Winterthur

«Ich bleibe zum Trotz Muslima»

Die gläubige Muslima und Lehrerin Jasmin El-Sonbati kämpft für einen Islam, in dem Frauen gleiche Rechte wie Männer haben. Im StadTalk verurteilte sie zwar Dispensen für Schwimmkurse, einem «Lies!»-Verbot steht sie trotzdem kritisch gegenüber.

«Religion ist Privatsache», findet Jasmin El-Sonbati. Die Mitgründerin des Forums für einen fortschrittlichen Islam war zu Gast im StadtTalk.

«Religion ist Privatsache», findet Jasmin El-Sonbati. Die Mitgründerin des Forums für einen fortschrittlichen Islam war zu Gast im StadtTalk. Bild: Barbara Truninger

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Jasmin El-Sonbati wagte den Tabubruch: Sie organisiert Gebete, bei denen Männer und Frauen zusammen beten. Ein Affront für viele konservative Muslime. Umso mehr, weil eine Frau das Gebet leitet. Am Donnerstagabend kam die Basler Gymnasiallehrerin und Mitgründerin des Forums für einen fortschrittlichen Islam auf Einladung des StadTalks nach Winterthur. Keine Ausnahmen für Kinder von konservativen Eltern Auch wenn sich El-Sonbati als Vertreterin eines modernen und liberalen Islams versteht, zielte Moderator Michael Zollinger mit einigen Fragen dennoch auf die Probleme ab, die der Gesellschaft im Umgang mit ultrakonserva­tiven Muslimen begegnen: Dispensen von Schullagern oder Schwimmkursen, verweigerte Handschläge, sechsjährige Mädchen, die mit Kopftuch in den Kindergarten gehen müssen.

El-Sonbati warnte vor einer «falsch verstandenen Toleranz»: Die Schule habe einen klaren ­ integrativen Auftrag. «Es kann nicht sein, dass Kinder ausgeschlossen werden, dass sie auf Bildungschancen verzichten müssen.» Wichtig sei aber auch, respektvoll nachzufragen, wieso etwa ein Handschlag verweigert werde. «Denn auch in muslimischen Ländern geben sich Männer und Frauen die Hand.» Ausser in konservativen Kreisen – das sei aber bei Juden auch nicht anders.

Progressive Muslime uneins über «Lies!»-Verbot

Klare Worte fand El-Sonbati bei Fragen im Schulkontext, schwam­mig wurde sie jedoch, wenn es um Organisationen ging, die im Zusammenhang mit ­Jihad-Reisenden stehen. Hier scheinen die progressiven Muslime aus dem Umfeld des Forums für einen fortschrittlichen Islam genau so gespalten zu sein wie die Mehrheitsgesellschaft. Während Präsidentin Saïda Keller-Mes­sahli schon mehrmals ge­äussert hat, sie sei für ein Verbot der «Lies!»-Koranverteilaktion sowie für die Schliessung der An’Nur-Moschee, sagte Jasmin El-Sonbati im StadTalk: «Wenn ganz klare Beweise vorliegen, müsste man die Moschee schliessen.»

Und zu «Lies!»: «Ich würde die Aktion am liebsten verbieten, weiss aber nicht, ob das der demokratische Weg ist.» Sie finde es zwar richtig, dass Regierungsrat Mario Fehr auf die Gefahren aufmerksam mache, wichtiger sei jedoch eine kritische öffent­liche Debatte über Islamismus und ­Salafismus – beides Strömungen, welche die Religion zum alles bestimmenden Faktor im politischen und sozialen Leben erhöhen. Für El-Sonbati ist jedoch klar: «Religion ist Privatsache.» Die Re-Islamisierung der ägyptischen Gesellschaft

Mit diesem Religionsverständnis ist die Tochter eines ägyptischen Muslims und einer österreichischen Katholikin im Kairo der 60er-Jahre aufgewachsen. Ihre Eltern seien «nicht wahnsinnig praktizierend» gewesen, hätten sowohl christliche wie auch muslimische Feiertage begangen. El-Sonbati ist ohne Kopftuch auf­gewachsen. Das sei in Ägypten erst in den 70er-Jahren zu einem religiösen Accessoire geworden. «Meine Cousinen tragen ein Kopftuch, ihre Mütter trugen es noch nicht.»

Einen Grund für die Re-Islamisierung der ägyptischen Gesellschaft sieht sie in der Politik des ehemaligen Prä­sidenten Anwar al-Sadat: «Er wollte die Linke in Schach halten, indem er die religiöse Rechte stützte.» Deshalb habe er auch die islamistischen Muslimbrüder amnestiert, die sein Vorgänger inhaftiert hatte. Einen zweiten Grund sieht El-Sonbati bei den vielen Ägyptern, die als Gastarbeiter in die Golfstaaten reisen und danach die dortige Lesart des Korans in ihre Heimat mitbringen.

Wieso sie sich denn überhaupt für den Islam entschieden habe, wenn sie doch als Kind eines gemischtreligiösen Ehepaars aufgewachsen sei, wollte ein Herr aus dem Publikum wissen. «Das war keine bewusste Wahl», antwortete El-Sonbati. Es sei für ­beide Elternteilen klar gewesen, dass der Vater die Religionszugehörigkeit vererbe. «Heute bleibe ich zum Trotz Muslima. Ich möchte etwas verändern, und das kann ich nur von innen.»

Erstellt: 20.05.2017, 10:26 Uhr

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