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An ihrem Tisch ist jeder willkommen

Mariella de Matteis lädt einmal im Monat Interessierte zu einem gemeinsamen Essen ein. Es ist eine Tavolata der etwas anderen Art, mit humanitärem Charakter.

Als die Dorfbeiz schloss, öffnete sie ihr Gartentor: Zur ersten Tavolata von Mariella de Matteis kamen 32 Gäste. Foto: Enzo Lopardo

Als die Dorfbeiz schloss, öffnete sie ihr Gartentor: Zur ersten Tavolata von Mariella de Matteis kamen 32 Gäste. Foto: Enzo Lopardo

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«Dass meine Eltern aus Süditalien kommen, hatte sicher einen Einfluss auf mich und diese Idee. Essen spielt in Italien eine grosse Rolle. Dort wird man immer eingeladen zum Essen und man teilt das Mahl und die Freude daran noch mehr als hier in der Schweiz.

Das Wort «Tavolata» kommt schliesslich auch aus dem Italienischen, wo «Tavola» für Tafel oder Tisch steht. Die Idee für meine eigene Tavolata kam mir aber nicht in Süditalien sondern hier in Winterthur.

Hier erfuhr ich vor über einem Jahr, dass das Restaurant Frohsinn in Stadel schliessen würde. Das war für mich ein grosser Verlust und gab mir den Gedankenanstoss, als eine Art «neue Dorfbeiz» eine Tavolata bei mir Zuhause anzubieten.

«Die Tavolata ist vielleicht kein Ersatz für den Frohsinn, aber ich gebe den Leuten die Gelegenheit, sich regelmässig zu treffen, satt zu werden und zu spenden.»

Ursprünglich dachte ich auch daran, eine solche Tavolata im Rahmen meiner Tätigkeit als Kommunikationstrainerin zu veranstalten, etwa in Verbindung mit den Kochkursen für Unternehmen, die ich regelmässig durchführe.

Die Idee kam aber im Rahmen von Firmenevents nicht so gut an und so fand die erste Tavolata am Karfreitag vor fast einem halben Jahr öffentlich statt. Es war ein Festessen. Ich servierte Olivenfocaccia aus dem eigenen Ofen, Artischocken im Öl, Fenchelsalat und Pasta. 32 Gäste kamen damals.

Seither habe ich jeden weiteren Monat Interessierte, die sich zuvor bei mir anmelden, zum Essen eingeladen. Dies bei mir zu Hause in meinem grossen Garten, der prädestiniert dafür ist.

Dann sitzen wir an einem grossen Tisch zusammen – und essen, reden, diskutieren. Ich koche jeweils alles selber und immer einfache Gerichte wie Pasta oder Eintöpfe. Die Gäste bringen Dessert und Prosecco und zahlten bisher 30 Franken pauschal.

Die Einnahmen gehen, nach Abzug der Materialkosten, an eine humanitäre Organisation, die entweder von meinen Gästen oder von mir selbst vorgeschlagen wird. So kann ich meine Vision der langen Tafel damit verbinden, etwas Gutes zu tun. Bei der ersten Tavolata konnten wir so 700 Franken spenden.

Wir unterstützten zum Beispiel schon ein Gehörlosendorf in Turbenthal oder eine Organisation, die Flüchtlingsfrauen und deren Kinder begleitet. Meine Gäste haben teils einen persönlichen Bezug zu diesen Organisationen und ich finde es wunderbar, dass wir so gemeinsam für etwas einstehen können.

Die Vorschläge sorgen auch immer für interessanten Gesprächsstoff, so wie einmal, als jemand eine Organisation vorschlug, die im Libanon missionierte. Es darf aber ruhig auch einmal über Klatsch und Tratsch aus dem Dorf gesprochen werden.

Wie die Gesprächsthemen, so sind auch die Gäste sehr unterschiedlich: Kolleginnen und Kollegen, Leute aus dem Dorf und neue oder alte Bekanntschaften. Einmal hat ein Gast darum gebeten, sein Programm als Feuerjongleur bei der Tavolata zu proben. Das war eine Show! Ein andermal hat ein Kollege von mir mit einer spontanen Lesung zu selbst geschriebenen Anekdoten für Unterhaltung gesorgt. Man weiss also nie wirklich, was einen erwartet.

«Mariellas Tavolata» ist vielleicht kein Ersatz für den Frohsinn, aber ich gebe den Leuten die Gelegenheit, sich regelmässig zu treffen, satt zu werden und denen etwas zu spenden, die keine Möglichkeiten haben, genügend zu essen bekommen. In Zukunft kann ich mir sogar vorstellen, einmal solch betroffene Leute einzuladen, also zum Beispiel Flüchtlinge an den Tisch zu holen und so auch einen Beitrag zur Integration zu leisten.»

Erstellt: 09.10.2019, 15:10 Uhr

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