschätze in alten Garagen und Estrichen hortet. Oder die vom verwirrten «Mannli», das in leer stehenden Liegenschaften übernachtet und am Flohmarkt in Kisten nach alten Büchern oder Bildern wühlt.

Bruno Stefanini setzte solcherlei Mythenbildung nichts entgegen. Im Gegenteil: Durch sein beharrliches Schweigen nährte er die Gerüchte. Er lebte in seiner zweiten Lebenshälfte zurückgezogen, mied öffentliche Anlässe. Vor neugierigen Fragen beschützte ihn seine Sekretärin und Vertraute, Dora Bösiger, die seit 1955 für ihn arbeitet. So blieb der millionenschwere Winterthurer für seine Stadt ein Phantom. Doch das hinderte die Winterthurer nicht daran, Stefanini in seinen letzten Jahren neu für sich zu entdecken: Der einstige Geheimniskrämer und «Mieterschreck» wurde plötzlich als Kunstsammler entdeckt und zum Bewahrer von günstigem Wohnraum stilisiert. Doch wer war Bruno Stefanini wirklich?

Der Vorzeige-Secondo

Seine Biografie, 2016 von Historiker Miguel Garcia zwischen Buchdeckel gebracht, liest sich wie eine klassische Aufsteigergeschichte. Der Vater, zur Jahrhundertwende als 14-Jähriger mausarm aus Italien in die Schweiz ausgewandert, brachte es in der neuen Heimat mit Arbeit, Fleiss und Geschick vom Hilfsarbeiter zum angesehenen Bürger mit einigem Wohlstand. Ab 1930 führte Giuseppe Stefanini das Restaurant Salmen in der Marktgasse, das der italienischen Konsumgenossenschaft «Società Cooperativa» gehörte. Er übernahm sogar das Präsidium und verwaltete als solcher die konsumeigenen Liegenschaften.

Zum Stolz der Familie durfte Sohn Bruno das Gymnasium besuchen, wo er sich durch hohe Intelligenz und Idealismus hervortat. Doch bei den alteingesessenen Winterthurer Familien schätzte man die Emporkömmlinge nicht. Als bei einer Zecherei eine Scheibe der Friedhofskapelle neben der Schule zu Bruch ging, war Bruno Stefanini als Secondo und Wirtesohn der willkommene Sündenbock. Kurz vor der Matur musste er die Schule verlassen. Das habe sein Verhältnis zu Winterthur nachhaltig getrübt, schreibt Biograf Garcia. Er hat mit Dutzenden von Personen aus Stefaninis Umfeld gesprochen und Briefwechsel ausgewertet. Bruno Stefanini selbst – damals bereits dement – konnte er nicht mehr befragen.

Stefaninis Leben: Eine Chronologie Für eine seitenfüllende Ansicht HIER klicken.

Der Baumeister der Agglo

In Stefaninis Erwachsenenleben gab es zwei grosse Leidenschaften. Die erste waren die Immobilien. Der Bauboom der Nachkriegszeit machte ihn in kurzer Zeit sehr reich. Das Startkapital seines Vaters hatte er rasch vervielfacht; mit seinem Freund Hans Jenny (dem Gründer der heutigen Verit Immobilien) startete er einen der ersten Immobilienfonds. Das Duo war dem Zeitgeist immer eine Nasenlänge voraus: als Pioniere des Plattenbaus und Propheten der Agglo. Auf günstigem Bauland am Stadtrand und den noch ländlich geprägten Umlandgemeinden zog das Duo in Rekordzeit Grossüberbauungen mit über hundert Wohnungen hoch. Architektur stand dabei nicht im Vordergrund. Einfach, funktional und ohne Schnickschnack musste es sein – und damit profitabel.

Als die Wirtschaftskrise der Siebzigerjahre die Bauindustrie abwürgte, zog sich Stefanini aus dem Baugeschäft zurück. Die wilden Zeiten, als es zum Bauen bloss Wagemut, Geld und gute Beziehungen brauchte, waren vorbei. Immer aufwendigere Bewilligungsverfahren führten dazu, dass Stefanini, ein Workaholic und Kontrollmensch, nicht mehr jedes Detail selbst beaufsichtigen konnte. Auch seine Woche hatte nur sieben Tage, auch wenn er jede davon arbeitete, von früh morgens bis abends um zehn, fast ohne Ferien.

