Winterthur

«Ich bin keiner, der Bäume umarmt»

Er kennt fast jeden Baum in der Stadt und ist dort im Einsatz, wo Bäume leben, aber kein Wald ist. Timo Scheurer sieht sich als Vermittler zwischen Baum und Mensch.

Timo Scheurer vor einer 100-jährigen Platane im Stadtgarten.

Timo Scheurer vor einer 100-jährigen Platane im Stadtgarten. Bild: Madeleine Schoder

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Sie haben in Winterthur eben ein Büro als Baumsachverständiger eröffnet. Das tönt nach einer Nische, wer sollen denn Ihre Kunden sein?
Timo Scheurer: Private, Firmen oder auch die Stadtverwaltung. Ich begutachte kranke Bäume, mache Sicherheits- und Standortanalysen für Bäume, aber auch Gerichtsgutachten und Schadensberechnungen. Ich bin also Ansprechpartner bei allen Fragen um Bäume. Und gerade in Winterthur gibt es ja sehr viele Bäume.

Wie sind Sie zum Baumsachverständigen geworden?
Als gelernter Landschaftsgärtner stellte ich oft fest, dass ich Kunden keine Antworten geben konnte auf Fragen rund um Gehölzkrankheiten. Als ich dann von der Möglichkeit erfuhr, einen Studiengang in Arboristik, also Baumkunde, zu absolvieren, packte ich die Chance und studierte in Göttingen (D). Dieser Lehrgang ist noch jung und wird aktuell nur dort angeboten.

Sie wuchsen in Deutschland auf, weshalb zogen Sie in die Schweiz?
Eine Schweizer Firma, die im Bereich Baumpflege tätig ist, hatte an unserer Schule ein Stellen­inserat ausgehängt. Ich meldete mich, auch weil ich das Gefühl hatte, dass die Schweizer ein stärkeres Bewusstsein für Bäume haben. Später stellte ich fest, dass sie tatsächlich eine sehr emotionale Bindung zu Bäumen haben.

Sind Sie ein Baumflüsterer?
Ich sehe mich als vermittelnde Instanz zwischen Baum und Mensch. Doch ich habe immer die Sache im Auge, ich bin keiner, der Bäume umarmt.

Fast jeder Winterthurer kennt die Platanenallee an der Frauenfelderstrasse zwischen Oberwinterthur und Wiesendangen. Die Bäume stehen teils extrem schräg. Geht es den Platanen nicht gut?
Doch doch, die Bäume sind in einem guten Zustand. Dass sie schräg wachsen, liegt an der Konkurrenzsituation. Weil die Bäume recht eng stehen, müssen sie sich zum Licht strecken.

«Wenn es gefährlich wird, muss ein Baum halt weichen.»

Sie haben schon im Auftrag Ihres bisherigen Arbeitgebers Bäume in Winterthur begutachtet. Meinen Sie es stets mit allen Bäumen gut oder mussten Sie in der Vergangenheit schon bei einem Baum zur Fällung raten?
Es gab eine ganz alte Linde im Park beim Münzkabinett. Ein Ast brach ab, trotzdem wollte man sie nicht sofort fällen. Doch letztlich musste ich dazu raten. Da der Park öffentlich ist, schätzte ich das Risiko als zu gross ein. Der Baum war schon sehr alt und alte Bäume beginnen, grössere Teile zu verlieren. Das wird dann für die Passanten gefährlich.

Und wo konnten Sie schon Bäume erhalten?
Es gab 2010 die Idee, eine Tiefgarage unter dem Stadtpark zu bauen. Dazu hätte man alte, teils 100-jährige Bäume fällen müssen. Ich wurde beigezogen, weil man wissen wollte, ob die Bäume allenfalls ohnehin bald gefällt werden müssten. Doch das war nicht der Fall. Den Bäumen geht es gut und zum Glück stehen sie heute immer noch da. Es wäre kaum möglich gewesen, gleichwertigen Ersatz zu schaffen. Heute wird generell beim Bauen stark verdichtet, mit der Folge, dass die Böden häufig kaputt sind. Neu gepflanzte Gehölze entwickeln sich deshalb oft kaum.

Also empfehlen Sie, bei Neubauten bestehende Bäume zu erhalten?
Wo das möglich ist, unbedingt. Ich konnte mithelfen, als es um die Frage ging, ob und wie man bei der neuen Überbauung In Gärten zwischen der Äckerwiesen- und der Wartstrasse die alten Buchen erhalten kann. Ich erarbeitete ein Baumschutzkonzept – und die ­alten Buchen stehen noch immer. Ich bin überzeugt, dass sich das sogar finanziell gelohnt hat. Das Fällen, Abtransportieren und Neupflanzen wäre wohl teurer gewesen. Mal ganz abgesehen davon, dass es auch ein gutes Verkaufsargument ist, wenn dort Bäume stehen. Immerhin heisst die Überbauung In Gärten.

