Winterthur

«Ich hatte wenig Geld und immer Hunger»

Der Serieneinbrecher vom Lagerplatz war vor Gericht geständig und zeigt Reue. Der 26-jährige Mann, der eine IV-Rente bezieht, machte für seine Diebestouren prekäre Lebensumstände verantwortlich. Das Bezirksgericht Winterthur gab ihm eine letzte Chance.

Der 26-jährige Mann, der in Winterthur 2016 und 2017 elf Einbruchsdiebstähle begangen hatte, musste sich am Donnerstag vor Bezirksgericht Winterthur verantworten.

Der 26-jährige Mann, der in Winterthur 2016 und 2017 elf Einbruchsdiebstähle begangen hatte, musste sich am Donnerstag vor Bezirksgericht Winterthur verantworten. Bild: Marc Dahinden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es sollte ein Liebesbeweis für seine Freundin sein. Im April 2017 formte M. aus einer alten Turnhose ein Herz, übergoss es mit Benzin und zündete es an, vor einem Lieferauto mit der Aufschrift Bianchi. Beim Anzünden entwickelte sich durch den Benzindampf ein Feuerball. Da sei er in Panik ausgebrochen und geflüchtet, erzählte M. am Donnerstag vor Gericht. «Ich wusste nicht, dass Benzin so eine Stichflamme gibt. Ich dachte, das werde eher so wie bei einem Fondue-Öfeli.»

Diebstahlserie auf Lagerplatz

Was als Liebesbeweis gedacht war, führte vor knapp zwei Jahren zu einem Sachschaden von über 200 000 Franken, weil nicht nur der Lieferwagen, sondern auch das dahinter liegende Gebäude beschädigt wurde. M. gestand die Tat und zeigte Reue. Und er tat dies auch in den anderen elf Vorfällen, für die er sich am Donnerstag vor Bezirksgericht Winterthur verantworten musste – allesamt Diebstahleinbrüche, die er zwischen Sommer 2016 und März 2017 begangen hatte.

Unter anderem war M. in die Lux Bar, den Coiffeur Haartist, das Bistro Portier, das ASVZ-Gebäude und mehrere Bürogebäude auf dem Lagerplatz eingestiegen, die der Stiftung Abendrot gehören. Dabei erbeutete er Wertgegenstände wie Computer, Tablets und Spirituosen, nahm aber auch einmal Lebensmittel mit. «Ich hatte wenig Geld und immer Hunger.» Auch seinen ersten Diebstahl begründete er mit diesem Satz. Als er am «Portier» vorbeigekommen sei, habe er Esswaren entdeckt. Und um zu unterstreichen, wie hungrig er damals war, ergänzte M.: «Ich habe den Salami mitgenommen – als Moslem.»

Mit 20 Vater, IV-Rente

Der heute 26-Jährige hatte einen Grossteil seiner Kindheit in einem Internat und einem Jugendheim verbracht. Er wisse nicht, warum ihn die Mutter mit acht Jahren ins Internat geschickt habe. «Vielleicht war sie mit mir und den zwei Halbgeschwistern überfordert.» M. hatte eine Anlehre angefangen, diese aber abgebrochen. Als Grund nannte er, dass seine damalige Freundin schwanger gewesen sei und er oft zu ihr in den Thurgau gefahren sei. Nachdem er deswegen die Lehrstelle verloren hatte, erhielt er eine volle IV-Rente.

«Die damalige Freundin wollte aber nicht zu mir ziehen.» Das Kind, das heute sechs Jahre alt ist, sieht er sehr selten, weil das Verhältnis zur Mutter schlecht sei. Die Alimente wird direkt von seiner IV abgezogen.

Als Grund für die vielen Einbrüche nannte der Beschuldigte die emotional schwierige Situation ohne Arbeit und im Streit mit der Freundin, aber ebenso, dass er sich mit dem Geld «etwas gönnen wollte – Schuhe und Kleider kaufen, in der Szene anerkannt werden». Auch habe er seine Schulden, etwa bei der Swisscom abbezahlen wollen. Heute hat er einen Beistand, der ihm vor allem hilft, sein Geld richtig einzuteilen.

«Nicht sehr strafempfindlich»

Der Staatsanwalt meinte, der Beschuldigte habe aus rein egoistischen Gründen gehandelt, nicht aus einer finanziellen Notlage heraus. Mit der IV und den Ergänzungsleistungen habe er zwar nicht viel, aber genug zum Leben. Der Verteidiger hingegen argumentierte, dass M. mit den zwanzig Franken, die er pro Tag zur Verfügung habe, durchaus aus einer Notlage heraus gehandelt habe. Indem er in kleine Geschäfte eingestiegen sei, habe er immerhin «keine Familien aufgeschreckt». Der Staatsanwalt hingegen taxierte das Vorgehen gegen die kleinen Unternehmen als besonders perfide, da der Verlust beispielsweise dreier Computer für diese existenziell sein könne. Er forderte eine Freiheitsstrafe von 24 Monaten, davon 12 Monate bedingt mit einer Probezeit von drei Jahren. Da der Beschuldigte bereits vorbestraft sei und trotzdem weitergemacht habe, sei er offensichtlich «nicht sehr strafempfindlich».

Der Verteidiger hingegen sagte, dass eine Haft fatale Folgen hätte. M., der unter anderem eine emotional instabile Persönlichkeit und zum Teil depressive Phasen habe, würde im Gefängnis den Halt verlieren. Seit dem letzten Einbruch im Frühling 2017 habe er sich nichts mehr zuschulden lassen kommen. Sein Leben sei jetzt geordnet, mit einem geschützten Arbeitsplatz und einer stabilen Beziehung.

«Wir geben Ihnen eine letzte Chance», sagte denn auch die Richterin. Das Urteil lautete, 21 Monate bedingt. «Das Gericht sieht, dass Sie sich in den letzten zwei Jahren positiv entwickelt haben, Sie stehen im Arbeitsprozess und haben eine stabile Beziehung.» Er solle sich dieser «letzten Chance» bewusst sein. Der Mann bedankte sich und versicherte, dass man ihn vor Gericht nicht mehr sehen würde.

(landbote.ch)

Erstellt: 10.01.2019, 18:30 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!