Asket und Workaholic

Stefanini galt als Asket, der sich nichts gönnte. Am liebsten ass der Multimillionär Cervelat und Brot, sein Haar war oft zerzaust, seine Kleidung kaufte er gebraucht. Er wohnte zeitlebens in sanierungsbedürftigen Altliegenschaften. Das änderte sich auch nicht, als er 1961 seine Frau Vroni heiratete – er war ja ohnehin kaum zu Hause. 1971 verliess sie ihn und zog mit den drei kleinen Kindern nach Bern, nachdem sie über ein Jahr in einem baufälligen Haus am Rychenberg gelebt hatten, dessen Sanierung er versprochen, aber nicht vorangetrieben hatte. Stefanini war tief gekränkt und vergrub sich noch mehr in die Arbeit.

Sammler aus Patriotismus

Die zweite grosse Leidenschaft nach dem Bauen wurde nun immer wichtiger: das Sammeln. Im Prinzip war das bereits ein Leitmotiv für seine Immobilientätigkeit: Stefanini sagte einmal von sich, er sammle Häuser wie andere Leute Briefmarken. So hatte er neben den Plattenbauten über die Jahre auch zahlreiche Altbauten, insbesondere in der Winterthurer Altstadt, in seinen Besitz gebracht. Doch sein Herz galt der Kunst und dem Historischen. Und als Kind der Geistigen Landesverteidigung waren es vor allem die Schweizer Geschichte und Kunst, die ihm am Herzen lagen und die er vor dem «Ausverkauf» ins Ausland schützen wollte.

Der «Mieterschreck» wurde plötzlich als Kunstsammler entdeckt und zum Bewahrer von günstigem Wohnraum stilisiert.

An Auktionen, auf die er sich ebenso minutiös vorbereitete wie früher auf seine Geschäftssitzungen, kaufte er mehrere Hundert Gemälde von Schweizer Künstlern, darunter Vallotton, Segantini und Giacometti, aber auch rund 135 Bilder von Hodler und Anker, die als Glanzstück seiner Sammlung gelten. Sein grosser Konkurrent damals: Christoph Blocher. Dessen Frau Silvia hatte ihn anno 1967 übrigens vor den Friedensrichter zitiert, weil seine Immobilienfirma Terresta ihr nach dem Auszug hartnäckig die Rückzahlung der Mietkaution verweigerte. Wenige Stunden vor dem Gerichtstermin sei die Zahlung eingetroffen.

Stefanini sammelte uferlos. Rund 100 000 Objekte soll die Sammlung umfassen, die er seiner 1980 gegründeten Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG) vermacht hat. Sie umfasst unter anderem eine der grössten Armbrust-Sammlungen der Welt, Napoleons Hut und Totenbett, General Guisans Mantel, Kennedys Schreibtisch, Sisis Reitkostüm und Milchzahn, Oldtimer, aber auch viele Banalitäten wie Kerzenständer, Ofenkacheln oder alte Wirtshausschilder. «Er sammelte nach dem Lustprinzip», sagt Jürg A. Meier, sein Waffenkurator. «Es ging ihm ums Kauferlebnis, die Jagd. Es gab keinen kreativen oder künstlerischen Ansatz.»

Verpasste Sanierungszyklen

Zum Besitz der Stiftung gehören ausserdem vier Schlösser, die alle einmal als Standorte für Museen gedacht waren. Aber nur eines wurde umgesetzt. Die meisten Pläne zerbrachen wie auch die für ein Museum in Winterthur, an Widerständen der Standortgemeinden und den teils hochtrabenden Forderungen Stefaninis. Der fühlte sich missverstanden, wenn sich Verhandlungspartner nicht einverstanden zeigten, war beleidigt und die Pläne versandeten. Er verzettelte sich auch zusehends, weil er alles selbst machen wollte. Sein Immobilienimperium verpasste einen ganzen Renovierungszyklus, während seine wuchernde Sammlung ohne sachgerechte Pflege in diversen Dachstöcken, Garagen und Schlosskellern eingelagert wurde.