Sie machen auch Schadensberechnungen, in welchen Fällen braucht es diese?
Wer einen Baum beschädigt, muss, wie bei Gegenständen auch, für den Schaden aufkommen. Ich berechne aufgrund anerkannter Richtlinien die Höhe des Schadens.

Beschädigt man einen alten Baum, wird das unter Umständen sehr teuer?
Nicht unbedingt. Es werden nur messbare Kriterien bewertet, subjektive oder emotionale nicht. Das heisst, es spielt keine Rolle, wie lange der Baum schon dort stand. Man orientiert sich nur ­daran, was eine realisierbare ­Ersatzpflanzung am gleichen Standort kostet, mit allem, was dazugehört, also der Rodung, dem Abtransport und dem Setzen des neuen Baums.

«Ich achte bei Bäumen auf die Abweichungen vom Normalzustand.»

Bäume sorgen gelegentlich auch für Nachbarschaftsstreitigkeiten, sind Sie auch da Ansprechpartner?
Ich kann beispielsweise feststellen, wie gross ein Baum zum Zeitpunkt seiner Pflanzung war, etwa wenn es vor Gericht um Streitigkeiten wegen Baumabständen geht. Grundsätzlich mache ich aber die Erfahrung, dass hinter solchen Streitigkeiten oft persönliche Probleme stecken und es nicht in erster Linie um den Baum geht. Man versteht sich nicht gut und sucht dann einen Angriffspunkt. Ich habe auch schon erlebt, dass Leute Bäume ihrer Nachbarn loswerden wollten und versuchten, die Bäume abzutöten. Aber ihnen fehlt in der Regel das Wissen und es bleibt bei dilettantischen Versuchen.

Was kosten Ihre Gutachten?
Das hängt vom Aufwand ab, ab 350 Franken ist ein Gutachten möglich.

Wenn Sie einen Baum sehen, worauf achten Sie genau?
Auf die Körpersprache der Bäume. Klassischerweise hat er einen Stamm, eine Krone und Wurzelwerk. Was von diesem Bild abweicht, soll man hinterfragen. Ein Baum tut nichts ohne Grund. Das Wachstum ist reizgesteuert. Im Alter verlassen die Stämme ihre Form. Ich richte daher den Blick auf Abweichungen vom Normalzustand. Dann ist es auch wichtig, den Kontext zu kennen. Im letzten Jahr trugen beispielsweise die Buchen extrem viel Frucht. Das braucht Energie und deshalb sahen die Bäume nicht so gut aus. Davon darf man sich dann nicht täuschen lassen. Man muss das richtig einordnen.

In Winterthur war der Asiatische Laubholzbockkäfer in den letzten Jahren ein grosses Thema, wäre er Ihnen aufgefallen, wenn Sie auf ihn gestossen wären?
Auf jeden Fall. Allerdings hat es mich geärgert, dass der Laubholzbockkäfer medial so stark thematisiert worden ist. Man malte ein Untergangsszenario. Aber nun weiss man gar nicht, ob die Bäume nicht hätten überleben können, weil alle vorher schon gefällt wurden.

Sie hätten einfach nichts unternommen?
Nein, das nicht. Aber ich wäre mit etwas mehr Nüchternheit an die Sache gegangen. In der Regel ist es nicht so, dass ein Organismus einen anderen völlig dahinrafft. Er würde sich ja selber die Lerbensgrundlage nehmen. Ähnlich ist es beim Eschentriebsterben, bei dem ein ostasiatischer Pilz die Eschen befällt. Eine Esche ist zäh, ein Pilz kümmert sie nicht so sehr. Sie kriegt vielleicht Wachstumsdepressionen, aber sie stirbt in der Regel nicht ab. Aber klar, anders als ein Förster muss ich von den Bäumen nicht leben. Ich kann nur nicht verstehen, dass man immer gleich Untergangsszenarien beschwört.

Zurück zum Anfang. Sie machen sich selbstständig als Baumsachverständiger, glauben Sie wirklich, davon leben zu können?
Ja, ich denke schon. Ich arbeite ja in einer Branche, in der es nicht das oberste Ziel ist, reich zu werden. Ich habe für mich lediglich den Anspruch, etwas Vernünftiges zu machen.

(Der Landbote)

Erstellt: 24.01.2017, 09:38 Uhr

Zur Person

Timo Scheurer ist 33 Jahre alt und lebt in Winterthur. Aufgewachsen ist er in Deutschland, wo er auch seine Ausbildung zum Landschaftsgärtner und das Studium in Arboristik absolvierte. Seit 2011 arbeitet er in der Schweiz, Anfang 2017 hat er sich selbstständig gemacht mit dem Baumsachverständigenbüro Vitalitree an der Meilistrasse 5 in Winterthur. Infos unter www.vitalitree.ch.

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