Winterthur

«Ich kann so nicht mehr arbeiten»

Wie schlimm sind die Zustände im ­alten Polizeiposten? Ein Einsatzleiter berichtet, die Platznot mache dem Team die Arbeit schwer. Sein Fazit: «Nicht mehr zeitgemäss.»

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Der Polizeiposten am Obertor sei eine Zumutung, sagen die Politiker. Die Situation der Polizisten sei unwürdig, die Arbeitbedingungen grottenschlecht. Sogar von Menschenrechtsverletzungen war in der Parlamentsdebatte zum neuen Polizeigebäude die Rede. Die «prekären Zustände» sind das Hauptargument für den geplanten, rekordteuren Neubau.Ein Augenschein vor Ort zeigt: Es ist tatsächlich sehr eng in den verwinkelten Gebäuden, die ­Infrastruktur ist veraltet. Man merkt es dem Ort an, dass hier immer wieder erweitert, umgebaut, umgestellt wurde; die Beschreibung «historisch gewachsen» lässt sich gut verwenden.

Am meisten zu schaffen mache ihm der knappe Platz, erzählt ­Roland Duchène. Der 52-jährige Polizist ist einer von sechs Einsatzleitern der Sicherheitspolizei. Seit 24 Jahren geht er am Obertor ein und aus. Die Arbeit habe zugenommen, bilanziert er, und mehr Angestellte als früher müssten sich den Platz teilen. «Früher war in der Nacht Ruhe, da ist das noch gegangen so. Heute aber sind wir rund um die Uhr im Einsatz. Wir stossen an die Grenzen, wir können so nicht mehr arbeiten.»

Neu gleich viel Platzwie im Superblock

Im neuen Gebäude soll es mehr Platz geben. Die Büroarbeitsplatzfläche pro Polizist orientiert sich mit acht Quadratmetern an der Situation im Superblock. Die Gänge werden breiter, die Gar­deroben und Toiletten komfortabler. Zudem ist eine Platzreserve für ein Personalwachstum von zehn Prozent vorgesehen.

Unter der Platznot würden nicht nur die Polizisten leiden, meint Duchène, sondern auch die Bevölkerung. «Wenn jemand Anzeige erstatten will, weil ihm das Portemonnaie gestohlen wurde, muss er womöglich lange warten, weil gerade kein Raum für die Aufnahme der Anzeige frei ist.»

Ein weiterer Nachteil gemäss dem Einsatzleiter: Der Polizeiposten liegt in einer Wohn­gegend; den Innenhof teilen die Polizisten mit Anwohnern. «Es ist schwierig, wenn man in der Nacht schnell ausrücken soll, mit dem Auto oder dem Motorrad, und gleichzeitig nicht zu viel Lärm machen darf.» Mit der Ausweitung der Einsatzzeiten bis zum 24-Stunden-Betrieb habe auch die Lärmbelastung der Nachbarschaft zugenommen.

Der Polizeiposten liegt auch in einer Fussgängerzone. Zwar haben die Polizisten Vortritt, wenn sie mit Blaulicht ausrücken, sie müssten dabei aber «extrem aufpassen», sagt der Einsatzleiter. Oft schalte man das Blaulicht erst nach Verlassen der Altstadt an. Beim Neubau würde die Ausfahrt der Polizeifahrzeuge direkt aus der Tiefgarage auf die Obermühlestrasse erfolgen – schneller und sicherer. Dass Banditen die Polizisten am Obertor durch eine Blockade an der Ausfahrt gehindert hätten, wie es in der Parlamentsdebatte hiess, sei allerdings noch nie vorgekommen.

Duchène sagt, die meisten seiner 14 Mitarbeiter wünschten sich den Umzug sehnlich. Es gehe nicht um eine Geschmacksfrage – alte oder moderne Büros –, ­sondern um das Funktionieren des Betriebs. «Wir wollen nicht ­Luxus, wir wollen einfach zeit­gemässe Arbeitsbedingungen.»

Vorteile des alten Standorts: Bekanntheit, Verpflegung

Der Einsatzleiter räumt ein, dass der alte Standort auch Vorteile hat. Die Lage in der Altstadt sei günstig für die Anreise der Mitarbeiter mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sowie die Verpflegung; viele Polizisten kaufen ihr Essen vis-à-vis in der Migros oder im Spar. Auch sei man hier am Puls des Geschehens und beispielsweise bei Ladendiebstählen schnell zur Stelle. Und: «Die Bevölkerung weiss, wo wir sind.»

Gewiss gebe es auch langjährige Angestellte, die sich mit der heutigen Situation arrangiert haben, ergänzt Martin Köchli, der bei der Stadtpolizei das Dossier Polizeigebäude betreut. Auch löse die Aussicht auf einen Umzug von kleinen in grössere Büros nicht überall Freude aus; die Befindlichkeiten seien da verschieden, ähnlich wie bei den Verwaltungsmitarbeitern vor dem Umzug in den Superblock. Die Vorstellung, dass die Polizisten aus behaglichen, individuell eingerichteten Büros in anonyme Grossraum­büros umziehen müssten, sei aber falsch. Man wolle im neuen Gebäude ein «modernes, aktivierendes Bürokonzept» verfolgen.

Die Befürchtung, in einem grossen Neubau würden sich die Polizisten voneinander entfernen und weniger in Kontakt kommen, weist Köchli zurück. «Im Gegenteil: Wir rücken näher ­zusammen.» Die abteilungsübergreifende Zusammenarbeit werde einfacher. Aktuell sei die Belegschaft auf mehrere Häuser verteilt, künftig werde es nur ein Gebäude geben, mit einem gemeinsamen Personaleingang. Für den Austausch der Polizisten untereinander wird eine Cafeteria bereitstehen – unbedient, so wie heute.

(Der Landbote)

Erstellt: 30.09.2016, 11:54 Uhr

Stadtpolizist Roland Duchène findet die Zustände im alten Polizeigebäude unhaltbar. (Bild: Enzo Lopardo)

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