Frauenstreik

«Ich habe den Männerbünden nie gepasst – links wie rechts»

Katharina Strehler hat den Frauenstreik am 14. Juni 1991 in Winterthur mitorganisiert. Aus beruflicher und politischer Erfahrung weiss die knapp 70-jährige Niederglatterin: Die Forderungen von damals sind bis heute nicht eingelöst.

«Ich habe mich einfach durchgeboxt»: Katharina Strehler im Interview über ihr Dasein als Politikerin und Lehrerin.

«Ich habe mich einfach durchgeboxt»: Katharina Strehler im Interview über ihr Dasein als Politikerin und Lehrerin. Bild: Balz Murer

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«Wenn Frau will, steht alles still» – unter diesem Motto gingen am 14. Juni 1991 eine halbe Million Frauen auf die Strasse und formten die grösste Demonstration in der Schweiz seit dem Generalstreik 1918. Und Sie waren mittendrin.
Nicht nur das, ich habe auch ­mobilisiert, wie ich konnte. Diese Flyer habe ich überall verteilt, wo es ging. Mir war wichtig, Frauenthemen in allen Parteien einzubringen. Ich bin einfach so, ich rede mit allen. Aber: Die SVP hatte gar keine Frau und die Gewerkschaft meines Wissens auch nicht. (lacht) Die Bürgerlichen waren wenig interessiert: Von FDP und CVP erhielt ich oft Absagen, SP, EVP und Grüne waren aber auch nicht leicht zu überzeugen.

Und, wie haben Sie den Tag erlebt?
Das war ein Freitag. Ich habe als Lehrerin in Brüttisellen gearbeitet. Die meisten meiner Lehrerkollegen haben bis zu diesem Tag nicht gemerkt, dass der Streik etwas Grosses wird. Ich habe meine Teilnahme natürlich im Voraus angekündigt, bin aber am frühen Morgen in die Schule gegangen und habe kurz eine Gruppe von Mädchen informiert. Dann bin ich nach Winterthur gefahren. Gab das hinterher vielleicht Lämpe! Nur die Schülerinnen haben es positiv aufgenommen – sie haben schnell kapiert, worum es geht, auch weil viele von ihnen zu dem Zeitpunkt auf Lehrstellensuche waren.

Ist Ihr Engagement auch aus Ihren Erfahrungen als Lehrerin gewachsen?
In verschiedenen Schulhäusern war ich die einzige Frau auf der Stufe. Vielleicht hatte eine Seklehrerin mal ein Teilzeitpensum, aber es kam praktisch nie vor, dass eine Frau eine Klasse übernahm. Die Mannen dachten immer, sie kommen besser draus. Ich habe bald gemerkt, dass ich als Frau nicht dieselben Konflikte hatte wie sie, zum Beispiel mit den Vätern von Schülern, aber das wollten sie nicht wahrhaben. Ich glaube auch, dass Männer schlechter damit umgehen konnten, wenn Kritik von einer Frau kam. Aber ehrlich gesagt war ich zu dem Zeitpunkt in Frauenfragen eher passiv; nur mit meinem Vater habe ich immer wieder für meine Mutter gestritten, weil sie gratis in seinem Geschäft arbeitete. Ich habe insistiert, dass er ihr Lohn zahlen müsse, da ist er völlig ausgerastet. Politisiert wurde ich aber ganz anders.

Wie denn?
Während meiner Zeit am Gymnasium Rychenberg in Winterthur war ich im Norden von Virginia (USA) im Austauschjahr. Ich kam in die erste «integrierte Klasse», in der also auch schwarze Jugendliche waren. Diesem Ansatz zum Trotz wurde das eine schwarze Mädchen in unserer Klasse bei gewissen Themen immer wieder ausgeschlossen. Ich habe damals noch nicht verstanden, wieso. Dazu kam noch meine religiöse, republikanische Gastfamilie – das alles hat mich total gestresst. Kaum war ich zurück, habe ich wieder das Weite gesucht: Das Medizinstudium in Zürich habe ich abgebrochen, war dann in Neuenburg – zu provinziell –, in Lausanne, später in Marburg und Berlin.

Zurück im Kanton Zürich, haben Sie unter anderem bei den Grünen, der Poch, der FraP und heute der AL politisiert. Und Sie waren Gemeinderätin in Winterthur.
Genau, vor allem mein Gemeinderatsamt konnte ich gut nutzen, damit man mir zuhörte. Ich konnte mir Zugang verschaffen, wie er sonst nicht möglich gewesen wäre, zum Beispiel einmal an einer Aktion in einem Winterthurer Bordell. Und: Als Gemeinderätin konnte ich bei Problemen einfach in die Büros der Stadtverwaltung spazieren und habe mich durchgeboxt. Das hat denen natürlich nicht gepasst, aber das war mir egal.

«Denen»?
Na, den Männerbünden! Auch in den Parteien werden bis heute die wichtigen Entscheidungen nach den Sitzungen am Stammtisch gefällt; wer nicht mitmacht, redet nicht mit. Das ist bei der Linken nicht anders. Schon im Poch-Büro haben einige Männer sich machohaft benommen – und sich teils bis heute nicht ­geändert. Oder wenn ich, als alleinerziehende Mutter, meine Tochter an externe Gemeinderatsanlässe mitgenommen habe, gab das immer Stress. Das Problem dieser Männerbünde habe ich sehr lange nicht geschnallt. Da wird der Frauenstreik nächste Woche schon etwas bewirken.

Seit zwanzig Jahren leben Sie nun in Niederglatt. Was ist anders?
In Winterthur konnte man die Leute noch eher motivieren als auf dem Land. Hier ist alles sehr traditionell; ich war kurz im Gewerbeverein, bin da aber wieder ausgetreten, weil ich kritisiert habe, wie die Männer mich und ihre Frauen behandelten. Ständig schnöden und die Frau dann als Anhängsel mitbringen. Auf alle Fälle ist die Mobilisierung auf dem Land schwieriger, auch weil es kaum niederschwellige Treffpunkte für Frauen gibt. Uns fehlt die Infrastruktur. Die Kumpanenschaft, die Männer im Militär erleben, kennen wir Frauen nicht – dabei sind es Frauen und Kinder, die das Dorf erhalten!

Wie meinen Sie das?
Männer sind am Abend hier und gehen dann in den Schiessverein, in die Feuerwehr oder zum Jassen. Frauen können sich höchstens bei sich zu Hause treffen oder wenn sie mit Hund oder Kinderwagen spazieren gehen. Das Angebot ist so bescheiden, es gibt auch kaum Märkte hier. Wenn ich mir die Anlässe für kommenden Freitag ansehe, muss ich auch feststellen, dass der Streik nicht aufs Land getragen wurde. Dass in Zürich und Winterthur etwas läuft, ist klar, aber die Sichtbarkeit in der Provinz wäre geradeso wichtig.

Fassen Sie abschliessend zusammen, warum Sie den Frauenstreik unterstützen.
Schauen Sie, ich war alleinerziehend, voll berufstätig und politisch aktiv. Ich habe keine Ahnung mehr, wie ich das geschafft habe – es gab ja kein Betreuungsangebot, ich musste enorm viel selber organisieren. Man hat mich deswegen auch schon Rabenmutter genannt. Das ist nur ein Grund für den Frauenstreik. Die Forderungen von damals, Lohngleichheit, Wertschätzung, das alles ist noch nicht eingelöst. Wahrscheinlich brauchen wir in zwanzig Jahren dann noch einen Frauenstreik. (lacht)

Sind Sie am Freitag auch dabei?
Ich war in meinem Leben weiss Gott an genug Demos, und ich feiere tags darauf meinen 70. Geburtstag. Deshalb nein. Aber ich gehe davon aus, dass der Streik viel breiter wird als 1991 – auch viele junge Männer überlegen sich, was sie zum Streik beitragen können. Dieses Bewusstsein hat sich geändert. Ich hoffe, dass diese Welle auch im Herbst mehr Frauen nach Bundesbern spült.

Erstellt: 07.06.2019, 11:15 Uhr

Mit diesem Zettel wurde 1991 für den Frauenstreik mobilisiert.

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