Analyse

Ein Steilpass, aber noch lange kein Tor

Nach dem überraschenden Verzicht der SVP müsste bei der Stadtratsersatzwahl alles für GLP-Frau Annetta Steiner sprechen. Doch davon kann keine Rede sein. Denn auf der bürgerlichen Seite fehlt die Begeisterung für ihre Kandidatur.

Das Tor in den Stadtrat scheint für Annetta Steiner weit offen. Doch wie gross ist sind ihre Chancen wirklich?

Das Tor in den Stadtrat scheint für Annetta Steiner weit offen. Doch wie gross ist sind ihre Chancen wirklich?

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«Wir treten um jeden freien Sitz an», hatte SVP-Präsident Simon Büchi nach dem überraschenden Rücktritt von SP-Stadträtin Yvonne Beutler angekündet. Das würde man auch erwarten von der zweitgrössten Partei auf dem Platz, die seit einem Jahr nicht mehr in der Regierung vertreten ist.

Seit Mittwoch ist klar: Die SVP tritt nicht an. Das wirft kein schmeichelhaftes Licht auf den Zustand der Partei. Ihre Stammwähler, immerhin knapp 20 Prozent der wählenden Winterthurer, dürfen sich zu Recht fragen, ob es in dieser Stadt wirklich niemanden gibt, der bereit ist, für ihre Werte in den Ring zu steigen. Die SVP akzeptiert die links-grüne Ratsmehrheit für weitere drei Jahre – und zwar kampflos.

Arithmetisch müsste es eigentlich eine todsichere Sache sein

Mit ihrem Verzicht spielt die SVP den Grünliberalen einen Steilpass. Auf bürgerlicher Seite hat Annetta Steiner nun keine Konkurrenz mehr. Arithmetisch müsste es eine todsichere Sache sein: Verglichen mit einem linken Kandidaten hat eine Mittekandidatin ohne bürgerliche Konkurrenz viel mehr potenzielle Wähler. Dazu kommt, dass Steiner zwei weitere Trümpfe in der Hand hat:

Erstens tritt sie als Frau gegen einen Mann an, dessen Wahl das Geschlechterverhältnis im Stadtrat auf 2 zu 5 verschlechtern würde.

Zweitens schliesst Steiner gerade ihr Amtsjahr als Gemeinderatspräsidentin ab, normalerweise eine ideale Grundlage, um Stadträtin zu werden. Christa Meier, Josef Lisibach und auch die abtretende Yvonne Beutler hatten sich im Präsidiumsjahr Bekanntheit verschafft.

Der SP-Mann Kaspar Bopp war dagegen drei Jahre raus aus der Lokalpolitik – ein politischer Nobody.

Um im siebten Versuch endlich den Sprung in die Exekutive zu schaffen, müssen die Grünliberalen eine magische Hürde knacken: 10000 Stimmen. Nie konnte einer ihrer Kandidaten so viele Stimmen auf sich vereinen, auch wenn Michael Zeugin 2010 und Beat Meier 2014 hauchdünn daran vorbeischrammten. Steiner erreichte in den Gesamterneuerungswahlen letztes Jahr 9184 Stimmen. Das wird nicht reichen für einen Stadtratssitz. Um bei dieser Wahl zu bestehen, müssen auch Leute die GLP wählen, die noch nie die GLP wählten.

Doch woher sollen diese kommen? Links schliessen sich die Reihen. Die Grünen unterstützen SP-Mann Bopp. Und dieser wirbt auf seinen Plakaten keck mit «Klar. Grün. Sozial.» und reklamiert so die Farbe, die der GLP zuletzt Gewinne einbrachte, für sich.

Viele Linke tragen der GLP noch ihre unversöhnliche Haltung im Budgetstreit 2013 nach. Für sie bleibt Annetta Steiner «Frau 0,6631 Prozent», benannt nach ihren pauschalen Sparanträgen.

Steiners Wähler müssten aus dem bürgerlichen Lager kommen, dem die GLP finanzpolitisch nähersteht als die SP. Doch dort ist die Begeisterung gedämpft: Die SVP beschloss Stimmfreigabe und auch für FDP und CVP ist keineswegs klar, ob sie Steiner unterstützen wollen. Das erstaunt – und zeigt: Die GLP steht auch 13 Jahre nach ihrem Einzug in den Gemeinderat sehr für sich. Ihre Rolle als Zünglein an der Waage sichert ihr grossen Einfluss im Parlament – gleichzeitig wahren sowohl der linke als auch der Bürgerblock eine gewisse Distanz.

Die GLP steht auch 13 Jahre nach ihrem Einzug in den Gemeinderat sehr für sich.

Annetta Steiners Pech ist, dass sich die politische Debatte verschoben hat. Dominierten vor einigen Jahren die Finanz- und die Sparthematik, ist heute der Klimaschutz das prägende Thema. Der Gesamtstadtrat und insbesondere die abtretende SP-Finanzvorsteherin Yvonne Beutler haben mit harten Sparprogrammen bewiesen, dass die Regierung haushalten kann.

Als Beutler zurücktrat, lobte die GLP-Frau Katrin Cometta: «Sie war praktisch eine GLPlerin.» Das wird jetzt zum Problem: Weder in Finanz- noch in Umweltfragen kann sich Steiner klar von Bopp abheben, der sich, wie Yvonne Beutler, zum gemässigten SP-Flügel zählt.

Aus bürgerlicher Sicht ist es, wie CVP-Präsident André Zuraikat sagt, eine Personenwahl. Und dabei zeigt sich, dass Steiners Trümpfe nicht stechen. Ihr Präsidialjahr absolvierte sie solide und sympathisch, aber nicht glanzvoll, den öffentlichen Auftritt liebt sie nach wie vor nicht.

Anders Kaspar Bopp: Stets smart gekleidet, weiss er sich zu inszenieren, ob am 1. Mai oder auf der Klimademo. Und die Frauenfrage bewegt vor allem die Mitte-links-Wähler, während Bürgerliche den Forderungen nach Frauenquoten eher kritisch gegenüberstehen: «Kompetenz, nicht Geschlecht», lautet das Mantra. Und hier hat, für den Posten des Finanzvorstehers, Bopp als Risikoanalyst und Teamleiter in einer Grossfirma nicht die schlechteren Karten als die Vollblutpolitikerin Annetta Steiner.

Mit dem Verzicht auf eine eigene Kandidatur schenkt die SVP der GLP einen Steilpass. Um ihn zu versenken, muss ihre Kandidatin es aber schaffen, die bürgerlichen Wähler zu begeistern. Solange das nicht gelingt, stehen die Chancen für Kaspar Bopp gut, den SP-Sitz zu verteidigen.

(Der Landbote)

Erstellt: 10.05.2019, 18:08 Uhr

Annetta Steiner.

Kaspar Bopp.

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