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Afro-Pfingsten lebt – trotz der Politik

Die Geschichte des Festivals zeigt, dass die Wirkung von Kulturanlässen in Winterthur immer noch unterschätzt wird.

Strassenszene vom Freitagnachmittag: Die Afro-Pfingsten sind für Winterthur eine grosse Werbetrommel.
Strassenszene vom Freitagnachmittag: Die Afro-Pfingsten sind für Winterthur eine grosse Werbetrommel.
Marc Dahinden

Seit gestern trommeln sie wieder,und trommeln und trommeln. Und das obwohl doch erst vor zweieineinhalb Jahren noch alles am Boden lag. Die Afro-Pfingsten standen vor dem Ruin, «Ausgetrommelt» verkündete es die «Landbote»-Schlagzeile. Doch dann geschah das Pfingstwunder, das Festival kehrte zurück. Und das gabs gratis und jetzt sind alle wieder glücklich? Oder wie war das nochmals genau? 1990 fand das Ethno-Festival ein erstes Mal statt, ins Leben gerufen unter anderem von Mr. Afro-Pfingsten Daniel Bühler. Sein Elan und seine chaotische Leichtigkeit stecken bis heute im Geist der Afro-Pfingsten. Ob Bühler auch ein gutes Händchen für die Festival-Finanzen hat, wurde in den vergangenen Jahrzehnten mehr als einmal bezweifelt.

Offen zutage traten die Finanz-Problememehrmals und besonders deutlich 2012. Damals überschrieb Bühler die Rechte am Festival an die Fairmeetings AG. Er gab sein «Baby» nur unter dem hohem Schulden-Druck ab, half im Hintergrund weiter mit. Doch auch die neuen Chefs schafften den Turnaround nicht, sie bauten die Konzerte auf dem Sulzer-Areal aus um über die Gewinnschwelle zu kommen – und erhöhten so nur das Defizit. 2015 wurden fast keine Tickets mehr verkauft.

Und dann wurde es richtig feindselig rund um das Festival, das globale Harmonie bewirbt. Die Fairmeetings AG warf Daniel Bühler vor, einen grossen Anteil an der finanziellen Misere zu haben, rechtliche Schritte wurden geprüft - Bühler dementierte und die Fairmeetings AG ging Konkurs. Und Bühler wäre nicht Mr. Afro-Pfingsten hätte er nicht inmitten dieses Trubels stets nur an das eine gedacht: Wie kann das Festival gerettet werden? Er organisierte im Frühling 2016 innert kürzester Zeit eine Afro-Pfingsten-Kopie, den One-World-Markt.

Ohne die Übergangslösung hätte der Ruf der Afro-Pfingsten noch mehr gelitten.

Dieser perfekte Klonrettete kurioserweise das eigentliche Festival. Denn ohne die Übergangslösung hätte der Ruf der Afro-Pfingsten noch mehr gelitten, Markthändler und Künstler wären vielleicht nicht wieder so schnell nach Winterthur gereist. Daniel Bühler holte sich schliesslich die Namensrechte zurück und seit 2017 gibt es wieder Afro-Pfingsten, die auch so heissen.

Das alles geschah trotz der Trägheit der Winterthurer Politik.Denn was würden Sie tun, wenn Sie als Mitglied des Stadtrats den drohenden Ruin der Afro-Pfingsten vernähmen? Das Ende eines beliebten Festivals mit zehntausenden Besuchern, einer Bühne für Grössen wie Miriam Makeba, Youssou N’Dour, Alpha Blondy oder Jimmy Cliff? Das Ende einer Institution, die schweizweit halt einfach einzigartig ist und entsprechende Ausstrahlung geniesst? Der Stadtrat entschied sich dafür, erst einmal abzuwarten, die Unterstützungsgelder zurückzuhalten. Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) sprach sich gegen den One-World-Markt aus und verlangte eine Pause. Viel zu lange bezog in der Politik niemand klar Stellung für das Festival. Erst als Bühler sich erneut bewies, gab es wieder Geld. Doch immer nur so wenig wie nötig: 2018 sind es 25 000 Franken. Erst letzten Dezember sprachen sich Künzle und dann auch der Gemeinderat gegen eine zusätzliche Finanzspritze aus.

Anlässe wie die Afro-Pfingsten gibts weder gratis noch als Pfingstwunder serviert.

Noch immer wird in dieser Stadt die Bedeutung von kulturellen Anlässenim öffentlichen Raum unterschätzt. Afro-Pfingsten, Musikfestwochen, die Jungkunst – auch mit Anlässen wie diesen entsteht eine Aussenwirkung, viel mehr etwa als mit einer Winterthurer Fasnacht, welcher der Stadtrat seit Jahren eine Einzigartigkeit andichtet. Und auch viel mehr als wenn man zehmal hintereinander ‹Kulturstadt› sagt als wäre es ein Zauberspruch aus dem magischen Buch des Standortmarketings.

Mr. Afro-Pfingsten Daniel Bühler hat es noch einmal geschafft.Aber Anlässe wie die Afro-Pfingsten gibts weder gratis noch als Pfingstwunder serviert. Die Winterthurer Öffentlichkeit muss sich fragen, ob sie dieses Festival auch in fünf oder zehn Jahren noch in der Stadt haben will. Und wenn ja, dann muss sie mehr dafür tun als bisher.

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