Persönlich

Er erzählt jetzt häufiger Chirurgenwitze

Christian «Chrigel» Hunziker, Vorzeigeunternehmer und Stadtoriginal, kämpft zum zweiten Mal gegen den Krebs. Seinen Humor hat er deswegen nicht verloren.

Rote Brille und immer den Ansatz eines Schmunzelns in den Mundwinkeln, so kennt man Chrigel Hunziker. Sein Büro mit der Aussichtsterrasse sucht er auf, wann immer es geht, trotz Krankheit.

Rote Brille und immer den Ansatz eines Schmunzelns in den Mundwinkeln, so kennt man Chrigel Hunziker. Sein Büro mit der Aussichtsterrasse sucht er auf, wann immer es geht, trotz Krankheit. Bild: Marc Dahinden

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Er habe eine Organverschiebung, sagt Chrigel Hunziker, wartet und schiebt nach: «Meine Leber ist am Arsch.» Die buschigen Augenbrauen heben sich, in Erwartung einer Reaktion. Dann lacht Hunziker. Herzhaft.

Es ist eine makabere Bemerkung, und sie ist typisch für den 64-Jährigen. Hunziker hat Leberkrebs und eine Leberzirrhose. Letzten Sommer wurde die Krankheit diagnostiziert. Seit ein paar Wochen steht er «auf der Liste». Jeden Moment könnte sein Telefon klingeln, ein passendes Spenderorgan gefunden sein. Einmal hat es schon geklingelt. Hunziker wurde im Krankenwagen mit Blaulicht nach Zürich gefahren, für die OP vorbereitet. «Dann kam der Bericht, die Leber tauge nicht. Ohne Details.» Er zog sich wieder an, fuhr zum Sternen-Grill und ass eine Bratwurst. «Mit dem scharfen Senf, der dich fast umbringt. Was hätte ich sonst machen sollen?»

Hunziker erzählt die Episode in seinem Büro, hoch oben über der Zürcherstrasse. Das Gebäude hatte er mit seiner Firma vor vier Jahren übernommen, als Sulzer zurück ins Hochhaus gezügelt war. Nur ein paar Schritte sind es von seinem Schreibtisch bis auf die Terrasse. Von hier geht der Blick rundherum auf die Sonnenhügel der Stadt: Brühlberg, Heiligberg, Goldenberg. Auch die halbe Schützi hat er im Blick.

Chemotherapie und Tatar

Das Geschoss, in dem sich sein Büro befindet, teilt sich in zwei Bereiche. Einer gehört der Geschäftsleitung, im anderen hat Hunziker die Mitarbeiterkantine eingerichtet. Der Bürotrakt gliedert sich in vier gleich grosse Teile, wovon je einer seinem Bruder und den zwei Geschäftspartnern gehört, genau wie die Anteile an der Firma Hunziker. Es ist die Architektur eines Unternehmens, das nach Modellhaftigkeit strebt.

Auf einer Corbusier-Liege ruht ein gigantisches Stofftier. Im Hintergrund rieselt SWR 3 aus den Boxen. Hunziker geht ins Büro, wenn die Energie dafür reicht. Wie es ihm geht? «Immer noch beschissen.» Er ist keiner, der die Dinge schönredet.

«Ich arbeite mit dem, was ich beeinflussen kann. Ich bin eine Frohnatur und habe Galgenhumor.»Christian Hunziker

Schon einmal hat er den Krebs besiegt. Nach der Chemotherapie fuhr er jeweils ins Restaurant National, ass ein Tatar und trank Champagner. Andere meiden nach den Infusionen ihre Lieblingsspeisen, um sie nicht später mit der Krankheit zu assoziieren. Hunziker, ganz Lebemann, tickt da anders. Tatar möge er immer noch, sagt er. Champagner allerdings ist seit der Lebererkrankung wie aller Alkohol verboten.

Der Krebs verursacht ihm keine Schmerzen, die Leber macht aber Komplikationen. Sein Stoffwechsel funktioniert nicht mehr. «Wenn dann Ammoniak ins Blut gerät, bist du wie dement.» Dreimal sei er schon ins Koma gefallen. Hunziker redet beinahe wie ein Arzt. Er hat sich eingelesen. «Die Materie ist interessant», sagt er. «Wenn nur der Anlass ein anderer wäre.» Aber er könne umgehen mit Dingen, die sich nicht ändern lassen. «Ich arbeite mit dem, was ich beeinflussen kann. Ich bin eine Frohnatur und habe Galgenhumor.»