2007 schritt die Eidgenössische Stiftungsaufsicht ein. ImBericht ihres Experten wird von «gravierenden Missständen» berichtet, insbesondere fehlten Inventarlisten, Klimaanlagen und Diebstahlsicherung. Einige Sammlungsgüter hätten bereits Schaden genommen. Mithilfe von Stefaninis Sohn Vital begann die Kunsthistorikerin Isabelle Messerli, die Kunstwerke der SKKG zu inventarisieren. Im gleichen Jahr zeigte das Museum Oskar Reinhart erstmals Glanzstücke aus der Sammlung. Der Patron brachte die Bilder persönlich im firmeneigenen Liefer­wagen vorbei, ohne besondere Sicherheitsvorkehrungen.

Die viel beachtete Ausstellung markierte den Beginn eines Umdenkens. Jahrelang kannte man den Namen Stefanini in Winterthur vor allem im Zusammenhang mit schlecht gepflegten Häusern, die in der Altstadt verlotterten und Ziegel verloren, oder mit Wohnungen, wo im Winter die Heizung ausfiel. Als im neuen Jahrtausend die Mietpreise allerorts stark anzogen, wurde Stefanini plötzlich als sozial denkender Bewahrer von günstigem Wohnraum gefeiert. Schon vorher hatte er sich als Lokalpatriot inszeniert, als er 1998 das marode Sulzer-Hochhaus kaufte. Nach langem Leerstand wurde es 2004 besetzt; Stefanini selbst setzte sich für eine friedliche Räumung ein und liess es bis 2009 für 60 Millionen Franken sanieren. Seit 2012 ist der Grossteil wieder vermietet – an den ursprünglichen Besitzer Sulzer.

Seine stolzeste Stunde als Kunstsammler, die Eröffnung der schweizweit hochgelobten Ausstellung «Sesam öffne dich!» im Kunstmuseum Bern im Sommer 2014, erlebte der 90-jährige Stefanini im Rollstuhl. Seit einer Operation 2013 war er bettlägerig. Damals tobte bereits der Kampf um sein Vermächtnis, die Stiftung. Im Zentrum des Geschehens: Dora Bösiger, seit 2007 mit einer Generalvollmacht ausgestattet. Sie hatte 2013 den bis dahin völlig unbekannten Umit Stamm als neuen Präsidenten der Stiftung mit einsetzen lassen – den Ehemann ihrer Patentochter.

Schlammschlacht ums Erbe

Zum Eklat kam es, als der Stiftungsrat im Januar 2014 versuchte, die Stiftungsurkunde zu ändern. Nicht mehr die Nachkommen, sondern die bisherigen Stiftungsräte, darunter Bösiger, Stamm und der Chef von Stefaninis Immobilienverwaltung Terresta, Markus Brunner, hätten in Zukunft über die Zusammensetzung des Stiftungsrats bestimmt.

Nach Stefaninis Tod werden seine Liegenschaften in den Besitz der Stiftung übergehen. Seine zwei noch lebenden Kinder haben gegen eine Entschädigung in Millionenhöhe schon vor 25 Jahren auf ihren Pflichtteil verzichtet. Bereits heute wird die Stiftung aus den Gewinnen der Liegenschaften alimentiert. Die SKKG gilt als eine der reichsten Stiftungen der Schweiz.

Die Nachkommen, die Paläoökologin Bettina Stefanini und ihr Bruder Vital, der seit einem Fallschirmunfall mit einer Hirnverletzung lebt, waren empört: Das widerspreche sowohl dem Wortlaut der Sitftungsurkunde als auch dem Willen ihres Vaters. Es entspann sich ein jahrelanger Rechtsstreit um die Frage, ob Bruno Stefanini zum Zeitpunkt des Änderungsantrags noch urteilsfähig war oder nicht. Das Bundesgericht hat den Fall im Juni dieses Jahres letztinstanzlich zugunsten der Nachkommen entschieden. Bettina Stefanini leitet seither die Stiftung als Präsidentin.

Bruno Stefanini ist in seiner Wohnung in der Altstadt gestorben, wie seine Tochter dem «Landboten» mitteilte.

Michael Graf

Erstellt: 14.12.2018, 08:51 Uhr

Artikel zum Thema

«Er hat Teile unserer Altstadt vor dem Abriss gerettet»

Reaktionen Blocher, Pedergnana, Arbenz: Das sagen Weggefährten über Bruno Stefanini, der am Freitagmorgen im Alter von 94 Jahren gestorben ist. Mehr...

Stefanini-Stiftung treibt die Aufarbeitung voran

Ausbau Die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte sucht weitere Fachleute mit kunsthistorischem Wissen, um die Objekte der grossen Sammlung zu dokumentieren. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles