Winterthur

«Ich habe immer ehrliche Politik gemacht»

Erst liess sie sich ins lukrative Schulpräsidium wählen, dann wechselte sie die Partei. SP-Kreise werfen Chantal Galladé Opportunismus vor. Diese wehrt sich, spricht politische Differenzen an und sagt, bei der GLP fühle sie sich frei.

Chantal Galladé rechtfertigt sich für ihren Parteiwechsel.

Chantal Galladé rechtfertigt sich für ihren Parteiwechsel. Bild: elo

Ihr Parteiwechsel ist bei der SP wie eine Bombe eingeschlagen. Wie hat Ihr Bruder die Nachricht aufgenommen?
Chantal Galladé: Über private Gespräche gebe ich grundsätzlich keine Auskunft. Ich kann aber sagen, dass ich bisher aus der ganzen Schweiz fast nur positive Reaktionen bekommen habe.

Die SP haben Sie erst gestern Abend informiert? Wen haben Sie ins Bild persönlich gesetzt?
Es gibt einen engen Kreis, den ich informiert habe. Menschen, die mit mir im engen Kontakt stehen und mich immer unterstützt haben. Für diese Menschen ist mein Wechsel ein logischer Schritt. Den Parteiaustritt habe ich natürlich auch noch schriftlich gegeben.

Ihr Rücktritt fällt in die heisse Phase der Kantonsratswahlen. Wäre es nicht fairer gewesen, vier Wochen zu warten?
Würde ich bis nach den Wahlen warten, wäre es vor den nächsten Wahlen - vor den nationalen Wahlen. Der richtige Zeitpunkt für den Parteiwechsel ist dann, wenn es für einen selbst stimmt. Vielleicht kann ich mit meinem Schritt mehr Verständnis für ein konstruktives Verhältnis mit Europa schaffen.

«Der richtige Moment für einen Parteiwechsel ist dann, wenn es für einen selbst stimmt.»

Die Haltung der SP zum Rahmenabkommen hat das Fass für Sie zum überlaufen gebracht, haben Sie gesagt. Haben Sie die Dissonanz nicht mehr vertragen oder standen Sie schlicht zu isoliert da in ihrer Partei?
Ich habe in der SP viele Weggefährten im sozialliberalen Flügel. Die SP war für mich immer die Partei, die für vernünftige Beziehungen zu Europa stand und für ökologischen und gesellschaftlichen Fortschritt eintritt. Heute ist die GLP die neue Heimat der Sozialliberalen. Bei der GLP wird lösungsorientiert diskutiert, die Argumente zählen.

Sie haben ihren Parteiaustritt nicht mit einer Medienmitteilung, sondern mit einem ganzseitigen Interview im Tages-Anzeiger publik gemacht. Sie müssen zugeben, das wirkt ziemlich demonstrativ.
Ich wollte meine Überlegungen darlegen, ohne dass ich gegen meine alte Partei ausgespielt werde, und ohne Fehlinterpretationen und Verwässerungen. Da ist ein Interview das beste Mittel.

Aber Sie wollten der SP auch eine Botschaft senden.
Nein. Meine Botschaft ist es, zu erklären, was mich zum Parteiwechsel bewegt hat, und auf die Wichtigkeit des Rahmenabkommens für gute Beziehungen mit Europa hinzuweisen.

Sie haben aber auch Kritik geübt. Sinngemäss: Wer in der SP nicht den Mainstream vertritt, wird mundtot gemacht.
Das habe ich nicht gesagt.

Sie sagen es ex negativo, wenn Sie betonen, bei der GLP sei noch eine echte Debatte möglich und Meinungsvielfalt.
Bei mir persönlich ist in der GLP wieder Freude und Lust am Politisieren entstanden. Hier gibt es viele engagierte Menschen, die mit Lust, Toleranz und Offenheit Diskussionen führen - ich fühle mich frei.

Sie tun es wieder. Die Toleranz hat Ihnen also in der SP gefehlt?
Nein, ich möchte wirklich nichts Negatives über die SP sagen, sondern erklären, warum ich jetzt in der GLP bin.

Reden wir von Ihrer Karriere. Bei den Ständeratswahlen 2007 haben Sie sich der Parteiraison untergeordnet, bei den Regierungsratswahlen 2015 dankte es ihnen die Partei nicht. Es war der linke, gewerkschaftsnahe Flügel, der nicht Sie, sondern Jaqueline Fehr aufstellen wollte. Haben Sie das verdaut?
Natürlich. Ich bin seit 30 Jahren politisch aktiv und weiss, dass auch Niederlagen dazugehören. Ich schaue aber ohne Bitterkeit zurück - ich habe mich immer mit Freude politisch engagiert, und es war ein Geben und Nehmen mit der Partei.

«Ich muss mich für mein politisches Engagement nicht entschuldigen.»

In Winterthur wurden Sie als Vertreterin der SP als Kreisschulpflegepräsidentin gewählt. Konsequent wäre es, jetzt zurückzutreten.
Nein. Das Schulpräsidium ist eine Persönlichkeits- und keine Parteiwahl. Es ist ein wichtiges Amt, in dem ich mich jeden Tag für die Menschen engagiere.

Sie sind allein gegen Felix Müller angetreten, dessen Abwahl nach negativen Schlagzeilen als sicher galt. Ohne Partei im Rücken und mit einer echten Gegenkandidatur wäre es schwierig geworden, die Schulpflegewahl zu gewinnen.
Ich hätte auch als Parteilose oder als GLPlerin gewinnen können. Das Schulpräsidium ist eine Persönlichkeits- und keine Parteiwahl, die ich auf Vorschlag der interparteilichen Konferenz mit 93% aller Stimmen gewonnen habe.

In der SP Winterthur gab es ein grosses Interesse an dem Posten. Viele mussten zurückstehen. Diese Leute und alle, die sich für Sie im Wahlkampf engagiert haben, stossen Sie vor den Kopf.
Ich möchte niemanden vor den Kopf stossen. Es steht der SP selbstverständlich frei, in drei Jahren wieder für das Amt anzutreten.

Was sagen Sie zum Vorwurf, Sie hätten sich mit der SP im Rücken noch ein gut entschädigtes Mandat gesichert - eine Art Überbrückung, bis Sie ihre Politkarriere über die GLP neu lanciert haben.Das stimmt nicht. Ich habe immer ehrliche Politik gemacht. Die Blidungspolitik ist seit jeher mein politisches Kernanliegen und ich übe dieses Amt mit grosser Freude aus.

Ethisch unverfänglicher wäre es gewesen, den Parteiwechsel zu einem Zeitpunkt ohne Mandat zu vollziehen.
Diesen Zeitpunkt gab es nie: Ich hatte immer ein Mandat. Als ich in Bern abtrat, war ich in Winterthur schon gewählt.

Das war Ihre eigene Entscheidung und Planung. Sie sind nicht gezwungen, immer ein Mandat zu haben.
Ich muss mich nicht entschuldigen für mein politisches Engagement. Ich habe mich immer mit sehr viel Leidenschaft für meine WählerInnen eingesetzt.

Schliessen Sie eine Kandidatur für die GLP für den Regierungsrat aus?
Ich fokussiere mich jetzt voll auf meine Arbeit als Präsidentin des Schulkreises Stadt-Töss und stehe deshalb in nächster Zeit nicht für ein politisches Amt zur Verfügung.

Sie weichen aus. Dass Sie möglicherweise in vier Jahren mit ihrer Freundin Natalie Rickli im Regierungsratssitzung sitzen, können Sie dieser Vorstellung etwas abgewinnnen?
Meine Freundschaft mit Frau Rickli ist privat. Ich freue mich, mein Wissen und meine Erfahrung in der Arbeit mit den Menschen in meinem Schulkreis einzubringen, was mir grossen Spass macht.

Ihre Tochter ist auch Mitglied der GLP. Heisst das, sie schwärmen daheim am Küchentisch schon lange für die Mittepartei?
Schon wieder eine private Frage? Meine Tochter ist eine sehr eigenständig denkende Person. Sie engagiert sich in der Klimabewegung und sitzt im kantonalen Jugendparlament. Und sie ist vor mir eingetreten.

Und wann?
Das kam mit der Klimabewegung in den letzten Monaten.

Erwarten Sie, dass Ihnen ein Teil des liberalen Flügels der SP folgt?
Ich erwarte gar nichts, und ich bin auch nicht missionarisch. Ich habe aber sehr viele positive Zuschriften erhalten aus der SP, wie auch aus anderen Parteien.

Die GLP versucht schon lange erfolglos in den Winterthurer Stadtrat zu kommen. Ein Parteiwechsel ihres Bruders wäre die zuverlässigste Methode. Können Sie sich das vorstellen?
Mein Bruder muss für sich selbst sprechen. Ich bin jedoch überzeugt, dass die GLP bei den nächsten Stadtratswahlen mit fähigen Persönlichkeiten gute Chancen hat auf einen Sitz.

Erstellt: 27.02.2019, 17:26 Uhr

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