Mission Anerkennung

Hunziker ist ein Getriebener. Was er anpackt, will er gut und besser machen. Redet man mit ihm über seine Firma, fallen Begriffe wie «UN Global Compact», ein Nachhaltigkeitsprogramm der UNO für Unternehmen. Oder «Tripple Bottom Line», ein Wertschöpfungsbegriff, der Ökologie, soziales Engagement und finanziellen Ertrag verbindet.

Hunziker sagt, er könne heute ohne Vorbereitung vier Stunden über Unternehmensführung referieren; auf Einladung tut er das gelegentlich auch. Er, der Sanitär. Trotz allem Erfolg tritt er noch immer gegen Vorurteile an. «Der Beruf hat kein gutes Image. Dabei ist, was wir machen, nicht nur Gas, Wasser, Scheisse. Es ist komplex.» Hunziker bietet von der Planung bis zur Umsetzung die komplette Gebäudetechnik an, mit Belüftung, Heizung, Sanitäranlagen und allen Steuerungen. Grösstes Projekt im Moment: der Circle beim Flughafen. Auch für das Fifa-Museum hat er die Haustechnik gemacht.

«Wir wachsen gemütlich»

Mit seinem Unternehmen hat Hunziker seit 2001 insgesamt 19 Branchenpreise gewonnen, zuletzt erhielt er vor rund zwei Monaten in Frankfurt einen Award für sein Marketing-Konzept. Alles an seiner Firma ist auf die Zukunft gerichtet. Hunziker garantiert seinen 100 Mitarbeitenden 40 bis 60 Stunden Weiterbildung pro Jahr, er verfolgt und dokumentiert die Einhaltung diverser Kriterien regelmässig in einem Nachhaltigkeitsbericht. Kundenbindung betreibt er über Partys, oben auf seiner Terrasse. «150 Plätze, ein richtig guter Caterer, die Leute reissen sich um Tickets.» Vom Wachstum spricht Hunziker nur, wenn man ihn darauf anspricht. «Wir wachsen gemütlich», sagt er dann. «Fünf bis zehn Prozent im Jahr, manchmal auch nicht.»

«Der Beruf hat kein gutes Image. Dabei ist, was wir machen, nicht nur Gas, Wasser, Scheisse. Es ist komplex.»Christian Hunziker

Auf die Zukunft hat Chrigel Hunziker auch sein Leben ausgerichtet. In Slowenien lässt er gerade ein Hybridboot bauen, ein «Greenline 45 Fly» mit Elektro- und Dieselmotor. Zusammen mit seiner Partnerin Marianne Ott, der früheren SP-Gemeinderätin, will er den Wasserstrassen Europas nachfahren, wenn es seine Gesundheit wieder erlaubt. Im Herbst soll das Boot fertig sein. Das Büro nimmt Hunziker auf die Reise mit. «Es ist alles voll digitalisiert, wir können via Satellit von überall her kommunizieren.»

Projekt für die Zukunft

Und noch ein Projekt hat Hunziker. Er schreibt ein Buch. Seit Jahren schon zeichnet er Geschichten auf, die ihm so passieren. Im Sommer will er die besten als kleine Sammlung publizieren. So zum Beispiel, wie er seine Marianne im Kontext seines Geburtstags auf ein Nachtessen bei einem Spitzenkoch eingeladen hatte, sie aber erstaunlich widerwillig mitkam. Am nächsten Morgen klingelte der Spitzenkoch an der Tür der gemeinsamen Wohnung. Wie Marianne schon wusste, hatte man ihn für einen ganzen Tag engagiert, als Geburtstagsgeschenk.

Seinen Humor hat er noch, Chrigel Hunziker. Nur die Themen hätten sich etwas verschoben, «Richtung Chirurgenwitz». Die Freude am politisch Unkorrekten aber ist ihm geblieben. Ein Müsterchen: Neulich, sagt er, sei er nach Hause gekommen und habe sich etwas auf die faule Haut legen wollen. «Aber Pech, sie war gerade am Einkaufen.» (Der Landbote)

Erstellt: 22.04.2019, 19:51 Uhr

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